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Der Betrug nach dem Anlagebetrug
Aus Espresso vom 27.05.2021.
abspielen. Laufzeit 08:19 Minuten.
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Internet-Kriminalität Betrogene erneut im Visier von Onlinebetrügern

Kriminelle versuchen, Opfer von Anlagebetrug ein zweites Mal auszunehmen. Sie geben vor, das Geld zurückholen zu können.

Skrupellose Anlagebetrüger ergaunern allein in der Schweiz jedes Jahr Millionenbeträge. Ahnungslose Menschen investieren auf deren Plattformen anfänglich kleine Beträge. Die kriminellen «Anlageberater» gaukeln ihnen mit gefälschten «Live-Grafiken» Gewinne vor, so dass ihre Opfer immer mehr investieren.

Gauner kontaktieren Opfer von Anlagebetrug

Die Betrüger sind professionell geschult und arbeiten mit einem grossen Repertoire an psychologischen Tricks. Werden die Opfer misstrauisch und wollen sich ihr Geld oder ihren Gewinn auszahlen lassen, ist es zu spät. Das Geld – oft fünf- und sechsstellige Beträge – ist verloren. Doch damit nicht genug. Es gibt einen Betrug nach dem Betrug.

Die verzweifelten Opfer werden von Firmen kontaktiert, welche vorgaukeln, dass sie das verlorene Geld aufspüren oder sogar zurückholen können. Teilweise geraten Betroffene auch selbst an diese Firmen, wenn sie im Internet nach Hilfe suchen.

Tipps vom Spezialisten: So erkennen Sie diese Betrugsmasche

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Tipps vom Spezialisten: So erkennen Sie diese Betrugsmasche
Legende: Die betrügerischen Seiten kommen professionell daher. Screenshot

Im Interview gibt der Spezialist für Online-Kriminalität Tipps und Einschätzungen zur Betrugsmasche nach dem Anlagebetrug. Pascal Baumann ist Leiter des Dezernats Digitale Kriminalität der Kantonspolizei Bern.

SRF: Die Betroffenen dieser Masche wurden bereits Opfer eines Anlagebetrugs. Es sind quasi gebrannte Kinder, die vorgewarnt sein müssten. Weshalb fallen diese Menschen gleich nochmals auf einen Betrug herein?

Pascal Baumann: Mit solchen Aussagen muss man aufpassen, damit man nicht die Betroffenen zu Schuldigen oder Sündenböcken macht. Es sind immer noch die Betrüger, die hier ein Verbrechen begehen. Und diese gehen äusserst professionell vor, sind eloquent und einnehmend. Teilweise kennen sie Details zum vorangehenden Betrug, was bei den Betroffenen ihre Glaubwürdigkeit steigert. Und sie schaffen es, bei den Betroffenen Hoffnungen zu schüren. Die Geschädigten mussten oft hohe Verluste hinnehmen. Teilweise so hoch, dass sie in ihrer Existenz bedroht sind. Wenn nun jemand so einer Person glaubhaft versichern kann, dass das verlorene Geld wiederbeschafft werden kann, ist es von mir aus gesehen nachvollziehbar, dass die Betroffenen sich an diesen Strohhalm klammern und es versuchen.

Wie erkennt ein Laie, dass es sich hier um betrügerische Firmen und Internetseiten handelt? Diese kommen oft sehr professionell daher.

Das ist richtig. Diese Auftritte im Netz sind wirklich sehr professionell. Das ist ein Kennzeichen dieser Seiten. Am naheliegendsten ist es, im Internet nach Erfahrungswerten zu suchen. Es gibt verschiedene Portale, die sich auf solch betrügerische Seiten spezialisiert haben. Dazu ist anzumerken, dass man sich nicht von guten Bewertungen verleiten lässt. Diese sind manipulierbar. Man kann gute Rezensionen quasi kaufen. Ich empfehle, dass man sich auf die negativen Einträge konzentriert, auch wenn das nur sehr wenige sind.

Eine solche Internetseite, die uns «Espresso»-Hörerinnen gemeldet haben, hat ihr Dezernat unter die Lupe genommen. Der Sitz ist dieser Firma ist angeblich in Genf. Welche heiklen Punkte zu dieser Seite könnten auch Laien selbst feststellen?

Es handelt sich um die Seite «kantonalberatung.com». Sie haben es gesagt, die Firma ist angeblich in der Schweiz domiziliert. Es gibt jedoch keinen Handelsregistereintrag. Das kann man auf www.zefix.ch, Link öffnet in einem neuen Fenster sehr leicht überprüfen. Für mich erstaunlich ist auch, dass eine Firma, die in der Schweiz zuhause sein soll, auf ihrer Internetseite als Kontakt eine österreichische Telefonnummer angibt. Das mutet seltsam an. Zudem ist die Firma im Telefonverzeichnis weder unter ihrem Namen noch unter der Adresse oder der Telefonnummer zu finden. Auch hat der Name der Webseite «kantonalberatung.com» absolut nichts mit dem Firmenzweck zu tun. Das ist nicht in jedem Fall heikel, dennoch würde ich hellhörig werden. Hilfreich ist auch, wenn man eine Zweitmeinung einholt, also mit jemandem, der sich auskennt, darüber spricht. Generell gilt, dass man bei Geldgeschäften im Internet sehr vorsichtig ist – mit einem gesunden, vielleicht sogar übersteigerten Mass an Misstrauen.

