Darum geht es: Der Messerangriff eines Schweizers mit türkischen Wurzeln am Donnerstag in Winterthur wird von den Behörden als islamistischer Anschlag gewertet – der Täter soll während der Tat «Allahu akbar» gerufen haben. Entsprechend wird die Bundesanwaltschaft (BA) die Ermittlungen in dem Fall mit drei Verletzten übernehmen. Da stellt sich die Frage, wie es um islamistischen Extremismus in der Schweiz steht: Haben die Behörden die Lage im Griff?
Die aktuelle Lage: Die BA hat letztes Jahr insgesamt 140 Verfahren im Zusammenhang mit islamistischem Terrorverdacht geführt. Trotzdem sagt der Terrorismusforscher Ahmed Ajil von der Uni Luzern: «Die Bedrohung in der Schweiz nimmt nicht zu, die Bedrohungslage ist seit etwa sieben Jahren stabil.»
Es werden auch viele Taten verhindert, aber darüber wird nicht gross gesprochen.
Andere Bedrohungslage: Die Art der Bedrohung durch islamistische Täter hat sich in den letzten zehn Jahren verändert: Die Terrororganisation «Islamischer Staat» IS ruft statt zu Grossanschlägen wie jenen von Paris oder Brüssel jetzt zu Einzeltaten auf – etwa mit Messern oder Autos. «Solche Täter sind zwar schwieriger zu erkennen, sie sind häufig aber auch viel amateurhafter unterwegs», stellt Ajil fest. Das gelte wohl auch für den Angreifer von Winterthur.
Problematische Einzeltäter: Grosse, komplexe Attentate machen eine grössere und aufwendigere Planung der Terroristen nötig, mit mehr involvierten Personen. «Deshalb kann man diese im Vorfeld eher erkennen», so der Terrorismusforscher Ajil. Im Gegensatz dazu sind die Einzeltäter im Vorfeld einer Tat nur schwer auszumachen. Immerhin: Weil die Hürde für strafrechtlich relevante dschihadistische Aktivitäten sehr tief sei – «es reicht die Versendung eines Fotos einer IS-Flagge», so Ajil –, würden nur wenige Personen durchs Beobachtungsnetz der Behörden fallen.
Das Narrativ lautet: ‹Auch du kannst zum Märtyrer werden mit deiner Tat – selbst wenn du im Leben nichts erreicht hast›.
Oft psychisch auffällige Täter: In fast allen Fällen islamistischen Terrors der letzten Jahre in der Schweiz war die Rede von psychisch labilen oder psychisch kranken Tätern. Das sei typisch für die islamistischen Einzeltäter, sagt der Terrorismusforscher Ajil. «Sie fallen oft durch die Raster, haben keinen Anschluss mehr an die Gesellschaft und/oder waren schon in psychiatrischer Behandlung.» Der Terrorismusforscher spricht von «biografischen Brüchen», in welche die Narrative von Terrorgruppen wie dem IS perfekt hineinpassen: «Diese lauten: ‹Auch du kannst zum Märtyrer werden mit deiner Tat – selbst wenn du im Leben nichts erreicht hast›.» Diese vom IS erzählte Geschichte könne bei einer fragilen Person dazu führen, dass diese in einer Bluttat eine Art Erlösung sehe.
Schweiz ist sicher: «Wir dürfen jetzt nicht in die Falle tappen und uns unsicher fühlen – das würde den Tatsachen nicht entsprechen», betont wie Ajil der Extremismusforscher Dirk Baier von der ZHAW. Die Schweizer Behörden seien sehr aktiv, das zeigten auch die 140 Verfahren, die allein 2025 von der BA eröffnet wurden. «Die Behörden machen einen guten Job – und es werden auch viele Taten verhindert. Aber darüber wird nicht gross gesprochen.» Wie Ajil betont Baier, man müsse nun den neusten Fall von Winterthur genau untersuchen, um herauszufinden, was genau schiefgelaufen ist. Und daraus die nötigen Schlüsse ziehen.