Zum Inhalt springen
Inhalt

«Medizin mit Augenmass» Neuer Ärzte-Eid – eine Alibiübung?

Mehr Eingriffe, höherer Verdienst: Solche Anreize soll es nicht mehr geben, finden ausgerechnet sehr gut bezahlte Ärzte.

Legende: Audio Ein neuer Eid für Schweizer Ärzte? abspielen. Laufzeit 03:54 Minuten.
03:54 min, aus Rendez-vous vom 02.11.2018.

«Ich betreibe eine Medizin mit Augenmass und empfehle oder ergreife nur Massnahmen, die sinnvoll sind.» Sätze wie dieser stehen im neuen Schweizer Ärzte-Eid, der als neuer ethischer Kodex für Ärzte gelten soll.

Der Initiant des neuen Schweizer Eides ist Bernhard Egger, Chefchirurg am Spital Freiburg. «Der Kerngedanke ist, die so wertvolle Beziehung zwischen Patient und Arzt vor äusseren Einflüssen zu schützen. Denn immer mehr dieser Entscheide sind von äusseren Einflüssen betroffen.» Äussere Einflüsse wie zum Beispiel leistungsabhängige Boni – dass Ärzte umso mehr verdienen, je mehr Untersuchungen und Eingriffe sie machen.

Legende: Video Spital Freiburg legt den Schweizer Eid ab abspielen. Laufzeit 02:04 Minuten.
Aus Tagesschau vom 20.06.2018.

Solchen Anreizen will der Schweizer Eid entgegentreten. Im Sommer haben sich Ärzte im Spital Freiburg dazu bekannt. Gestern nun hat der grosse Verband FMCH den Eid an seiner Jahresversammlung abgelegt. Unter dem Dach des FMCH sind 9000 Chirurgen und invasiv tätige Ärztinnen und Ärzte organisiert.

Doch wie kontrollieren?

Eine gute Sache, gerade angesichts der jüngsten Schlagzeilen zu überrissenen Löhnen, findet Daniel Scheidegger, Präsident der Schweizerischen Akademie für Medizinische Wissenschaften. «Wenn es schon solche Exzesse gibt, sind sie am ehesten bei den Disziplinen, die in der FMCH zusammengeschlossen sind. Deshalb finde ich es toll, dass gerade sie den Eid sprechen.»

Allerdings stelle sich die Frage, wie man kontrollieren könne, ob sich die Ärzte im Alltag auch tatsächlich an die ethischen Grundsätze halten würden, so Scheidegger. Denn rechtlich bindend sei der Eid nicht, Verstösse werden nicht geahndet. Der Spitalverband H+ will sich offiziell nicht äussern, lässt aber durchblicken, dass man die Initiative des FMCH für eine Alibiübung hält. Gerade weil in dessen Reihen die meisten Spitzenverdiener sind.

Der Eid alleine reicht nicht

Der Gesundheitsexperte Felix Schneuwly vom Vergleichsdienst Comparis ist deshalb der Ansicht, das Anerkennen dieses Schweizer Eides müsse für die FMCH-Chirurgen Konsequenzen haben: «Ärzte, die mit einem Spital einen Vertrag haben, der bei mehr Operationen Boni verspricht, müssten eigentlich kündigen.»

Mehr noch: Ärzte, die zu viel untersuchen oder operieren, verstossen auch gegen die Regeln ihrer Standesordnung, so Schneuwly weiter. Deshalb hätten ärztliche Berufsverbände, darunter auch der Dachverband FMH, im Grunde ein Problem: «Wenn man ethische Standards hat und Mitglieder werden im Berufsalltag diesen Standards nicht gerecht, müsste man eigentlich handeln und sie ausschliessen.»

So weit sind die Überlegungen der Initianten des Schweizer Eids noch nicht gediehen. «Es muss von uns Ärztinnen und Ärzten kommen. Ganz sicher nicht von der Politik», so Bernhard Egger. Wie und ob sich das auf die Gesundheitskosten auswirkt, wird sich weisen.

Vom hippokratischen Eid zum Genfer Gelöbnis

Der Eid geht auf ein Manuskript in griechischer Sprache zurück, das nach dem Arzt Hippokrates von Kos (460 bis 370 v.Chr) benannt wurde. Nach heutigem Forschungsstand reicht der Eid noch weiter zurück. Er gilt als erste grundlegende ethische Anweisung für Ärzte.

Die Ärzte von heute berufen sich allerdings nicht mehr direkt auf den Ursprungstext, sondern auf das sogenannte Genfer Gelöbnis, das der Weltärztebund 1948 verabschiedet hat. Es basiert auf dem antiken Manuskript, hat aber keine religiösen Bezüge mehr.

Das Genfer Gelöbnis wurde mehrmals revidiert. Zuletzt im Jahr 2006. In vielen Ländern ist es Teil der ärztlichen Berufsordnung, nicht aber in der Schweiz. Angehende Ärzte in der Schweiz schwören keinen Eid. An amerikanischen Universitäten ist der Schwur eher verbreitet.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

10 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Hanspeter Müller (HPMüller)
    Ich weiss nicht, warum dieselben, die dauernd mehr Markt fordern im Gesundheitswesen jetzt in Wehklagen ausbrechen, wenn der Markt seine Wirkungen zeigt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Am besten man gibt jedem Arzt gleich zu beginn seiner Tätigkeit ein Pauschalkapital von 40 Millionen Fr. mit dem er 40 Jahre seine Arbeit zu verrichten hat - nur dann wird er sich sicher an den Eid des Hippokrates halten.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Akkordsysteme rentieren nur bei Bandsklaven, denen die zu erbringende Leistung vorgeschrieben wird. Ein Akkordsystem, in dem die Akkordanten mitentscheiden, was sie Leisten ist schlicht hirnrissig. Wenn dann noch mit der ruinoesen PFZ die Konkurrenz ueberreizt wird, sind immer mehr Aerzte - Eid hin oder her - darauf angewiesen, ihr Einkommen zu maximieren, um beruflich zu ueberleben. Das Fressen kommt vor der Moral, sogar bei den von Natur aus vernuenftigeren Tieren....
    Ablehnen den Kommentar ablehnen