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Inkompetenz bei Versicherung im Fall einer Vergewaltigung: Eine Betroffene erzählt
Aus Echo der Zeit vom 11.06.2020.
abspielen. Laufzeit 08:44 Minuten.
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Inkompetenz bei Versicherungen Eine Vergewaltigung ist kein Kreuzbandriss

Der Umgang von Versicherungen mit Opfern sexueller Gewalt kann zur Tortur werden. Wie es anders geht, zeigt das Universitätsspital Lausanne.

Opferhilfe-Organisationen fordern schon lange, dass Versicherungen im Umgang mit Opfern sexueller und häuslicher Gewalt professioneller werden und Schulungen erhalten. Denn: Sexuelle Gewalt ist auch in der Schweiz Realität. Opfer sind nicht nur, aber oft Frauen. Die Schweizer Fallzahlen sind offiziell niedrig, weil die wenigsten Fälle zur Anzeige kommen.

Zwar hat die Schweiz im Umgang mit sexueller Gewalt durchaus Fortschritte gemacht, man ist besser sensibilisiert auf das Thema als auch schon. Trotzdem gibt es viel Unwissen und Unvermögen, auch bei Stellen, die Opfer professionell betreuen sollten. Das zeigt beispielhaft die erschütternde Geschichte einer betroffenen Frau.

Statt unbeschwerte Ferientage mit einer Freundin zu verbringen, erlebte die Schweizerin Anna Müller in Griechenland einen Alptraum: später Nachmittag war es, in einem Strandkaffee beim Plaudern mit einem Einheimischen: «Beim Kaffee machte der Mann Avancen, die ich ablehnte. Er lächelte und sagte: ‹Das sagen sie immer und dann landen sie dennoch in meinem Bett›. Ich dachte, komisch und sagte ‹Du spinnst doch›, aber dann war es schon zu spät», erzählt Müller.

Er hat mich mitgenommen in ein Haus. Es war vergittert und ich wusste, hier komme ich nicht mehr raus.
Autor: Anna MüllerVergewaltigungsopfer

Medikamente im Kaffee

Denn der Medikamenten-Cocktail, den der Grieche in den Kaffee gemixt hatte, begann zu wirken. Vier Jahre ist das her, Anna Müller war 33 damals. Ihr wirklicher Name ist ein anderer. «Ich wusste, ich will nicht mit. Doch der Körper war wie eine Marionette. Er hat mich mitgenommen in ein Haus. Es war vergittert und ich wusste, hier komme ich nicht mehr raus.»

Der Mann vergewaltigte sie mehrfach brutal. Blut sei überall gewesen, die Schmerzen stark. In klaren Momenten habe sie sich gewehrt. Am nächsten Nachmittag habe er sie irgendwo abgeladen, von wo aus sie irgendwie zurück ins Hotel gekommen sei.

Mein Leben war nur noch Angst: Panikattacken, Alpträume.
Autor: Anna MüllerVergewaltigungsopfer

Für sie war klar: Sie möchte keine Strafanzeige in Griechenland erstatten. Dafür telefonierte sie mit ihrer Ärztin und informierte sich. «Drei Tage später bin ich heimgekommen. Dann ging das los mit Untersuchungen und Gesprächen: Opferhilfe, Ärztin, die Unfallmeldung bei der Versicherung.»

Die Verletzungen an Körper und Psyche waren da, die Medikamente aber liessen sich nicht mehr im Blut nachweisen. Sie habe sich gut betreut und unterstützt gefühlt von ihrer Ärztin, sagt Anna Müller.

Nach den Ferien arbeitete sie wieder zu 100 Prozent. Doch sie wusste, sie brauchte Hilfe. «Mein Leben war nur noch Angst: Panikattacken, Alpträume.»

