Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Katastrophe in Crans-Montana Verbrannte Skifahrer: Geht «Charlie Hebdo»-Karikatur zu weit?

In der Romandie ist man über eine Karikatur im Satire-Magazin «Charlie Hebdo» empört. Nach einer Anzeige folgt nun die nächste Provokation.

Die Karikatur: Die Zeichnung wurde am Tag veröffentlicht, als die Schweiz um die Toten von Crans-Montana trauerte. «Charlie Hebdo» postete in den Sozialen Medien eine Karikatur, die zwei Brandopfer als Skifahrer zeigt. Auf einer Pistentafel ist «Crans-Montana» zu lesen, dazu die Aufschrift «Die Verbrannten fahren Ski». Darunter steht: «Die Komödie des Jahres». Das Ganze ist als Anspielung auf die französische Kult-Komödie «Les Bronzés font du ski» gestaltet.

Die Strafanzeige: Ein Walliser Ehepaar hat Strafanzeige gegen «Charlie Hebdo» und den Zeichner Eric Salch eingereicht. Beatrice Riand sagt gegenüber RTS, man wolle damit eine Debatte anstossen: «Das ist eine unnötige und inhaltsleere Karikatur, die nichts zur öffentlichen Debatte beiträgt. Ich persönlich fand sie abstossend.» Die Strafanzeige macht eine Verletzung von Artikel 135 des Schweizer Strafgesetzbuchs geltend. Beim Gesetzesartikel geht es darum, wann Gewaltdarstellungen unzulässig sind.

Sich über die Katastrophe lustig zu machen, ist für mich ein Tabu.
Autor: Ruedi Widmer Karikaturist

Der «Shitstorm»: Besonders in der Westschweiz sorgte die Veröffentlichung für Wirbel. Auf Instagram gab es Stand Dienstagnachmittag über 15’000, meist negative Kommentare unter dem ursprünglichen Post. Eine Nutzerin, die sich als Mutter des beim Brand verstorbenen französischen DJs Matéo Lesguer bezeichnet, schreibt in den Sozialen Medien: «Habt ihr an die Opfer und ihre Familien gedacht? Schämt euch, ihr seid zum Kotzen.» Laut SRF-Frankreich-Korrespondentin Zoé Geissler gibt es in Frankreich weniger Aufsehen um die Karikatur. Man sei Provokationen von «Charlie Hebdo» gewohnt.

Der «Hebdo»-Humor

Box aufklappen Box zuklappen

«Charlie Hebdo» ist ein französisches Satire-Magazin, das vor allem für seinen schonungslos schwarzen Humor bekannt ist, der auch vor Religionen und Minderheiten nicht Halt macht. In der jüngsten Ausgabe geht es etwa um den Antisemitismus in Frankreich. Ein Bild zeigt Menschen, die sich in einem Abfallkübel verstecken. Dazu die Aufschrift «Glücklich wie ein Jude in Frankreich». Auch die Karikatur zu Crans-Montana sei typisch für «Hebdo», sagt der Schweizer Karikaturist Ruedi Widmer. Im Gegensatz zur Schweiz sei Satire in Frankreich brutal und brachial.

Ein Karikaturist ordnet ein: Ruedi Widmer zeichnet seit 25 Jahren Karikaturen für Schweizer Medien. Er sagt, Satire gehe eigentlich nie zu weit. «Sie darf eigentlich alles machen.» Gelungen findet er die Zeichnung trotzdem nicht. Sie ziele auf Opfer, auf wehrlose Jugendliche. «Man kann kritisieren, was zu dieser Katastrophe führte, aber die Katastrophe selbst ist für mich persönlich ein Tabu.» Zudem sei die Karikatur seiner Ansicht nach einfach nicht lustig.

«Je suis Charlie»

Box aufklappen Box zuklappen

Am 7. Januar 2015 stürmten islamistische Terroristen die Redaktion der französischen Satirezeitschrift «Charlie Hebdo». Zwölf Menschen kamen bei dem Terroranschlag ums Leben. Das Magazin hatte wiederholt umstrittene Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlicht. Der Anschlag wurde im Westen als Angriff auf die Meinungsfreiheit gewertet, und in den Sozialen Medien bekundeten Millionen Menschen Solidarität mit den Getöteten, indem sie «Je suis Charlie» posteten.

«Charlie Hebdo» verteidigt sich: In der Sendung «Forum» von RTS verteidigt der Chefredaktor von «Charlie Hebdo» die Karikatur. Die Zeichnung ziele nicht auf die Opfer, sondern auf die Absurdität dieser Tragödie, sagt Gérard Biard. «Es geht um einen Brand, also zeichnet man Brandopfer», rechtfertigt Biard die Motivwahl. Und: «Nur schwarzer Humor erlaubt es, die Grenzen des Sagbaren auszureizen.»

Nachschlag aus Paris: Der grosse Aufschrei in der Westschweiz ist nicht spurlos an der «Hebdo»-Redaktion vorbeigegangen. Am Montag veröffentlichte sie eine neue Zeichnung. Es zeigt mehrere Redaktionsmitglieder mit Pfeilen im Rücken, am Boden eine Blutlache. Zwei Armbrustschützen stehen im Eingang des Redaktionsbüros. «Darf man mit den Schweizerinnen und Schweizern lästern?», lautet die Überschrift. Karikaturist Ruedi Widmer kann sich mit dieser Zeichnung viel besser anfreunden: «Das finde ich nun wirklich tolle Satire, denn da geht es ja ums Ganze. Und da sind so viel mehr Fragen drin als bei der anderen Karikatur.»

News Plus, SRF 4 News, 16:39 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel