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Extreme Trockenheit Droht uns eine Megadürre?

Klimaforscher Christian Pfister warnt: Trotz technologischem Fortschritt sind wir den Wetterextremen ausgeliefert. Der Mensch müsse klüger werden – und sich anpassen.

Legende: Audio Klimahistoriker Pfister: «Wir müssen lernen mit diesen Dürren zu leben» abspielen. Laufzeit 09:31 Minuten.
09:31 min, aus SRF 4 News aktuell vom 02.08.2018.

Hitzewarnungen, akute Waldbrandgefahr, ausgetrocknete Flussbette – und zu allem Überfluss muss das Arsenal an Raketen für die Bundesfeier im Keller verstaut werden. Sommer satt hat auch seine Schattenseiten. Und schon werden Vergleiche mit dem Rekordsommer 2003 gezogen, der sich ins Gedächtnis von Herr und Frau Schweizer eingebrannt hat.

Sonneblume
Legende: 34, 35, 35, 34, 33 und 34 Grad: Die Pflanzenwelt leidet unter den extremen Temperaturen. Keystone

Ungleich weiter blickt der emeritierte Klimahistoriker Christian Pfister zurück, und auch er wartet mit Rekordzahlen auf: Die diesjährige April- bis Juli-Periode sei die niederschlagsärmste seit Messbeginn: «Nur zwei Drittel des langjährigen Durchschnitts an Niederschlag sind gefallen.»

Christian Pfister

Christian Pfister

Historiker

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Pfister gilt als einer der Pioniere auf dem Gebiet der Historischen Klimatologie. Seit seiner Emeritierung ist er am Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern als freier Forscher tätig.

Kein Wunder, sprechen Experten vom «Dürresommer 2018», entgegen dem «Hitzesommer 2003»: «Wir leiden jetzt schon vier Monate unter extremer Trockenheit. Das war damals nicht der Fall», sagt Pfister.

Eine Dürre von apokalyptischen Ausmassen

Um die verheerenden Auswirkungen längerer Dürreperioden zu veranschaulichen, erinnert der Berner Historiker an die Megadürre von 1540. Der Jahresniederschlag betrug nur gerade ein Drittel der üblichen Menge, teils fiel wochenlang kein Tropfen Regen über Mitteleuropa. In Basel und Köln liess sich der Rhein auf dem Rücken von Pferden überqueren. Die fatale Kombination aus Hitze und Trockenheit hinterliess verbrannte Erde.

Pfister fasst die drastischen Folgen für die Umwelt zusammen: «Die Fische trieben bauchoben im lauwarmen Wasser, die Vegetation verdorrte, das Vieh verhungerte. Überall – von Frankreich bis Polen – brannten die Wälder, bei Temperaturen von wohl über 40 Grad. Grosse Teile Europas lagen unter einem dichten Rauchschleier.»

Trockenheit Bodensee im Jahr 2003
Legende: Im Sommer 2003 lag der Grund des Bodensees frei. Im Hitzesommer 1540 soll sogar die Insel Lindau zu Fuss erreichbar gewesen sein. Keystone

Das klingt nach beinahe apokalyptischen Verhältnissen, und tatsächlich suchte unermessliches Leid die Zeitgenossen heim. Die Menschen in Mitteleuropa hätten flächendeckend unter Epidemien gelitten, wahrscheinlich seien Hunderttausende gestorben, so Pfister.

Wo Verlierer, da Gewinner

Die extremen Wetterverhältnisse von 1540 hatten nicht nur Negativfolgen. Die Weinernte fiel doppelt so hoch aus wie üblich: «Die Preise fielen zusammen, der Alkoholgehalt des Weins war doppelt so hoch wie sonst. Es wird berichtet, dass sich die Menschen überall dem Trunk ergaben», so Pfister. Auch, weil der Überfluss an Wein dem plötzlich raren Gut Wasser preislich Konkurrenz machte.

Die Megadürre von vor bald 500 Jahren dürfte auch Skeptiker des Klimawandels auf den Plan rufen: Schliesslich ereignete sich der klimatische Supergau lange bevor es eine industrialisierte Wirtschaft gab.

Was wir derzeit erleben, zeigt an, wie die normalen Sommer der Zukunft aussehen
Autor: Christian PfisterKlimahistoriker

Doch Pfister warnt vor falschen Schlüssen: «Solche Ausreisser wie 1540 gab es immer, allerdings extrem selten.» 1542 sei bereits ein kaum je überliefertes, nasskaltes Jahr ohne Sommer gewesen. Heute müsse man dagegen von einem Trend sprechen: «Was wir derzeit erleben, zeigt an, wie die normalen Sommer der Zukunft aussehen. Dazu kommen Extreme, die wir noch nie gesehen haben.» Der Klimawandel sei kein Papiertiger, warnt Pfister.