Retraumatisiert durch Verhalten der Versicherung

Die Unfallversicherung bezahlte zwar die Psychotherapie. Doch das Verhalten der zuständigen Beraterin war unangemessen: «Sie muss eine extreme Faszination an diesem Fall gehabt haben. Sie hat mich wöchentlich angerufen für jeweils eine Stunde. Sie hat mir detaillierteste Fragen gestellt: zum Ablauf, zu den sexuellen Handlungen. Es gab Situationen, da sagte ich: ‹Das will ich nicht beantworten. › Dann sagte sie: ‹Wenn Sie nicht kooperativ sind, streichen wir Ihnen die Leistungen. ›»

Nach einer Weile brauchte Anna Müller nach der Versicherungsbefragung ein Therapiegespräch. Retraumatisierung nennt das die Fachwelt. Ausserdem drängte die Beraterin sie dazu, IV zu beantragen und sich umschulen zu lassen. Das sah Anna Müller nicht ein, sie konnte ja arbeiten.

«Nach anderthalb Jahren kam der Zusammenbruch und ich wollte den Versicherungsfall schliessen. Ich habe dann bei der Opferhilfe angefragt und dort war man schockiert über das Vorgehen der Versicherungsberaterin.»

Das Leben ist nicht mehr wie vorher

Eine Anwältin erreichte, dass sie weitere Therapiestunden vergütet erhielt und einen neuen Sachbearbeiter. Später teilte die Versicherung mit, sie zahle nicht mehr – ihre Ängste hätten keinen Zusammenhang mit dem Vorfall in Griechenland.

«Man kann doch einem Gewaltopfer nicht sagen, Deine Angst vor Männern, die Du zuvor nicht gehabt hast, hätte keinen Zusammenhang mit einer mehrfachen Vergewaltigung, während der ich eingesperrt war und nicht wusste, ob ich diese Nacht überlebe.»

Wie ein Schlag ins Gesicht beschreibt Anna Müller diesen Entscheid. Es gehe nicht an, dass Zuständige ohne entsprechende Weiterbildung solche Dossiers betreuten und Entscheide nicht auf die Einschätzung von Traumaspezialisten abstützten.

«Wenn eine Unfallversicherung ein solch traumatisches Erlebnis gleich wie einen Kreuzbandriss behandelt, dann schockiert mich das und es zeigt: Wir sind in diesem Land im Umgang mit psychischen Krisen hinter dem Mond.» Sie möchte verhindern, dass andere Betroffene gleiches durchleben müssen.

Inzwischen braucht Anna Müller weder Psychopharmaka noch Psychotherapie. Sie wirkt stark, selbstbewusst und offen. Doch ihr Leben ist nicht mehr wie vorher.

Arbeit im Kanton Waadt ist vorbildlich

Das eben geschilderte Beispiel ist erschütternd. Es gibt aber auch Teams, die vorbildlich mit solchen Fällen umgehen. So wie im Kanton Waadt. Seit über zehn Jahren gibt es im Universitätsspital Lausanne eine eigene Abteilung für Gewaltmedizin. Diese betreut Gewaltopfer umfassend und fachübergreifend.

Eine erste Untersuchung findet immer zu zweit statt – durch eine Rechtsmedizinerin und eine speziell ausgebildete Pflegefachkraft.
Autor: Nathalie Romain-GlasseyLeiterin der Abteilung für Gewaltmedizin im Universitätsspital Lausanne

Die Rechtsmedizinerin Nathalie Romain-Glassey leitet die Abteilung für Gewaltmedizin. An ihre Abteilung werden Gewaltopfer als erstes verwiesen. In den meisten Fällen durch den Notfalldienst, sagt Romain-Glassey.

«Eine erste Untersuchung findet immer zu zweit statt – durch eine Rechtsmedizinerin und eine speziell ausgebildete Pflegefachkraft. Diese hören den Betroffenen zu, transkribieren ihre Schilderungen, fotografieren Verletzungen und sichern allfällige Spuren wie DNA-Proben

Anschliessend entscheiden die behandelnden Fachkräfte, welche Stellen ihres Netzwerks innerhalb und ausserhalb des Spitals die weitere Betreuung übernehmen. Ganz wichtig sei, sagt Nathalie Romain-Glassey, dass den Gewaltopfern diese detaillierte Dokumentation ihres Falles mitgegeben werde.

