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Bundesrat Bersets schlaflose Nächte
Aus Tagesgespräch vom 23.10.2020.
abspielen. Laufzeit 27:23 Minuten.
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Corona-Pandemie Alain Berset über Selbstzweifel und die Macht der Wissenschaft

Bundesrat Alain Berset über die Corona-Lage der Nation – und die Verantwortung, das Land durch die Krise zu führen.

Noch vor wenigen Wochen schien es, als habe die Schweiz die Pandemie besser im Griff als andere Länder. «Nun haben wir eine der schlechtesten Lagen in Europa», sagte ein tief besorgter Alain Berset am Mittwoch.

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Berset: «Es läuft nicht gut bei uns»
Aus SRF News vom 21.10.2020.
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Doch der ganze Kontinent ist in Alarmstellung: Ausgangssperren, «Teil-Lockdown», «Slowdown» – in vielen Ländern wird das öffentliche Leben wieder heruntergefahren. Und auch Bund und Kantone sind sich einig: Steigen die Zahlen weiter, müssen die Massnahmen verschärft werden.

Das weckt Ängste: In der Bevölkerung, der Wirtschaft, in der Kulturszene und im Sport. Über allem schwebt die Verunsicherung vieler Menschen, dass sich das Virus scheinbar ungebremst ausbreitet.

Das weiss auch Bundesrat Berset. Im «Tagesgespräch» wiederholt er: «Die Lage hat sich stark verschlechtert.» Die zentrale Frage für Bund und Kantone ist nun: Was tun? Es brauche einen Mittelweg, macht Berset klar: «Wir müssen das Gesundheitssystem, die Gesellschaft und die Wirtschaft gleichzeitig schützen – mit dem Ziel, den Schaden für alle zu minimieren.»

Arbeiten mit der Realität

Einfacher gesagt, als getan, wie die Auswirkungen des Lockdowns im Frühling zeigten. Berset räumt ein, dass das eine Gratwanderung ist – und er zeigt Verständnis für Verunsicherung und Unmut in der Bevölkerung: «Ja, die Unsicherheit, das Unbekannte – das alles ist mühsam. Aber das ist die Realität, und wir müssen damit arbeiten.» Ein Patentrezept zur Krisenbewältigung gebe es nicht.

«Auf Intensivstationen geht es nicht nur um die Anzahl von Betten und Beatmungsgeräten.
Autor: Alain BersetGesundheitsminister

Berset warnt erneut vor den verheerenden Auswirkungen einer Überlastung der Spitäler. «Wir konnten das in anderen Ländern beobachten. Solche Bilder will niemand in der Schweiz sehen.» Zudem greife es zu kurz, sich nur auf die Anzahl von Betten und Beatmungsgeräten in Intensivstationen zu fokussieren. Denn die Betreuung schwer erkrankter Covid-19-Patienten sei äusserst personalintensiv. Auch hier drohe man irgendwann an Grenzen zu stossen.

Berset: «Es geht nicht in Richtung Schliessung»

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Eine «Verschärfung der Massnahmen» lässt viel Spielraum für Interpretation. Zwischen Bund und Kantonen herrsche aber grosse Einigkeit, erklärt Berset – und nennt etwa die Maskenpflicht in öffentlich zugänglichen Innenräumen. Unbestritten sei seitens der Kantone auch, dass der Bund wieder eine stärkere Führungsrolle einnehmen solle.

In der «besonderen Lage» seien grundsätzlich die Kantone im Lead. Massnahmen vonseiten des Bundes sind aber derzeit in Erarbeitung. «Sie werden Veranstaltungen, Menschenansammlungen und öffentliche Einrichtungen betreffen.» Eines will Berset klar festhalten: «Es geht nicht in Richtung Schliessung.»

Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Bevölkerung die Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie für angemessen hält. Das Vertrauen in die Demokratie ist intakt.

Doch auch der Bundesrat weiss: Es gibt Widerstand. «Manche Leute fordern, alles zu schliessen und dass niemand das Haus verlassen soll. Andere finden, dass das Virus gar nicht existiert. Beide Extrempositionen sind nicht haltbar für ein Land.»

Doch was sagt der BAG-Chef zu Stimmen, die Covid-19 mit einer schweren Grippe vergleichen? «Es ist zum Glück kein Virus, das die Hälfte der Bevölkerung töten würde. Aber es ist viel gravierender als eine Grippe.» Zudem seien Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen besonders von schweren Krankheitsverläufen bedroht.

Leben wir in einer «Expertokratie»?

Berset stellt weiter klar, dass er nicht seine persönliche Meinung wiedergebe. «Ich bin kein Arzt. Ich stütze mich auf die wissenschaftliche Taskforce des Bundes. Sie sagt eindeutig: Es ist eine ernstzunehmende Situation.» Die Schweiz verfüge über herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – diese seien in der Taskforce versammelt. «Von diesen Kenntnissen müssen wir profitieren.»

Der Bundesrat übersetze die Erkenntnisse der Wissenschaft in Politik. «Es gehört nicht zur Aufgabe der Science-Taskforce, die Politik zu führen. Wir fällen die Entscheide.» Die Maxime des Gesundheitsministers: Nicht übertreiben, aber auch nicht unterschätzen. Zudem würden auch Stimmen aus der Gesellschaft und der Wirtschaft berücksichtigt, versichert Berset.

