Zum Inhalt springen

Header

Audio
Menschen am Existenzminimum droht die Schuldenfalle
Aus SRF 4 News aktuell vom 15.01.2021.
abspielen. Laufzeit 04:24 Minuten.
Inhalt

Folgen der Coronakrise Schuldenberater: «Vielen fehlt sogar das Geld für Lebensmittel»

Wegen der Coronamassnahmen verschulden sich immer mehr Menschen in der Schweiz. Das bestätigen verschiedene Schuldenberatungsstellen gegenüber Radio SRF. Der Bereichsleiter bei der Sozial- und Schuldenberatung Caritas St. Gallen/Appenzell, Lorenz Bertsch, fordert deshalb: Menschen mit Niedriglöhnen in Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit muss der volle Lohn ersetzt werden.

Lorenz Bertsch

Lorenz Bertsch

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Der Sozialarbeiter Lorenz Bertsch ist Regionalstellenleiter der Caritas-Schuldenberatungsstelle Sargans.

SRF News: Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten Monaten verändert?

Lorenz Bertsch: Es zeigt sich jetzt, dass sich viele Menschen seit dem Lockdown bloss noch durchgewürgt haben. Sie sind im Zahlungsrückstand oder haben Ratenzahlungen vereinbart.

Mit dem Shutdown droht das Kartenhaus einzustürzen.

In erster Linie können Krankenkassenprämien, Steuern und Wohnungsmieten nicht mehr bezahlt werden. Mit den neuen Shutdown-Massnahmen droht das Kartenhaus in manchen Fällen jetzt zusammenzubrechen. Das Verrückte dabei ist, dass vielen sogar das Geld für Lebensmittel fehlt.

Wie werden sich die neuen Massnahmen auswirken?

Die Fälle werden weiter zunehmen. Betroffen sind ja vor allem Menschen, die am Existenzminimum leben und überall im Zahlungsrückstand sind. Ihnen bleibt bloss, sich zu verschulden. So geraten sie in einen Betreibungskreislauf mit Pfändung. Das ist ein massives Problem, denn aus dieser Schuldenspirale kommt man fast nicht mehr heraus.

Kurzarbeitsentschädigung wurde erhöht

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen
Kurzarbeitsentschädigung wurde erhöht
Legende: Keystone

Das Parlament hat in der Wintersession vom vergangenen Dezember entschieden, dass bei Kurzarbeit wegen Corona Löhne bis 3470 Franken pro Monat zu 100 Prozent ersetzt werden. Bis 4340 Franken gilt dann eine abgestufte Entschädigung bis zu den eigentlich vorgesehenen 80 Prozent bei Löhnen über 4340 Franken pro Monat. Die Lösung gilt rückwirkend ab 1. Dezember und ist befristet bis Ende März. 3470 Franken beträgt der Mindestlohn im Gastgewerbe. Für Menschen mit tiefen Löhnen, die wegen Corona ihre Arbeit ganz verlieren, ist bislang jedoch keine politische Lösung getroffen worden. Ihnen bleibt deshalb kaum etwas anderes übrig als der Gang aufs Sozialamt, wenn das Geld nicht mehr reicht.

Hat sich der Kreis der Betroffenen im Vergleich zur Zeit vor der Coronakrise verändert?

Betroffen sind weiterhin vor allem 30- bis 50-Jährige. Tragisch ist aber, dass es derzeit vor allem Familien betrifft – und zwar Schweizer Familien. Es sind meist Menschen, die zu den Working Poor zählen: Sie arbeiten, leben aber am Existenzminimum.

Betroffen sind vor allem Familien. Schweizer Familien.

Betroffen sind vor allem die Branchen Gastronomie, Reinigung und Detailhandel. Weil die Betroffenen in Kurzarbeit oder als Arbeitslose jetzt weniger Lohn erhalten, können sie die Rechnungen nicht mehr bezahlen.

Was macht es mit Ihnen persönlich, wenn Sie mit ansehen müssen, wie immer mehr Menschen in die Schulden geraten?

