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Überlegungen des Bundesrats: Die Kinder wurden nicht vergessen
Aus SRF 4 News aktuell vom 13.08.2021.
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Corona-Ethik Wie ethisch ist es, Ungeimpfte nicht mehr speziell zu schützen?

Gesundheitsminister Alain Berset sagte kürzlich: «Wer sich nicht impft, nimmt eine Ansteckung mit den Konsequenzen, die damit verbunden sind, in Kauf und kann sich nicht mehr auf einen Schutz durch staatliche Massnahmen verlassen.» Das wirft Fragen auf, auch weil beispielsweise Impfstoffe in der Schweiz für Kinder unter 12 Jahren noch nicht zugelassen sind und es noch andere Gründe gibt, aus denen sich Menschen nicht impfen lassen können. Die Theologin Ruth Baumann-Hölzl sagt, wie sie dies aus ethischer Sicht sieht.

Ruth Baumann-Hölzle

Ruth Baumann-Hölzle

Ethikerin

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Ruth Baumann-Hölzle ist Institutsleiterin bei der Stiftung Dialog Ethik. Sie ist Ex­per­tin für Ethik in Or­ga­ni­sa­ti­on und Ge­sell­schaft und hat Theologie studiert.

Der Schwer­punkt ihrer Ar­beit: in­ter­dis­zi­pli­näre, in­ter­pro­fes­si­o­nelle und in­ter­or­ga­ni­sa­ti­o­nale ethi­sche Ent­schei­dungs­fin­dung im Ge­sund­heits- und So­zi­al­we­sen und an ge­sell­schaft­li­chen Schnitt­stel­len.

SRF News: Was sagen Sie zur Haltung «Quasi selber Schuld, wer sich nicht impfen lässt»?

Ruth Baumann-Hölzl: Wenn wir eine Krankheit als Schuld bezeichnen, ist das hochproblematisch. Im Rahmen der Humanität behandeln wir kranke Menschen grundsätzlich – unabhängig davon, ob sie an ihrer Erkrankung schuld sind oder nicht.  

Der Bundesrat nehme in Kauf, dass das Virus zirkuliert, sagte Bundesrat Berset an der letzten Medienkonferenz. Es werde sich besonders unter Ungeimpften verbreiten. Zu diesen gehören auch Kinder unter 12 Jahren. Ist das ethisch vertretbar?

Die Grundfrage ist, inwiefern der Impfstoff auch für Kinder bereits verantwortlich zugelassen ist. Diesbezüglich fehlen die Daten. Wir wissen im Moment zu wenig darüber, wie sich der Impfstoff auf Kinder auswirkt. Wir müssen das Verhältnis zwischen dem Erkrankungsrisiko der Kinder und den Risiken einer Impfung herstellen.

Im Moment spricht mehr dafür, die Kinder unter 12 Jahren noch nicht zu impfen.

Es geht nicht darum, ob Kinder ungeschützt sind. Bis anhin erkrankten Kinder sehr selten mit starken Symptomen. Es gilt also abzuwägen, wie gross das Risiko einer noch nicht zugelassenen Impfung bei gesunden Kindern ist. Wenn man den Zustand der Kinder anschaut, muss man sagen: Im Moment spricht mehr dafür, die Kinder unter 12 Jahren noch nicht zu impfen.

Sie sehen es nicht so, dass die Kinder vergessen wurden?

Auf keinen Fall. Die Datenlage ist diesbezüglich eindeutig.  Es kommt wie erwähnt selten zu Erkrankungen und die Erkrankungen verlaufen mild und führen nicht zu Todesfällen.

Ab dem 1. Oktober sollen Tests für asymptomatische Personen nicht mehr gratis sein. Ausnahmen gibt's für Kinder bis 12 Jahren und Personen, die sich nicht impfen lassen können. Reihentests in Schulen werden weiterhin vom Bund finanziert. Verstehen Sie diesen Entscheid des Bundesrates?

Diese Massnahme zeigt, dass Kinder getestet werden, dass der Bund am Schutz der Kinder interessiert ist und das auch fördert.

Würden Tests für Aktivitäten des alltäglichen Lebens wie einkaufen und so weiter verlangt, würde sich die Frage der Gerechtigkeit stellen.