Dokumentation für rechtliche Sicherheit

«Für viele ist es schon genug schwierig, den Schritt zu machen und über ihre Verletzungen zu sprechen. Entsprechend haben sie auch das Recht darauf, diese offizielle rechtsmedizinische Dokumentation in den Händen zu haben», erzählt Romain-Glassey.

Diese Dokumentation könnte zum Beispiel als Beweis an eine Versicherung weitergeleitet werden. Zudem hält sie Verletzungen und Beschwerden so fest, dass sie auch im Rahmen eines allfälligen rechtlichen Verfahrens verwendet werden kann. Sie wird in der Waadt standardmässig für alle Gewaltopfer erstellt. Und nicht erst zum Beispiel, wenn eine solche von Strafverfolgungsbehörden angeordnet wird.

Der Kanton Waadt ist der einzige, der die Finanzierung dieser Dokumentation geregelt hat: Er anerkennt sie als Bestandteil der medizinischen Versorgung und übernimmt die Kosten dafür, sowie für sämtliche Leistungen, die die Abteilung für Gewaltmedizin erbringt – entweder im Rahmen der Soforthilfe im Sinne des Opferhilfegesetzes oder als sogenannte Leistung der öffentlichen Gesundheit.

Opfer von häuslicher Gewalt müssen sich so also nicht davor fürchten, dass die gewaltausübende Person plötzlich Rechnungen im Briefkasten findet, was wiederum zu weiteren Misshandlungen führen könnte. Der politische Wille des Kantons, sei auch in anderer Hinsicht einzigartig, sagt Nathalie Romain-Glassey. Er unterstütze auch Weiterbildungsangebote, die grundlegend seien für die interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Bundesrat erklärt Lausanner Abteilung vorbildlich

«Diese Schulungen bringen verschiedene Akteure zusammen: von Sozialarbeitern, Rechtsmedizinern über Psychologinnen oder Gynäkologen bis zu Friedensrichterinnen. Wollen wir Opfer ganzheitlich betreuen können, ist es unabdingbar, dass alle die Rolle der anderen kennen und einander vertrauen», sagt Nathalie Romain Glassey, Leiterin der Abteilung für Gewaltmedizin im Universitätsspital Lausanne.

Der Bundesrat hat diese Abteilung in einem kürzlich veröffentlichten Bericht explizit erwähnt – als Beispiel mit Vorbildfunktion.

Echo der Zeit, 11.06.2020, 18.00 Uhr;

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Andreas Wiedler  (infonews)
    Wenn man den Blick auf die Rechtsprechungen der Schweizer Justiz richtet, erkennt man die Gewichtung. Wirtschaftskriminalität wird deutlich schneller und schärfer geahndet und steht so vor dem "menschlichen Leid".
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  • Kommentar von Samuel Herrmann  (Samuel Herrmann)
    Die Gesetze sind zweifellos teilweise veraltet. Wer jetzt aber nur nach härteren Strafen schreit, verkennt dass viele Verfahren an der Beweislage scheitern. Deshalb finde ich die Initiative der Waadt aber auch z.B. die im Berner Inselspital wichtig. Beweise sichern, Betreuung vermitteln und die Option zur Anzeige sicherstellen.
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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    "Sexual-Straftäter" jeglicher Art = unbedingte Gesetzes-Revision - Gerechtigkeit für die lebenslang traumatisierten Opfer und Verhinderung von "Wiederholungs-Opfern"!! STOP der "Kuscheljustiz" für die abartig veranlagte, diese auslebende Täterschaft!
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    1. Antwort von Fabian Malovini  (malovini.ch)
      @ casagrande: da es im bericht primär um opfer geht, finde ich den undifferenzierten kommentar über irgendwelche gesetzesrevision, täter etc. unpassend. höhere strafandrohungen haben vermutlich keine höhere abschreckende wirkung. wesentlich wichtiger ist die sicherung der beweise, die zu verbessern ist (wie im kanton waadt).
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