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Warum wütete das Virus in Alterheimen in der zweiten Welle derart heftig?
Aus Regionaljournal Basel Baselland vom 06.07.2021.
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Corona-Tote in Altersheimen Warum in der zweiten Welle so viele ältere Menschen starben

Die Behörden wussten, was sie gegen das Massensterben in Altersheimen hätten unternehmen müssen – trotzdem taten sie es teilweise nicht. Das zeigt die Recherche von SRF.

Die Lehre aus der ersten Coronawelle im Frühling 2020 war klar: Lebensgefährlich ist das Virus primär für alte und kranke Menschen. Obwohl das alle wussten, starben in der zweiten Coronawelle wieder besonders viele Menschen in den Alters- und Pflegeheimen.

Das zeigt sich eindrücklich am Beispiel des Kantons Baselland. An Heiligabend 2020 zeigt die Statistik der Corona-Toten im Kanton: Über 90 Prozent der Opfer der zweiten Welle hatten in einem Heim gelebt.

SRF-Recherche: Protokolle von Behörden und Heimen ausgewertet

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Wurden Fehler gemacht? Oder war das Massensterben in den Alters- und Pflegeheimen unumgänglich? Matieu Klee und Georg Halter vom «SRF-Regionaljournal Basel Baselland» machten sich auf die Suche nach Antworten.

Sie werteten Protokolle des Kantonsärztlichen Dienstes und des Kantonalen Krisenstabs aus. Und sie sprachen mit Behörden und Heimverantwortlichen.

Die Recherche von SRF bringt wichtige Erkenntnisse ans Licht: Die Behörden wussten genau, wie man das Massensterben in den Altersheimen hätte bremsen können. Trotzdem unternahmen sie nicht alles, um die Bewohnerinnen und Bewohner so gut wie möglich zu schützen.

Bewusste Entscheide und Überforderung

Das Massensterben war zum einen Folge von bewussten Entscheidungen, zum anderen aber auch die Folge davon, dass Behörden und Altersheime zum Zeitpunkt der zweiten Welle noch nicht so weit waren, um mit flächendeckenden Massentests das Ausbreiten des Virus konsequent eingrenzen zu können.

Beide Gründe gelten allerdings nicht nur für den Kanton Baselland, sondern für die gesamte Schweiz.

Am Beispiel des Alterszentrums Birsfelden lassen sich die Folgen der zweiten Coronawelle und das Verhalten der Behörden exemplarisch nachzeichnen.

Birsfelden ist mit 170 Plätzen eines der grössten Alters- und Pflegezentren im Kanton. Die ersten Bewohnenden stecken sich in den ersten Novembertagen 2020 an. Das Altersheim meldet gewissenhaft jeden neuen Fall dem Kantonsärztlichen Dienst und wartet auf Anweisungen zum weiteren Vorgehen.

Gefahr unterschätzt?

Am 12. November 2020 wird festgestellt, dass sich das Coronavirus bereits auf vier verschiedenen Abteilungen des Alterszentrums Birsfelden verbreitet hat. In einer Mail schreibt der stellvertretende Kantonsarzt damals, dass das Ausmass der Ansteckung «noch völlig unklar» sei. Denn wenn das Virus nicht auf einer Abteilung, sondern verteilt auf ein ganzes Heim ausbricht, ist die Gefahr gross, dass es sehr rasch ausser Kontrolle gerät.

Pflegende in Schutzmontur
Legende: In der zweiten Welle war das Virus den Schutzkonzepten einen Schritt voraus. Keystone / Symbolbild

Die Folgerung des Kantonsarztes ist darum eindeutig: «Es wird in jedem Fall eine Umgebungsabklärung des ganzen Hauses brauchen.» Gemeint ist damit ein Massentest bei allen Heimbewohnerinnen und -bewohnern und dem Personal.

Falsche Prioritäten gesetzt?

Dieser Massentest wird allerdings um ein paar Tage verschoben, weil ausgerechnet an diesen Tagen die Teststation des Kantons gezügelt wird und in einer Hauruckübung damals auch noch die Schweizer Fussballnationalmannschaft getestet werden muss.

Das Virus im Altersheim wütet weiter: Schon zwei Tage später, am 14. November, bricht Corona auf einer fünften Abteilung aus. Der Kantonsarzt ordnet verschärfte Schutzmassnahmen an wie ein Ausgehverbot oder dass auf Therapien zu verzichten sei.

Am folgenden Tag stirbt die erste Bewohnerin oder der erste Bewohner an Corona. Auch wenn sich die Meldungen weiteren Personen des Heims, die positiv getestet wurden, an die Behörden häufen, findet ein Massentest trotzdem vorläufig nicht statt.

