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Nach Messerangriff am Bahnhof Wie Winterthur zur «Islamismus-Hochburg» wurde

Um 2015 machte Winterthur wegen seiner islamistischen Szene Schlagzeilen. Nun werden alte Beziehungen wieder zum Thema.

Als um 2015 islamistischer Extremismus ganz Europa verstörte, stand in der Schweiz ein Ort wiederholt im Fokus: Winterthur. Vor knapp zehn Jahren galt die Stadt als Hotspot des Dschihadismus in der Schweiz.

Jetzt kommen Erinnerungen an diese Zeit wieder hoch. Am Bahnhof in Winterthur hat ein Mann drei Passanten mit einem Messer angegriffen. Noch ist zu klären, inwiefern der Mann am Donnerstag überhaupt zurechnungsfähig war. Fest steht: Der schweizerisch-türkische Doppelbürger war wenige Tage vorher in psychiatrischer Behandlung. Und: Er war in der Vergangenheit in eine islamistische Szene in Winterthur verwickelt.

War es Terror?

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Der parteilose Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr sagte am Donnerstag vor den Medien: «Wenn das kein Terrorakt ist, dann weiss ich nicht, was ein Terrorakt ist.»

Dirk Baier, Professor für Kriminologie an der ZHAW, wählt ein differenzierteres Bild. Es sei nicht leicht, die Tat einzuordnen – zwischen einer Amoktat, einer extremistisch motivierten Tat oder der Tat eines psychisch Auffälligen.

Zwei Winterthurer zieht es zum IS

Um zu verstehen, warum ausgerechnet Winterthur mit Islamismus in Verbindung gebracht wird, kann man bis ins Jahr 2014 zurückblicken. Der sogenannte Islamische Staat befindet sich in Syrien und dem Irak auf dem Vormarsch, er will dort mit brutalem Terror ein «Kalifat» errichten.

Auch in Europa wollen Frauen und Männer dieses Projekt unterstützen, als Kämpfer oder Mütter. Aus Winterthur brechen zwei Teenager in den Dschihad auf. Zwei Geschwister, 15 und 16 Jahre alt, die von zu Hause weglaufen und nach Syrien gelangen.

Die An'Nur-Moschee

Zwei weitere Jugendliche aus Winterthur schliessen sich in dieser Zeit dem IS an. Das ist damals nichts völlig Ungewöhnliches; der Nachrichtendienst des Bundes beschäftigt sich in dem Zeitraum mit rund 70 «Dschihad-Reisenden». Doch tatsächlich wird Winterthur zu so etwas wie einem Brennpunkt: «Es bilden sich dann europaweit sogenannte Cluster – oder etwas zugespitzt gesagt: Hotspots – an ganz verschiedenen Orten. In der Schweiz eben auch in Winterthur», sagt SRF-Extremismus-Experte Daniel Glaus.

Für solche extremistischen Cluster seien charismatische Führungspersonen entscheidend. Tatsächlich rückt Winterthur ab 2015 wegen einer Einrichtung in den Fokus: der An'Nur-Moschee. Auch wenn der Verein sich gegenüber den Medien gegen eine extremistische Glaubensrichtung ausspricht, gerät die Moschee in den folgenden Jahren immer wieder in die Schlagzeilen. Unter anderem, weil die Winterthurer Dschihad-Jugendlichen dort verkehrten. Und wegen einer Polizeirazzia, bei der auch ein Imam verhaftet wird.

Gebäude mit Polizeisperrzone und Polizeifahrzeug im Vordergrund.
Legende: Am 2. November 2016 durchsucht die Polizei die An'Nur-Moschee in Winterthur. Vier Personen werden verhaftet, unter ihnen ein Imam. Er wird später vor Gericht schuldig gesprochen, weil er zu Verbrechen und Gewalt an «schlechten Muslimen» aufgefordert hat. Keystone / Walter Bieri

Die Moschee schliesst – Beziehungen bleiben bestehen

2017 muss die An'Nur-Moschee schliessen, weil der Mietvertrag ausläuft. Doch die Szene, die sich teilweise an der Moschee bewegt hat, bleibt bestehen. Mehrmals kommt es zu Ermittlungen und Festnahmen. So etwa nach dem Terroranschlag in Wien 2020, bei dem ein islamistischer Täter vier Menschen erschiesst. Die Schweizer Polizei nimmt in Winterthur zwei Personen fest, die sich mit dem Mann vor der Tat getroffen haben sollen. Das Verfahren gegen sie wird 2022 eingestellt. SRF-Extremismus-Experte Daniel Glaus sagt aber generell: «Man hat gesehen: Bei diesen Leuten führen die Spuren in den Personenkreis von damals.»

Was tut die Stadt Winterthur gegen Extremismus?

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2016 hat die Stadt Winterthur die «Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention» gegründet – als Reaktion auf die Dschihad-Reisen aus Winterthur und die islamistischen Verdachtsfälle. Die Stelle beschäftigt sich aber allgemein mit Extremismus, also auch mit Antisemitismus und Rechts- wie Linksextremismus. Sie bietet Beratungen an, zum Beispiel für Lehrerinnen oder Sozialarbeiter, die beobachten, wie sich ein Jugendlicher sozial abkapselt und ideologisch radikalisiert.

Kann die Stadt Winterthur das Problem damit in den Griff bekommen? Dazu sagt der SP-Stadtrat Nicolas Galladé, Vorsteher des Sozialdepartements: «Bei Terrorismus und Extremismus sprechen wir über gesellschaftliche Phänomene, die weltweit bestehen, die nie weg sind und die wir auch nie ganz lösen werden. Aber es ist wichtig, dass man weiss, wo man damit hingelangen kann. Wir können den betroffenen Personen so sagen: ‹Wenn euch etwas auffällt, meldet euch bei unserer Fachstelle: Wir unterstützen.›»

Auch der mutmassliche Täter vom Donnerstag taucht in alten Ermittlungsakten auf. Demnach war er Teil der sogenannten Jugendgruppe rund um die An'Nur-Moschee. Mehrere der Jugendlichen wurden angeklagt, er nicht. Er soll den Behörden aber immer wieder aufgefallen sein, wie eine mit dem Dossier vertraute Quelle gegenüber SRF sagt.

Was der 31-Jährige in den letzten Jahren gemacht hat, ist weitgehend unklar. In Winterthur war er zumindest nicht. Bis Mai 2026 soll er sich in der Türkei aufgehalten haben.

SRF 4 News, 29.5.2026, 16:32 Uhr ; 

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