«Der Sozialarbeiter oder die Sozialarbeiterin M. beugt sich von hinten über die 14-Jährige U., um ihr ein Formular zu erklären. Dabei streift er oder sie leicht ihre Brust. Wie würdet ihr das einordnen?», fragt Kursleiterin Karin Iten die gut 30 Teilnehmenden im Raum.
Die Frauen und Männer im Kursraum in Luzern sind sich einig: Das ist eine Grenzüberschreitung, die nicht passieren dürfte und für die man sich sofort entschuldigen muss.
Wie handeln, wenn jemand Grenzen verletzt?
In Gruppen diskutieren sie weitere Fragen: Wo trifft man sich mit Menschen, die über seelische Nöte sprechen wollen? Wie fragt man nach und wann hört man auf, weiterzubohren? Wie handelt man, wenn jemand aus dem eigenen Team Grenzen verletzt?
Im Kern geht es um den richtigen Umgang mit Nähe, Distanz, Abhängigkeiten und Macht in der katholischen Kirche.
Alle in die Pflicht nehmen
Themen, bei denen der Ruf der katholischen Kirche in den letzten Jahren schwer gelitten hat. Sexueller Missbrauch im kirchlichen Kontext rückte in den Fokus. 2023 belegte eine Pilotstudie der Universität Zürich rund 1000 Übergriffe, die sich in der Schweiz seit 1950 ereignet haben. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein.
Die katholische Kirche der Stadt Luzern will dem etwas entgegensetzen. Alle 200 Angestellten sind verpflichtet, eine eintägige Schulung zu besuchen. Hier werden sie sensibilisiert für die Grenzen anderer und dafür, wie sie diese achten und schützen können.
Genau darum geht es im Arbeitsalltag von Seelsorger Meinrad Furrer, der an der Schulung teilnimmt: «Wir sind in einem Arbeitsumfeld, das Nähe braucht. Deshalb sind wir auch immer wieder damit konfrontiert, die Grenze zwischen Nähe und Distanz zu verhandeln, zum Beispiel wenn Jugendliche über ihre Probleme sprechen.»
Alle müssen professionell handeln können.
Doch nicht nur Jugendarbeiterinnen und Seelsorger werden in diesem Bereich geschult. Auch jene, die auf Pfarreisekretariaten oder in der Verwaltung arbeiten, müssen einen der Kurse absolvieren. «Auch hier kann Machtmissbrauch eine Rolle spielen. Alle müssen professionell handeln und ihre Arbeit reflektieren können», erklärt Pastoralraumleiter Thomas Lang den Entscheid.
Vertrauen wieder stärken
Wie sind diese Bemühungen der katholischen Kirche einzuordnen? «Die Schulung ist ein Zeichen dafür, dass sich bei der katholischen Kirche etwas bewegt», so das Urteil der SRF-Religionsexpertin Léa Burger.
Die katholische Kirche muss bereit sein, wenn weitere Fälle ans Licht kommen.
Seit der Veröffentlichung der ersten Missbrauchsstudie im Jahr 2023 sei der Druck auf die Kirche so hoch, dass sie sich als Institution damit auseinandersetzen müsse. «Gezielte Schulungen können helfen, das Vertrauen der Bevölkerung in die Kirche wieder zu stärken.»
Und das sei nötig: Im Februar 2027 erscheint die Hauptstudie zu den Missbrauchsfällen. «Diese wird neue Fälle zutage fördern und wiederum Empörung und Entrüstung auslösen», sagt Léa Burger von der SRF-Religionsredaktion.
Die katholische Kirche müsse bereit sein, diese Reaktionen aufzufangen und zu begleiten. Eine Schulung wie jene, die die 200 Angestellten der katholischen Kirche in Luzern absolvieren, könne dafür einen Beitrag leisten.