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Warum auch Junge schwer an Corona erkranken können
Aus Wissenschaftsmagazin vom 27.03.2021.
abspielen. Laufzeit 26:27 Minuten.
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Einem Rätsel auf der Spur Warum für manche junge Menschen Covid-19 gefährlich werden kann

Schwere Verläufe bei jungen Menschen sind selten, doch es gibt sie. Das ist ein Rätsel. Doch es gibt erste Erklärungen.

Warum manche junge Menschen schwer an Covid-19 erkranken, während die meisten anderen ihrer Altersgruppe leichte Verläufe haben, ist noch ein ungelöstes Rätsel. Doch allmählich wird klar: Das angeborene Immunsystem spielt eine entscheidende Rolle, sagt SRF-Wissenschaftsredaktorin Katrin Zöfel.

Katrin Zöfel

Katrin Zöfel

Wissenschaftsjournalistin

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Katrin Zöfel ist Wissenschaftsredaktorin bei SRF. Sie ist Biologin und versucht zu verstehen, wie die Wissenschaft helfen kann, Antworten auf gesellschaftlich wichtige Fragen zu finden.

SRF News: Was sagt die Forschung?

Katrin Zöfel: Es deutet immer mehr darauf hin, dass zumindest einige der jungen Menschen, die schwer an Corona erkranken, im angeborenen Immunsystem Defekte haben. Also in jenem Teil des Immunsystems, mit dem wir auf die Welt kommen. Dieser wehrt Krankheitserreger ab, die der Körper noch nicht kennt – so wie das neue Coronavirus SARS-CoV2, gegen das anfangs niemand immun war.

Niemand war zu Anfang immun und trotzdem verlaufen viele Infektionen mit Corona mild – das ist schon speziell, oder?

Ja, das ist eine Besonderheit von Corona. Eine Person mit einem milden Verlauf kann offenbar eine sehr wirksame erste Immunantwort abrufen. Der naheliegende Schluss ist darum, dass junge Menschen ohne Vorerkrankungen oder Risikofaktoren, die es trotzdem überraschend hart trifft, genau dort ein Defizit haben könnten.

Um dieser These nachzugehen, hat ein Forscher-Team in den Niederlanden zwei Brüderpaare zwischen Anfang 20 und Anfang 30 untersucht. Alle vier wurden schwer krank, alle mussten beatmet werden, einer starb. Die Forscher suchten gezielt nach männlichen Patienten, weil laut einer Erhebung in den Niederlanden unter jungen Patienten mit schweren Verläufen sechs von sieben männlich sind.

Was wurde herausgefunden?

Alle vier hatten in ihrem Erbgut Defekte im Gen TLR-7, damit ist auch der sogenannte Toll-Like-Receptor 7 defekt. Dieser erkennt Viren-Erbgut und schlägt Alarm, wenn ein möglicherweise gefährlicher Krankheitserreger im Körper ist.

Das Signal dieser TLR-7-Rezeptoren setzt die Interferon-Antwort in Gang. Interferone sind Botenstoffe, die sehr schnelle und effiziente Immunreaktionen auslösen. Diese erste Abwehrlinie hat bei diesen vier jungen Männern offenbar nicht gut funktioniert, sodass die Viren sich gut vermehren und einen schweren Verlauf auslösen konnten.

Und warum trifft es vor allem Männer?

Das liegt zumindest in diesem Fall daran, dass dieses TLR-7 auf dem X-Chromosom sitzt. Männer haben nur ein X-Chromosom und ein Y-Chromosom, Frauen haben zwei X-Chromosomen. Wenn sie auf einem X eine defekte Version des Gens haben, können sie immer noch eine intakte Version auf ihrem zweiten X-Chromosom haben. Männer nicht.

Diese eine Studie reicht aber nicht für weitgehende Schlüsse.

Nein. Aber weitere Studien deuten ebenfalls in diese Richtung. So eine aus den USA, die das Erbgut mehrerer hundert Patienten mit schweren COVID-19-Verläufen untersuchte, und es mit dem Erbgut von Menschen mit einem milden Verlauf verglich. Es wurden weitere genetische Besonderheiten gefunden. Einige davon hatten ebenfalls mit dem Interferon-Haushalt zu tun.

Ist damit das Rätsel gelöst, was über den Verlauf von COVID-19 entscheidet?

Nein, noch lange nicht. Aber es ist klar, dass die allererste Abwehr, das angeborene Immunsystem, eine zentrale Rolle für die erste Sortierung spielt: hier der milde, fast unbemerkte Krankheitsverlauf, und dort jemand, der das Virus gleich zu Anfang nicht besonders gut abwehren kann.

Das Gespräch führte Katharina Bochsler.

SRF2 Wissenschaftsmagazin vom 27.3.2021;

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90 Kommentare

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  • Kommentar von Georg Fischer  (SGF)
    Diese und weitere Studien zur Einschätzung der Gefährlichkeit von SARSCOV2 sind wichtig.Dazu gehören auch Studien zu LongCovid,über alle Alterskategorien,m/o Vorkerkrankungen.Zu den Todesfällen:Es gibt mittlerweile Studien welche die Anzahl verlorener Lebensjahre über alle Alterskategorien aufzeigen die an oder wegen Covid19 ,mit/ohne Vorerkrankungen,verstorben sind.Nicht zu unterschätzen den auch dies betrifft bei weitem nicht nur die "Alten".
  • Kommentar von René Rothacher  (Rguitar)
    Man beachte:
    Frau Zöfel ist Wissenschaftsjournalistin, nicht Wissenschaftlerin und schon gar nicht Virologin. Erheben Skeptiker ihre Stimme, wird immer nach fundierten wissenschaftlichen Quellen gefragt.