Was droht, wenn der Regen ausbleibt

Der Klimahistoriker ist entsprechend alarmiert: Die Trockenheit könnte sich im Extremfall bis zum Jahresende halten. Es lasse sich aber erst am Ende des Jahres sagen, ob Vergleiche zu 1540 zulässig seien.

Doch lassen sich solche Vergleiche von der damaligen, mittelalterlichen Agrargesellschaft ins post-industrielle Zeitalter ziehen, ist der moderne Mensch den Launen der Natur immer noch ausgeliefert? Durchaus, befindet Pfister.

Solardach auf dem Land
Legende: Freuten sich 1540 die Winzer, sind es heute die Pioniere der Energiewende: «Volldampf gibt einzig die Sonne. Glücklich sind alle jene, die eine Solaranlage auf dem Dach haben», sagt Pfister. Keystone

Eine Winterdürre, wie sie das VBS berechnet habe, würde zu volkswirtschaftlichen Kosten von rund 100 Milliarden Franken führen, sagt Pfister – und das nur für die Schweiz. Konkret würde eine Rekorddürre etwa die Viehzucht (inklusive Notschlachtungen) und den Pflanzenbau treffen; schliesslich würde eine Energieknappheit folgen. Denn Atomkraftwerke brauchen Unmengen an Kühlwasser, auch die Wasserkraftwerke leiden.

Der Rückwärtsgang lässt sich nicht mehr einlegen: Wir müssen lernen mit diesen Dürren zu leben.
Autor: Christian PfisterKlimahistoriker

Aber lässt sich doch noch eine Trendwende einleiten? Eine klimapolitische Vollbremsung sei vielleicht möglich, sagt Pfister, «aber der Rückwärtsgang lässt sich nicht mehr einlegen. Wir müssen lernen mit diesen Dürren zu leben.»

Doch Pfister schliesst mit einem hoffnungsvollen Fazit: Extremereignisse würden zwar weh tun, «aber sie helfen auch, umzudenken. Menschen lernen praktisch nur aus Katastrophen. Sie werden klüger und passen sich an.»

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82 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Imber (Wasserfall)
    Den Menschen gibt es auf unserer Erde erst seit ganz kurzer Zeit. Und in ganz kurzer Zeit wird er auch wieder verschwunden sein. Die Erde wird es verschmerzen. Wir nehmen uns viel zu wichtig.
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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Nebst der zurzeit unerträglichen Hitze, kommt hinzu, dass wir in den Städten einen sehr hohen Anteil an betonierten und asphaltierten Oberflächen und Gebäuden haben. Die Böden sind grösstenteils verdichtet,keine Vegetation, der Boden glüht und reflektiert zusätzliche Wärme die bis in die Nacht Wärme an die Umgebung abgibt.Grünoasen verschwinden immer mehr für neue Gebäude. Die Zubetonierung der Schweiz wird uns in solchen Sommern weiter leiden lassen. Hat die Wirtschaft und Zuwanderung Vorrang?
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  • Kommentar von A. Zuckermann (azu)
    Natürlich hat es "Früher" auch schon Klimaveränderungen gegeben, aber im Unterschied zu Heute... es geht einfach zu schnell. Was in den letzten 40 Jahren gegangen ist brauchte "Früher" 10`000e von Jahren. Die Natur kann sich nicht anpassen. Was auch klar ist, wer diese Verschärfung zu verantworten hat: Es sind die Autofahrer, die Viel-Flieger und masslosen Konsumenten....
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    1. Antwort von Mike Pünt (Scientist)
      Es haben bestimmt auch in der Vergangenheit schon schnelle Klimaveränderungen stattgefunden (nach Vulkanausbrüchen usw.). Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass der heute stattfindende Klimawandel massgeblich durch uns vorangetrieben wird. Anders als bei einem Kometen oder Vulkanausbrüchen können, und müssen, wir dieses mal etwas dagegen tun. Es wird keine Wundertechnik, kein Wundergesetz, kommen, das uns rettet. Die einzigen Mittel sind Verzicht und überlegtes Handeln.
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    2. Antwort von A. Zuckermann (azu)
      Ach ja, noch etwas anderes: Viele Klimaskeptiker kommen aus der rechten Ecke und sind ja meistens auch gegen Asylsuchende... Bei einer Erhöhung der Durchschnittstemperatur von 0,5 Grad, verlieren ca 140 Millionen Menschen ihre Lebensgrundlage durch Dürre und Überflutung. Wo sollen die dann hin gehen? Sind das dann "echte" oder "unechte" Flüchtlinge?
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