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Gottes Strafe bis Risikokultur Was die Schweiz aus Naturkatastrophen gelernt hat

Seit Jahrhunderten suchen Naturkatastrophen die Schweiz heim. Einige davon prägten den Umgang mit solchen Ereignissen grundlegend.

Vor einem Jahr zerstörte der Bergsturz von Blatten grosse Teile des Walliser Dorfs. Die Schweiz kennt solche Katastrophen seit Jahrhunderten: Erdbeben, Bergstürze oder Hochwasser haben ganze Regionen geprägt.

Mit jedem Naturereignis hat sich auch der Umgang mit Naturgefahren verändert. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat historische Ereignisse zusammengestellt, die dabei besonders bedeutend waren.

Auswahl des Bundesamts für Umwelt: historische Naturgefahren

Früher fühlten sich die Menschen Naturkatastrophen weitgehend ausgeliefert; sie galten oft als Schicksal oder als Strafe Gottes. Erst mit der Zeit begannen die Behörden, Naturgefahren systematischer zu untersuchen und Schutzmassnahmen aufzubauen.

1868: Naturgefahren werden zur nationalen Aufgabe

Besonders prägend waren die schweren Überschwemmungen von 1868. Sie führten dazu, dass sich die Schweiz erstmals national um eine Forst- und Wasserbaugesetzgebung kümmerte.

Mit der Bundesverfassung von 1874 erhielt der Bund mehr Kompetenzen beim Hochwasserschutz und beim Schutz der Bergwälder. In den folgenden Jahrzehnten wurden Flüsse korrigiert, Dämme gebaut, Hänge stabilisiert und Lawinenverbauungen errichtet.

Danach folgte eine trügerische Ruhe: Ab etwa 1875 wurde die Schweiz von keinen grossen Naturkatastrophen heimgesucht. Diese sogenannte rund 100-jährige Ereignislücke trug dazu bei, dass das Katastrophenrisiko im Verlauf des 20. Jahrhunderts fast vollständig vergessen ging.

1987: «Paradigmenwechsel»

Erst die schweren Unwetter im Alpenraum im Sommer 1987 führten erneut zu einem Umdenken. Der Schaden betrug fast 1.3 Milliarden Franken. Fachleute kamen zum Schluss: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Die Gefahrenprävention wurde wieder Thema.

Das Bafu spricht damals von einem Paradigmawechsel «von der reinen Gefahrenabwehr hin zu einer Risikokultur». Als Folge der Analysen wurden 1991 und 2025 die Bundesgesetze angepasst. Risiken sollen nun früher erkannt, besser geplant und breiter gedacht werden – ein «integrales Risikomanagement».

Luftaufnahme von überschwemmtem Dorf mit Häusern im Wasser.
Legende: Die Unwetter vom 24. und 25. August 1987 führten zu Erdrutschen und Überschwemmungen im ganzen Alpenraum, wie im Bild in der Reussebene bei Altdorf im Kanton Uri. (1987) KEYSTONE/Str

In den folgenden Jahren gewannen Gefahrenkarten, Raumplanung, Warnsysteme, Information der Bevölkerung und Notfallkonzepte an Bedeutung. Heute überwachen Behörden zahlreiche Hänge, Flüsse und Gletscher permanent. Die Bevölkerung wird über Plattformen informiert und gewarnt.

2025: Blatten zeigt den neuen Umgang mit Naturgefahren

Der Bergsturz von Blatten vor einem Jahr hat gezeigt, wie stark sich der Umgang mit Naturkatastrophen verändert hat: Der Berg wurde überwacht, die Gefahr früh erkannt und das Dorf rechtzeitig evakuiert.

Der Klimahistoriker Christian Pfister sagt, die Schweiz sei heute gut vorbereitet auf bekannte Naturgefahren. Sorgen bereiten ihm jedoch seltene Extremereignisse, die seit Jahrhunderten nicht mehr vorgekommen seien.

Besonders kritisch seien lang anhaltende Hitze- und Trockenperioden. Der emeritierte Professor für Klimageschichte der Universität Bern verweist auf das Extremjahr 1540: Damals sei es während des ganzen Jahres in ganz West- und Mitteleuropa extrem warm und trocken gewesen. Es habe grosse Probleme bei der Wasserversorgung und Landwirtschaft gegeben, zahlreiche Wälder hätten gebrannt.

Vogelperspektive auf leeren Bootsanleger mit zwei Booten.
Legende: «Wäre der Mai dieses Jahres bisher so warm und trocken gewesen wie der April, hätte die Gefahr für ein solches Extremereignis wie 1540 deutlich zugenommen», sagt Klimahistoriker Christian Pfister. Historisch hätten solche Ereignisse mit einem sehr trockenen und sehr warmen Frühling begonnen. (Untersee im April 2025) Keystone/ENNIO LEANZA

Pfister fordert deshalb, dass sich Behörden stärker mit seltenen Extremereignissen auseinandersetzen. Denn vorbereitet sei die Schweiz vor allem auf Katastrophen, die in der Geschichte häufig vorgekommen sind.

Diese «nicht-mutwilligen» Gefahren gelten heute als grösste Risiken

Rendez-vous, 26.05.2026, 12:30 Uhr;liea

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