Bezüglich der Kosten stellt sich die Grundfrage, für welche Zugänge solche Tests verlangt werden. Würden sie für Aktivitäten des alltäglichen Lebens wie einkaufen und so weiter verlangt, würde sich die Frage der Gerechtigkeit stellen. Die andere Frage ist, wie weit auch Menschen, die geimpft sind, noch Überträger sind und ob man an sie nicht die gleichen Anforderungen in Bezug auf einen Test stellen müsste wie an die anderen.  

Kann man aus ethischer Sicht Ungeimpfte nun ihrer Selbstverantwortung überlassen?

Auch das ist eine Grundsatzfrage. Mündigen Staatsbürgern und Staatsbürgerinnen, die urteilsfähig sind, muten wir immer Selbstverantwortung zu. Das gehört zu einem aufgeklärten demokratischen Staat, wie wir einer sind. Menschen sollen Verantwortung für sich selbst übernehmen. Der Staat umgekehrt hat auch die Verantwortung, die Bürgerinnen und Bürger als mündige Menschen zu behandeln und sie entsprechend zu informieren. Er hat seine Abwägungen offenzulegen, wie er zu bestimmten Entscheidungen kommt. Nur so gewinnen wir das Vertrauen der Menschen.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

SRF 4 News, 13.08.2021, 07:15 Uhr;

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234 Kommentare

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  • Kommentar von Erwin Lemoso  (Elemiso)
    "Wer sich nicht impft, nimmt eine Ansteckung mit den Konsequenzen, die damit verbunden sind, in Kauf und kann sich nicht mehr auf einen Schutz durch staatliche Massnahmen verlassen.»

    Auf diese Worte warten wir schon lange. Es wird wieder Zeit, dass auch der Bundesrat uns als mündige Bürger akzeptiert. Wir sind weder dumm noch hinterwäldlerisch. Jeder der sich nicht impfen will soll einfach in Ruhe gelassen werden.
    Warum brauchte es so lange bis auch der Bundesrat dies merkte?
    1. Antwort von Conny Hasler  (conhas)
      Weil ein Teil der Bevölkerung sich nicht wie mündige Bürger*innen verhält;
  • Kommentar von Peter Holzer  (Peter Holzer)
    Solodarität:

    - Sie wollen Rauchen - ich bin solidarisch und zahle KK Beiträge damit sie evtl. mal gegen Lungenkrebs behandelt werden können. Dies obwohl sie bewusst das Risiko eingegangen sind.

    - Sie wollen ihre geliebte Risiko-Sportart ausüben? - ich bin solidarisch und bezahle AHV/IV Beiträge falls sie verunfallen und IV Rente benötigen.

    - Ich möchte (noch) keine Covid Impfung - sie sind solidarisch und zahlen KK Beiträge damit ich im äussersten Notfall behandelt werden könnte.
  • Kommentar von Nico Stäger  (Nico Stäger)
    Ein Geimpfter darf mit dem Covid-Symptom Geschmacksverlust in die Disco und ins Konzert. Jemand mit Hepatitis B darf ohne Zertifikat ins Bordell. Jemand mit Influenza-Lungenentzündung darf in den Gottesdienst. Aber ein symptomlos Covid-Ungeimpfter soll Konsequenzen spüren und ausgegrenzt werden? Sind wir auf dem richtigen Weg? Ethik ist zwar individuell, aber nicht willkürlich.
    1. Antwort von Monika Mitulla  (momi)
      Jep - sauber festgehalten. Gestern abend in Bern vor dem Bundeshaus anlässlich der "Hommage 2021", einer Tonbildschau zur Geschichte des Frauenstimmrechts in der Schweiz gab es Einlasskontrollen - nur mit Maske und Zertifikat durfte man auf den Bundesplatz.
      Als Gesunder Nichtgeimpfter werden einem also gewisse Rechte abgesprochen - so weit sind wir heute!
    2. Antwort von Conny Hasler  (conhas)
      Monika Mitulla )10.21
      Diese Leute konnten sich ja testen lassen?ich verstehe Ihren Einwand nicht