    Aber was noch viel wichtiger ist:
    Frau Zöfel hat vergessen zu erwähnen, dass Menschen mit diesem Gen-Defekt auf ALLE unbekannten Viren kritisch reagieren können, ob ein neuartiger Grippevirus, das neue Coronavirus, oder irgend ein anderes fieses Virus
    1. Antwort von Julian Braun  (jabr)
      Was für eine Schlussfolgerung leiten sie aus ihren Aussagen für die Relevanz des Artikels ab? Ist mir nicht ganz schlüssig
  • Kommentar von Urs Dupont  (udupont)
    Dass das Immunsystem eine Schlüsselrolle spielt, ist doch eine Binsenwahrheit. Umso unverständlicher deshalb, dass ausgerechnet auch diejenigen Gesundheitseinrichtungen wie Hallenbäder, Wellness Anlagen und Saunas jetzt schon 2x genau zu der Zeit geschlossen wurden (über 6 von 12 Monaten!!) , wo sie zur Stärkung des Virenabwehrsystem besonders wichtig sind. Zudem kommt es in diesen Anlagen bekanntlich nur zu äusserst wenigen, potentiell gefährlichen Begegnungen im Vergleich zu Familie und Schule
    1. Antwort von Werner Roth  (Werner Roth)
      Bravo, besser kann man es nicht beschreiben.
    2. Antwort von Conny Hasler  (conhas)
      Long Covid ist ein ganz neues Problem und es gibt ganz viele offene Fragen dazu,z.B., warum es auch viele junge fitte Leute betrifft.Das Immunsystem kann jede/r stärken,indem er/sie z.B. täglich an die frische Luft geht und sich so Bewegung schaffen kann.
    3. Antwort von Rahel Uster  (Rahel Uster)
      Ich würde auch liebend gerne wieder ins Fitness gehen und in der Sauna den Viren den Garaus machen. Aber nicht neben anderen keuchenden, Sporttreibenden. Freiluft wäre das ok, aber in einem geschlossenen Raum, mit all den angefeuchteten Oberflächen - nein Danke.
      Ich hoffe auf das baldige Einführen von desinfizierenden Luftreinigern. Es sind ja bereits solche Erfindungen am Start.
    4. Antwort von Thomas Bolupo  (Thomas Bolupo)
      Wenn man Gendefekte mit Fitness und Hallenbad wegtrainieren könnte, gäbe es keine Multiple Sklerose etc. mehr.
      Die Wissenschaftlerin spricht von einem fehlenden Gen. Das kann man sich nicht neu antrainieren.

      So einfach ist es leider nicht.
    5. Antwort von Simon Pfister  (Simon Pfister)
      Dem kann ich nur beipflichten. Herr Dupont.
      @Hasler: Long Covid ist kein neues Problem, bei anderen Erkältungsviren gab's auch schon immer Menschen, die es härter und länger traf als andere.
      @Uster: Mit dem permanenten Desinfizieren überall schwächen wir unser Immunsystem, das ist doch hinlänglich bekannt.
    6. Antwort von Rahel Uster  (Rahel Uster)
      @ Pfister:
      Dafür gehen die Leute umso öfter in den Wald. Da desinfizieren sie sich ihre Hände wohl kaum. Ein bisschen Waldboden oder Baumrinde an den Fingern - und schon hat man die tägliche Ration Mikroben, um das Immunsystem für normale Zeiten - nach Corona - in Schwung zu behalten!
    7. Antwort von Urs Dupont  (udupont)
      Werte Frau Uster, Fitness Center geschlossen zu halten, dafür habe ich Verständnis. Kein Verständnis habe ich für die totale Schliessung von Hallenbädern und Saunas, die ein sehr gutes Schutzkonzept haben und mit strikter Begrenzung der max. Besucherzahlen ist das Risiko praktisch Null, sich dort zu infizieren, insbesondere nicht einer 90 Grad Sauna. Auch das Risiko sich bei 50 Leuten in einer 10'000 m3 grossen Schwimmhalle anzustecken ist viel kleiner als bei 10 Leuten in einer 50m3-Stube.
    8. Antwort von Urs Dupont  (udupont)
      @T.Bolupo: Klar kann man mit Fitness, Hallenbad und Sauna keine Gendefekte heilen, unter welchen ein paar wenige Menschen leiden. Aber man kann ein grundsätzlich gesundes Immunsystem extrem stark auf Vordermann bringen und ich denke, wenn man Hallenbäder und Saunas kontrolliert offen gelassen hätte und z.B. dafür den sehr viel gefährlicheren Klassenunterricht zurückgefahren hätte, wären die Fallzahlen noch stärker gesunken und würden heute auch nicht mehr leicht ansteigen. Siehe 1. Welle!
    9. Antwort von Georg Fischer  (SGF)
      @Pfister: Wann begreifen Sie dass Covid19 kein Erkältungsvirus ist? Gehört zwar zur Familie der Corona Viren, aber eben ein neues mit ganz neuen spezifischen Eigenschaften.Dagegen hilft auch ein gesundes Immunsystem nicht immer.Beispiel:Meine Mutter,90j,hatte nie Grippe,gesundes Immunsystem und trotzdem das Norovirus eingefangen.Ein gesundes Immunsystem ist wichtig und man darf froh sein wenn man es hat,nur verhindern tut es Covid19 nicht.