Es ist eine Ehre, in so einer schwierigen Situation für das Land arbeiten zu dürfen.
Autor: Alain BersetGesundheitsminister

Auf den Job von Exekutivpolitikern, die unpopuläre Entscheide mit möglicherweise gravierenden Folgen fällen müssen, ist derzeit niemand neidisch. Am Ende müssen sie Verantwortung übernehmen.

Schlaflose Nächte

Berset räumt ein, dass das nicht immer einfach ist. «Es ist ein Unterschied, eine Meinung zu haben oder entscheiden zu müssen.» Die Aufgabe sei sehr anspruchsvoll. «Ich bin aber auch dankbar. Es ist eine Ehre, in so einer schwierigen Situation für das Land arbeiten zu dürfen.»

Er wache immer wieder nachts auf und zweifle, ob diese Massnahme oder jene Verordnung die richtige sei: «Das Wichtigste in der Krisenbewältigung ist aber nicht, Fehler zu vermeiden – sondern Fehler so rasch wie möglich zu erkennen und zu korrigieren», schliesst Berset.

Tagesgespräch vom 23.10.2020, 13 Uhr;

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144 Kommentare

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  • Kommentar von Sammy Steiner  (SammySteiner)
    Gefärdet sind vor allem Leute ü60. Eingeschränkt werden alle, auch die die 0 Risiko haben. Macht wenig sinn. Wir bekämpfen ja AIDS auch nicht indem wir verheirateten Paaren Kondome geben.
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  • Kommentar von Verena Schär  (Nachdenklich)
    Vernehmlassung des Bundesrates in den Kantonen laut Blick.
    Wir haben diese noch nicht gesehen.

    Ist es die Forderung des Bundesrates oder eine Fragestellung?
    Wir haben dieses Papier noch nicht gesehen.

    Das ist der demokratische Weg in unserem Land.

    Der Bundesrat hat nicht (noch nicht) die Gesamtverantwortung.
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  • Kommentar von Thomas Schneebeli  (TS+LL)
    Forderungen des Bundesrates :

    Maskenpflicht im Freien,zumindest in Siedlungsgebieten
    Veranstaltungsgrenze bei 50 Personen
    Sperrstunde für Gastrobetriebe zwischen 22-6 Uhr
    Fernunterricht an höheren Schulen

    Der Task-Force ist nicht politisch legitimiert.
    Solche tiefen Eingriffe in unserer Freiheit dürfen nicht auf Grund von Forderungen der Task-Force stattfinden.
    Der BR und das Parlament sind bitte aufgefordert die Demokratie und Verhältnismässigkeit zu wahren.
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    1. Antwort von Beate Rieger  (Silenzio)
      @Schneebeli: Wir ALLE sind bitte dringend gefordert endlich konsequent die einfachen AHA Regeln einzuhalten. Die Task Force hat lediglich beratende Funktion. Bitte jetzt nicht ein neues „Feindbild“ projizieren. Das nützt nichts! Es bräuchte keine weiteren Massnahmen, wenn wir uns an einfache AHA Regeln hielten. Zudem bitte sehr kritisch bei den „Verharmloser“ bleiben und die Gesellschaft nicht spalten lassen. Es braucht uns ALLE.
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    2. Antwort von Beate Rieger  (Silenzio)
      AHA Regeln einhalten ist eigentlich einfach. Leider fällt dies vielen Menschen schwer und es entsteht Nachlässigkeit. Die niederen Fallzahlen der letzten Monate verführten zur „Sorglosigkeit“, man nahm das Virus nicht mehr ernst genug. „Verharmloser“ bekamen leider Aufwind und es vollzog sich eine Spaltung in der Gesellschaft. Ich wünsche mir z.B. mehr Aufklärung über (Corona)Pandemie und dies in unterschiedlichen Formaten (Videos, TV, Labor), anstelle nur Farbwechsel der BAG Flyer.
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    3. Antwort von Beate Rieger  (Silenzio)
      Viele wurden noch nie mit einer Pandemie konfrontiert und wissenschaftliche Erklärungen sind oft unverständlich. Weshalb werden keine einfache Informationen erstellt in unterschiedlichen Formaten (Videos, TV, Podcast, u.ä.), für verschiedene Zielgruppen? Wenn ich in der Rundschau sehe, wie Sorglosigkeit herrscht und Pandemie nicht verstanden wird, dann ist hier ein Nachholbedarf. So etwas könnte man interessant gestalten, damit das Verständnis und Akzeptanz wächst für einfache AHA Regeln.
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    4. Antwort von Beate Rieger  (Silenzio)
      Wenn ich z.B. die BAG Kampagne „Mach’s einfach!“ für junge Menschen anschaue, muss ich ungläubig mit dem Kopf schütteln. Slogans wie: „Gehört zum guten Ton: Trinkgeld und Kontaktdaten geben.“ oder „Haben dein Crush und dein Lieblingsclub gemeinsam: Sie wollen deine Nummer.“ oder „Ganz alleine allen helfen: Unbedingt Isolation und Quarantäne einhalten.“ oder
      „Standard bei Symptomen: Serienmarathon und Coronatest machen.“

      Wer kommt bitte auf solche Ideen? :-(
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