Ermittlungen in mehreren Kantonen

Statt um Hilfe geht es aber auch hier um Betrug. Pascal Baumann, Leiter des Dezernats Digitale Kriminalität bei der Kantonspolizei Bern warnt: «Die Betroffenen müssen irgendwelche Abgaben entrichten in Form von Gebühren, Kommissionen oder Honoraren. Diese werden im Voraus bezahlt. Am Schluss ist auch dieses Geld verloren.» In mehreren Kantonen laufen Ermittlungen wegen dieser Betrugsmasche.

Wie bereits beim Anlagebetrug versuchen die Täter auch hier, ihre Opfer möglichst lange bei der Stange zu halten, um mehrere Zahlungen zu erhalten. Ob hinter dem Anlagebetrug und dieser Nachfolgemasche dieselben Personen stecken, ist laut Pascal Baumann nicht restlos klar: «Man geht davon aus, dass es beim Online-Anlagebetrug mehrere Tätergruppierungen gibt. Und es gibt starke Hinweise, dass Daten von Geschädigten an andere Gruppen weitergegeben oder verkauft werden.»

Private können keine Gelder sicherstellen

Es falle auf, dass die angeblichen Geld-Wiederbeschaffer über Vorwissen zu den Geschädigten verfügen. Damit können sie Vertrauen schaffen. Das Dezernat Digitale Kriminalität der Kantonspolizei Bern hat verschiedene Internetseiten dieser angeblichen Anlagebetrüger untersucht. Dabei fiel auf, dass diese mit technischen Mitteln versuchen, ihre Identität zu verschleiern. «Etwas, das seriöse Firmen wohl kaum nötig haben», sagt Baumann.

Misstrauisch sein!

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  • Leisten Sie keine weiteren Zahlungen, auch nicht für angebliche Gebühren, die notwendig seien, um das Geld zurückzuholen.
  • Seien Sie vorsichtig, wenn sich plötzlich Anwälte melden, die versprechen, das Geld zurückzuholen und dabei wiederum Gebühren verlangen.
  • Erstatten Sie Anzeige bei den Strafverfolgungsbehörden.

Zur Wahrscheinlichkeit, dass private Anbieter Gelder aus Anlagebetrug aufspüren oder sogar wiederbeschaffen können, sagt der Dezernatsleiter, technisch sei das zwar nicht völlig ausgeschlossen. Die Chance sei aber sehr, sehr klein: «Es ist bekannt, dass die Täterschaft im Online-Anlagebetrug über einen massiven Geldwäscherei-Apparat verfügt.» Dieser umfasse diverse Scheinfirmen und sei über mehrere Länder verteilt.

Bereits für staatliche Ermittlungsbehörden sei es extrem schwer, Anlagebetrüger und ihre Beute aufzuspüren. Dabei haben sie ganz andere Mittel zur Verfügung als Private. Diese Firmen hätten auch keine Möglichkeit, Gelder sicherzustellen, gibt Baumann zu bedenken. Er rät deshalb zu grossem Misstrauen.

Espresso, 27.05.2021, 08:13 Uhr;

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Christoph Nerz  (nerzc)
    Das Problem ist, dass Personen die viel Geld "verloren" haben sich an jeden Hoffnungsschimmer klammern um wenigstens einen Teil wieder zu bekommen. Gepaart mit der Naivität die sie beim ersten Betrug schon an den Tag gelegt haben sind sie die perfekte Zielgruppe für einen weiteren Betrug.
  • Kommentar von Max Moriz  (Max und Moriz)
    Ein whois auf kantonalberatung.com sagt schon einiges.
    Hier mal ein Auszug:
    Registrant Contact Information:
    Name
    Withheld for Privacy Purposes
    Organization
    Privacy service provided by Withheld for Privacy ehf
    Address
    Kalkofnsvegur 2
    City
    Reykjavik
    State / Province
    Capital Region
    Postal Code
    101
    Country
    IS
    Phone
    +354.4212434
  • Kommentar von Patrick Janssens  (patrickjanssens)
    Je weiter die Digitalisierung/Zwangsdigitalisierung fortschreitet um so mehr Onlinebetrug wird es geben.
    Dabei ist auch noch wichtig dass dabei Risiko und Verantwortung sich verschiebt in Richtung Endverbraucher, der Normalbürger also. Immer nach dem Motto Blame the Victim.
    Zusammengefasst nennt man das Fortschritt, jedenfalls wenn man denen glauben schenkt die uns mehr digitalisieren wollen.
    1. Antwort von Krebs Alfred  (A.Santiago)
      Patrick Janssens, wie soll jemand (zum Beispiel eine Bank oder die Behörde) kontrollieren können ob jemand Geld mit hohen Renditeversprechen gibt? Hat es schon früher gegeben, da mussten die Opfer zuerst zur Bank gehen und Geld abheben. Man kann nicht alles der Digitalisierung in die Schuhe schieben. Es gibt ja auch viele Varianten von Enkeltrickbetrügeteien. Auch bei der Partnersuche kann es Betrug geben.