Dramatisches Ausmass viel zu spät realisiert

Erst Ende November wird eine Abteilung getestet, die Demenzabteilung. Die Bilanz ist verheerend: 16 von 28 Bewohnenden sind positiv. Erst jetzt, mehr als drei Wochen, nachdem der stellvertretende Kantonsarzt selbst zum klaren Schluss gekommen war, dass man einen Massentest durchführen müsse, wird dieser schliesslich doch noch durchgeführt.

Eine Frau macht einen Corona-Test.
Legende: In der zweiten Welle waren systematische Tests noch wenig verbreitet. Keystone / Symbolbild

Zu diesem Zeitpunkt hat sich das Virus allerdings längst im Heim verbreitet und das Sterben der Bewohnenden hat begonnen. Am Ende stecken sich fast die Hälfte aller Bewohnerinnen und Bewohner an, ein Viertel von ihnen stirbt.

Kritik an den Behörden

Weshalb die Behörden den Massentest nicht sofort durchführen, verstanden die Verantwortlichen des Alters- und Pflegeheims Birsfelden schon damals nicht. Thomas Giudici, Leiter des Alterszentrums Birsfelden, sagt, er habe nicht verstanden, warum über drei Wochen mit dem Massentest gewartet wurde. Die Behörden hätten seiner Meinung nach «zu langsam und zu wenig radikal» gehandelt.

Man habe aus der ersten Welle gewusst, dass auch Menschen ohne Symptome Dutzende anstecken könnten. Welch grosse Gefahr gerade vom Personal ohne Symptome ausgeht, wusste man damals bereits.

Kontrolle völlig verloren

Warum also haben die Behörden im November so lange gezögert, bis sie alle Menschen im Alterszentrum Birsfelden testeten? Unterschätzten sie die Gefahr? Nein, sagt der Baselbieter Kantonsarzt Samuel Erny. Es habe während der zweiten Welle in so vielen verschiedenen Heimen im Baselbiet so viele Ausbrüche gegeben, dass man habe priorisieren müssen. Man habe von Tag zu Tag schauen und dort eingreifen müssen, wo es gerade am meisten gebrannt habe.

Birsfelden sei erst so viel später durchgetestet worden, weil die Lage in anderen Altersheimen noch prekärer geworden sei. Wie dramatisch die Situation in den insgesamt 30 Alters- und Pflegeheimen im Kanton auf dem Höhepunkt der zweiten Welle war, lässt der «Lagerapport des Teilstabs Pandemie» des Kantonalen Krisenstabs vom 26. November erahnen: «Deutlich steigende Übersterblichkeit (…). Sind den steigenden Fallzahlen der Bevölkerung ausgeliefert.»

Auch Patrick Reiniger, Chef des Kantonalen Krisenstabs, ist der Meinung, der Kanton habe nichts falsch gemacht. Alle betroffenen Altersheime durchzutesten sei zu jener Zeit ganz einfach nicht möglich gewesen: «Heute könnten wir ohne Probleme in ein Heim rein, den Virenherd trockenlegen und so die Ausbreitung stoppen.»

Damals aber sei man weder technisch noch personell dazu bereit gewesen. «Es hat uns sehr betroffen gemacht, zu sehen, was in den Altersheimen geschieht», sagt Reiniger heute.

«Schutz der Bewohner muss verbessert werden»

Und doch drehen sich die Lagerapporte des Krisenstabs hauptsächlich um eine Frage, wenn es um Altersheime geht. Nämlich um das Worst-Case-Szenario: Was würde passieren, wenn so viel Personal ausfallen würde, dass man Bewohnerinnen und Bewohner nicht mehr im Heim betreuen könnte? Wie könnte man verhindern, dass diese in ein Spital verlegt werden müssen und dort die knappen Spitalplätze belegen?

Erst am 14. Dezember 2020 dreht sich der Lagerapport des Krisenstabs um die Bewohnerinnen und Bewohner selbst: «Schutz der Bewohner muss besser wahrgenommen werden.»

Der Kantonsärztliche Dienst und der Kantonale Krisenstab ziehen noch vor dem Ende der zweiten Welle die Lehren aus den bitteren Erfahrungen in den Altersheimen. Sie bilden in den Altersheimen Mitarbeitende aus, welche selber andere Mitarbeitende oder Bewohnende testen können. Und sie bauen eine Informatiklösung auf für die Registrierung der Getesteten. So kann der Kanton in den ersten Januartagen 2021 an einem Wochenende über 2000 Mitarbeitende der Alters- und Pflegeheime testen.

Zusammen mit der Impfung, die im Baselbiet ebenfalls zuallererst in den Heimen startet, schafft es der Kanton schliesslich im Januar 2021, die Eskalation in den Heimen zu stoppen.