Das trifft einen schon. Man sieht die eingeleiteten Massnahmen gegen die Corona-Ausbreitung, es werden Gelder gesprochen – aber diese Menschen am Existenzminimum gehen vergessen. Und es handelt sich dabei nicht um Menschen, die Leasings abgeschlossen haben oder Konsumkredite aufgenommen haben. Die Menschen arbeiten zwar, verdienen aber zu wenig. Sie gehen jetzt unter.

Die Menschen am Existenzminimum werden vergessen. Sie gehen jetzt unter.

Auch befürchte ich, dass es noch massiv schlimmer kommen wird, dass sich immer mehr Menschen werden verschulden müssen. Zwar wird sich die Gesamtsituation dereinst verbessern – doch für diese Menschen wird es extrem schwierig, wieder aus dem Schuldenkreislauf herauszukommen. Es ist eine tragische Geschichte, die viele armutsbetroffene Menschen trifft.

Die Kurzarbeitsgelder müssen für diese Menschen auf 100 Prozent aufgestockt werden!

Was müsste die Politik tun, um diesen Menschen zu helfen?

Es ist sonnenklar: Jene Menschen, die schon vor der Coronakrise am Existenzminimum gelebt haben, gehen jetzt unter. Die Arbeitslosengelder oder die Kurzarbeitsgelder müssen für diese Menschen auf 100 Prozent aufgestockt werden! Ihnen reichen die 80 Prozent ihres früheren, bereits sehr tiefen Lohnes nicht mehr, um schuldenfrei überleben zu können.

Das Gespräch führte Susanne Stöckl.

SRF 4 News, 15.1.2021, 7.20 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

63 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Marlies Artho  (marlies artho)
    Möchte hier erwähnen, dass ich sehr wohl bereit bin Menschen zu helfen, jedoch darf man nicht vergessen, dass dieses Jahr die Steuereinnahmen zurück gehen, durch Lockdown und Arbeitslosigkeit. Die Verschuldung wird auch noch die nächste Generation spüren, somit wird sie auch kürzer treten müssen. Dies kann für die Umwelt zum Vorteil sein. Weniger Fliegen, weniger wegwerfen, sorgsames umgehen auch im Materiellen Bereich. Für Lebensgewohnheit wird es wohl eine ziemlich starke Veränderungen geben.
  • Kommentar von Katica Öri  (Katiöri)
    Wer Schulden hat und arm ist wird schlechter behandelt als ein Verbrecher. Schulden bzw.. Schuldscheine verjähren erst nach 20 Jahren. In der Existenz Minimum werden die Steuerschulden nicht einberechnet. Die Sozialämter behandeln oft die Sozialhilfe Bezüger unwürdig. Die Hürden sind hoch. Aus dieser Dilemma kommen die wenigste Personen raus. Also einiges in dieser Richtungen zu verbessern währe sehr sinnvoll. Jetzt per sofort sollen arme Menschen zsätzlich im COVID Dilemma geholfen werden.
    1. Antwort von Marlies Artho  (marlies artho)
      K. Ö. so schlage ich doch vor, dass alle nur noch Schulden machen, so werden wir sehen wohin dies führt. Ob die Schweiz nachher wieder zum Entwicklungsland wird, wie einst, wird man ja dann sehen und spüren, das Geld wächst leider nicht auf den Bäumen. Kannte jemand dem wurden 30 000 Fr. Schulden von der Bank erlassen, so werden Menschen ohne Schulden leider bestraft, in dem sie die Verantwortung wahr nahmen und nicht über ihre Verhältnisse lebten. Dies ist die andere Seite der Medaille.
  • Kommentar von Marlies Artho  (marlies artho)
    Manchmal frage ich mich, wie dankbar heute Menschen überhaupt noch sind? Bei uns in der Schweiz muss niemand hungern, denn wer Arm ist bekommt Unterstützung. Nun ist aber bei mir eine Frage offen, wie hoch sind heute die Ansprüche, wie dankbar sind überhaupt noch einige Menschen, wenn sie Unterstützung bekommen? Selber war ich dankbar damals, als ich gebrauchte Möbel, gebrauchte Kleider, usw. bekam, für all dies war ich damals sehr dankbar und wie sieht es heute aus in Sachen Anspruch?