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Nach Angriff von Winterthur Die Schweiz ist nach wie vor sicher

Zwei Experten sind sich einig: Die Behörden haben die Bedrohungslage weitgehend im Griff. Probleme bereiten allerdings psychisch auffällige Einzeltäter.

Darum geht es: Der Messerangriff eines Schweizers mit türkischen Wurzeln am Donnerstag in Winterthur wird von den Behörden als islamistischer Anschlag gewertet – der Täter soll während der Tat «Allahu akbar» gerufen haben. Entsprechend wird die Bundesanwaltschaft (BA) die Ermittlungen in dem Fall mit drei Verletzten übernehmen. Da stellt sich die Frage, wie es um islamistischen Extremismus in der Schweiz steht: Haben die Behörden die Lage im Griff?

Was es mit «Allahu akbar» auf sich hat

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Der Messerangreifer von Winterthur soll während seiner Tat «Allahu akbar» gerufen haben. Was das bedeuten könnte, erklärt der Dschihadismus-Forscher Johannes Saal (Uni Luzern) gegenüber dem «Tages-Anzeiger»: «‹Allahu akbar› bedeutet zunächst schlicht ‹Gott ist gross› und wird in vielen islamischen Kontexten verwendet. Entscheidend ist aber der Zusammenhang: Wenn jemand diesen Satz ruft und gleichzeitig unbeteiligte Menschen mit einem Messer angreift, erhält er eine klare politische Bedeutung.»

Die aktuelle Lage: Die BA hat letztes Jahr insgesamt 140 Verfahren im Zusammenhang mit islamistischem Terrorverdacht geführt. Trotzdem sagt der Terrorismusforscher Ahmed Ajil von der Uni Luzern: «Die Bedrohung in der Schweiz nimmt nicht zu, die Bedrohungslage ist seit etwa sieben Jahren stabil.»

Es werden auch viele Taten verhindert, aber darüber wird nicht gross gesprochen.
Autor: Dirk Baier Extremismusforscher an der ZHAW

Andere Bedrohungslage: Die Art der Bedrohung durch islamistische Täter hat sich in den letzten zehn Jahren verändert: Die Terrororganisation «Islamischer Staat» IS ruft statt zu Grossanschlägen wie jenen von Paris oder Brüssel jetzt zu Einzeltaten auf – etwa mit Messern oder Autos. «Solche Täter sind zwar schwieriger zu erkennen, sie sind häufig aber auch viel amateurhafter unterwegs», stellt Ajil fest. Das gelte wohl auch für den Angreifer von Winterthur.

Islamistisch motivierte Taten in der Schweiz

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Ein Polizist geht an einer Bushaltestelle neben einem Polizeiauto und Gebäuden vorbei.
Legende: Bahnhof Winterthur am 28. Mai 2026. KEYSTONE/Claudio Thoma

Angriffe auf Personen mit islamistischem Hintergrund sind in der Schweiz selten: Seit 2020 kam es zu vier Fällen von Angriffen mit Messern. Einer endete 2020 in Morges tödlich. Einen weiteren Angriff gab es ebenfalls 2020 in Lugano. Im März 2024 verletzte ein 15-jähriger Schweizer mit tunesischen Wurzeln einen orthodoxen Juden in Zürich mit einem Messer lebensgefährlich. Er soll sich über das Internet radikalisiert und sich zum «Islamischen Staat» (IS) bekannt haben.

Anfang Februar 2026 griff ein 40-jähriger Kosovare in Zürich einen orthodoxen Juden an – zwar nicht mit einem Messer, aber mit Faustschlägen. Ebenfalls im Februar bedrohte eine Frau Passanten in Bellinzona mit einem Messer, sie schrie dazu «Allahu Akbar». Und im März klagte die Bundesanwaltschaft einen 18-Jährigen Aargauer an, der im Namen des «Islamischen Staats» einen Messerangriff geplant haben soll.

Problematische Einzeltäter: Grosse, komplexe Attentate machen eine grössere und aufwendigere Planung der Terroristen nötig, mit mehr involvierten Personen. «Deshalb kann man diese im Vorfeld eher erkennen», so der Terrorismusforscher Ajil. Im Gegensatz dazu sind die Einzeltäter im Vorfeld einer Tat nur schwer auszumachen. Immerhin: Weil die Hürde für strafrechtlich relevante dschihadistische Aktivitäten sehr tief sei – «es reicht die Versendung eines Fotos einer IS-Flagge», so Ajil –, würden nur wenige Personen durchs Beobachtungsnetz der Behörden fallen.

Das Narrativ lautet: ‹Auch du kannst zum Märtyrer werden mit deiner Tat – selbst wenn du im Leben nichts erreicht hast›.
Autor: Ahmed Ajil Terrorismusforscher an der Universität Luzern

Oft psychisch auffällige Täter: In fast allen Fällen islamistischen Terrors der letzten Jahre in der Schweiz war die Rede von psychisch labilen oder psychisch kranken Tätern. Das sei typisch für die islamistischen Einzeltäter, sagt der Terrorismusforscher Ajil. «Sie fallen oft durch die Raster, haben keinen Anschluss mehr an die Gesellschaft und/oder waren schon in psychiatrischer Behandlung.» Der Terrorismusforscher spricht von «biografischen Brüchen», in welche die Narrative von Terrorgruppen wie dem IS perfekt hineinpassen: «Diese lauten: ‹Auch du kannst zum Märtyrer werden mit deiner Tat – selbst wenn du im Leben nichts erreicht hast›.» Diese vom IS erzählte Geschichte könne bei einer fragilen Person dazu führen, dass diese in einer Bluttat eine Art Erlösung sehe.

Gezielte Anwerbung psychisch labiler Personen

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Extremistische Gruppierungen – seien es nun islamistische oder rechtsextremistische – würden gezielt versuchen, psychisch auffällige, vulnerable Personen anzusprechen, sagt der Extremismusexperte Dirk Baier von der ZHAW. «Sie versuchen, diese Menschen mit Ideologie zu befüllen.» Die extremistischen Anwerber wüssten haargenau: «Diese Personen sind beeinflussbar, sie sind impulsiver und gehen schneller zu einer Tat über.»

Schweiz ist sicher: «Wir dürfen jetzt nicht in die Falle tappen und uns unsicher fühlen – das würde den Tatsachen nicht entsprechen», betont wie Ajil der Extremismusforscher Dirk Baier von der ZHAW. Die Schweizer Behörden seien sehr aktiv, das zeigten auch die 140 Verfahren, die allein 2025 von der BA eröffnet wurden. «Die Behörden machen einen guten Job – und es werden auch viele Taten verhindert. Aber darüber wird nicht gross gesprochen.» Wie Ajil betont Baier, man müsse nun den neusten Fall von Winterthur genau untersuchen, um herauszufinden, was genau schiefgelaufen ist. Und daraus die nötigen Schlüsse ziehen.

Rendez-vous, 29.05.2026, 12:30 Uhr ; 

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