Ist die zweite Welle einfach zu früh gekommen, war das Massensterben in den Altersheimen aus Sicht der Behörden also so etwas wie Schicksal? Krisenstab-Chef Patrick Reiniger sagt: «Ja, das kann man sagen. Wir hatten kein Glück, dass uns die Welle zu jenem Zeitpunkt traf. Aber wir wussten: Wir werden die Welle brechen können.»

Abwägen zwischen Sicherheit und Freiheit

Ein wichtiger Faktor gehört aber auch noch zur Erklärung, warum in der zweiten Welle so viele Menschen in den Alters- und Pflegeheimen starben: Die Behörden wollten die Menschen in den Heimen zwar schützen, aber nicht wegschliessen. Patrick Reiniger vom Krisenstab sagt es so: «Es war ein Abwägen zwischen Sicherheit und Freiheit.»

Eine Frau reinigt einen Tisch, ein älterer Mann sitzt im Rollstuhl.
Legende: In der ersten Welle fühlten sie viele Bewohner eingesperrt. Keystone / Symbolbild

Die Erfahrungen der ersten Welle hätten gezeigt, dass ein radikales Besuchsverbot zwar Schutz bringe, letztlich aber zu viele Nachteile beinhalte und darum nicht erwünscht sei: «Das hat zu enormen seelischen Belastungen von Bewohnenden und Angehörigen geführt», so Reiniger. Die Behörden hätten darum bewusst auf ein absolutes Besuchsverbot verzichtet.

Morddrohungen und verurteilende Flyer

Wie schwierig diese Gratwanderung war, zeigt wieder das Beispiel Birsfelden: Einerseits erhielt Heimleiter Thomas Giudici Morddrohungen von Leuten, die ihm vorwarfen, die Altersheimbewohnenden sterben zu lassen. Anderseits wurden auf der Strasse Flyer verteilt von Leuten, die ihm vorwarfen, die Bewohnenden einzusperren, während man auf die Massentests wartete.

Regionlajournal Basel, 8.7.2021, 17:30 Uhr;

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65 Kommentare

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Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Tobias Flückiger  (Töbu)
    In diesem Thread fällt mir besonders deutlich die starke Tendenz auf, bei Corona extreme Standpunkte zu vertreten. Vielleicht sollten die Zustimm-Option doch wieder abgeschafft werden. Auch in der Forschung gibt es aber diese Tendenz, vor Allem mit der Zero-Covid-Bewegung, für welche sich auch einige Schweizer Epidemiologinnen engagieren. Schaut man genauer hin, werden die Töne allerdings zunehmend vorsichtiger. So wird für Zero-Covid mehr als Haltung, nicht konkretes Ziel argumentiert... 1/2
    1. Antwort von Tobias Flückiger  (Töbu)
      Ex-Taskforce-Mitglied Althaus hat kürzlich in der NZZ gesagt, er würde es bevorzugen, mit eher milden Massnahmen wie Schweden konsequent zu fahren, als zwischen Schliessungen und Lockerungen hin und her zu schwanken, wie die Schweiz. Darüber lässt sich streiten (ich teile seine Sicht in diesem Punkt), und das ist eben auch die Qualität einer spezifischen Einschätzung.
    2. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      Tobias Flückiger: 10:18 Herr Althaus hat mMn eine sehr "lebendige" Oeffentlichkeits-Arbeits-Kurve hingelegt. Anfangs Jahr ist er ja mit Kladeradatsch aus der tf ausgeschieden: mit Vorwürfen gegen den BR und dessen eben gerade nicht Null-covid-Weg. Jetzt kommen auf einmal diese Worte in der NZZ? Ich weiss nicht. Er wurde in der tf abgelöst von Urs Karrer, der Infektionloge ist, v.a. aber als Chef Med.Poliklinik am KSWinterthur ganz aus der Praxis kommt und diese praktischen Erfahrungen einbaut.
  • Kommentar von Claudius Luethi  (@claude)
    Die zweite Welle war doch die Wintersaison. In dieser sterben immer mehr Menschen an/mit Viren. Dies wird auch dieses Jahr so sein, ausser wie gehen alle in Isolation.
  • Kommentar von Klaus Waldeck  (Oldie)
    Wir stehen am Anfang der DRITTEN Welle , ob man es nun wahrhaben will oder nicht. Die Situation in den südlichen Feriendestinationen verschlechtert sich zusehend und die Auswirkung der EURO 2020 und anderer Grossanlässe kommen langsam zum Vorschein. Der Bundesrat täte gut daran SOFORT erforderliche Kontrollmassnahmen für ALLE in die Schweiz einreisenden Personen einzuführen und nicht nur allein auf die Wirkung der Impfungen zu setzen. Der IMPFZUG ist leider zu sehr verspätet.