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Schweizer Güterverkehr Experte: «Das Wegbrechen von Kundenumsatz wird unterschätzt»

Die SBB plant beim Einzelwagenladungs-Verkehr (EWLV) ein neues Produktionsmodell. Es soll die Auslastung erhöhen, die Kosten senken und das nationale Angebot sicherstellen. Der Bund unterstützt diese Neuausrichtung befristet für acht Jahre. Die Kunden bezahlen kostendeckende Preise. Die SBB reduziert die Punkte, an denen ihre Dienstleistung angeboten wird, um rund fünfzig. Diese Orte werden auf Kundenwunsch hin weiterhin mit ganzen Zügen bedient. Richard Seebacher ist Güterverkehrsexperte und kennt die Situation in der Schweiz sehr gut. Er ordnet die Pläne der SBB ein.

Richard Seebacher

Interimsmanager und Güterverkehrsexperte

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Richard Seebacher ist Generalmanager mit eigener Beratungsfirma. Er hat Erfahrung als Geschäftsführer von internationalen Bahnspeditionen in Hamburg und Basel, war Mitglied der Geschäftsleitung eines internationalen Güterwagenvermietungsunternehmens, Leiter des europäischen Kundenservicecenters eines internationalen Eisenbahnunternehmens und Leiter Regionaler Bahnproduktion.

SRF News: Wird die SBB mit dieser Neuausrichtung die Kosten im Einzelwagenladungs-Verkehr decken können?

Richard Seebacher: Ich sehe in den angekündigten Veränderungen keine neue Strategie. Durch den Abbau von Bedienpunkten Kosten zu sparen und rentabler zu werden, wurde in den letzten Jahrzehnten schon oft versucht. Man kann so kurzfristig Kosten reduzieren, aber das Wegbrechen von Kundenumsatz wird unterschätzt. Aus meiner Sicht kann es keine Strategie sein, ein Dienstleistungsprodukt wie den EWLV über Leistungsabbau zu rentabilisieren. Das zeigt auch die Geschichte.

Neue Strategie bei SBB Cargo

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Die SBB will ihren Güterverkehr wirtschaftlicher machen. Das neue Produktionsmodell soll ab Dezember die Kosten beim Einzelwagenladungs-Verkehr senken und die Auslastung erhöhen.

Für Angestellte kommt es zu Arbeitsortwechseln; Kündigungen soll es keine geben. Für rund 200 Mitarbeitende in der ganzen Schweiz gebe es Veränderungen. Dabei handle es sich mehrheitlich um einen Arbeitsortswechsel beim operativen Personal, wie die SBB am Dienstag mitteilte.

Betroffen seien das Lokpersonal in Brig VS, Buchs SG und Chiasso TI sowie das Rangierpersonal in Thun BE, Rothenburg LU, Yverdon VD, Payerne VD, Freiburg, Delsberg JU, Martigny VS und Wil SG. Die Standorte Schaffhausen und Frauenfeld bleiben voraussichtlich bis 2028 beziehungsweise 2029 bestehen.

Was will die SBB auf andere Art organisieren?

Man versucht, mit einer neuen Planungssoftware zu erahnen, wo welche Kunden was für Aufträge bringen werden, damit besser und früher geplant werden kann. Im Endeffekt sollen Kosten gespart werden, und für die Kunden wird das Angebot verschlechtert.

Meiner Meinung nach kann ein einzelnes Unternehmen ein flächendeckendes EWLV-Angebot nicht rentabel betreiben.

Kann die SBB das Angebot überhaupt kostendeckend betreiben?

Ein einzelnes Unternehmen kann ein flächendeckendes EWLV-Angebot meiner Meinung nach nicht rentabel betreiben. Die Kosten für die letzte Meile sind viel zu hoch. Das haben die Politik und das Bundesamt für Verkehr (BAV) erkannt. Deshalb wird im Rahmen des neuen Gütertransportgesetzes die Nahzustellung auch finanziell unterstützt.

Der Abbau von weiteren Bedienpunkten widerspricht meines Erachtens dem Sinn und Zweck der Leistungsvereinbarung, die zwischen dem BAV und SBB Cargo unterzeichnet wurde.

Ich habe gehofft, dass regionale Bahnunternehmen für die Nahzustellung ein Angebot machen. Das ist aber offenbar nicht geschehen. Vermutlich wegen viel zu kurzer Fristen. Der Abbau von weiteren Bedienpunkten widerspricht meines Erachtens dem Sinn und Zweck der Subventionen und der Leistungsvereinbarung, die zwischen dem BAV und SBB Cargo unterzeichnet wurde.

Das Rollmaterial für einen Güterwagen. Es ist mit Cargo in den SBB-Farben angeschrieben.
Legende: Wie letztes Jahr angekündigt, plant SBB Cargo den Einzelwagenladungs-Verkehr neu. Keystone/Gaetan Bally

Welche Kunden sind denn auf das EWLV-Angebot angewiesen?

Grosskunden, die über grosse Transportvolumen verfügen, sind heute schon in der Lage, ihre Produkte für Ganzzugsmengen zu bündeln. Sie sind nicht auf SBB Cargo angewiesen. Doch diejenigen Kunden, die nur einzelne Wagen oder unregelmässige Mengen zum Transportieren haben, brauchen das Angebot von SBB Cargo. Gibt es dieses nicht mehr oder nur noch zu schlechten Konditionen, dann verliert man diesen Verkehr von der Schiene auf die Strasse.

Man müsste ein neues Geschäftsmodell für Bahnunternehmen erarbeiten, die sich auf die regionale Nahzustellung konzentrieren würden.

Gibt es andere Ideen, wie diese Dienstleistung angeboten werden könnte?

Anstatt sich aus einer Region zurückzuziehen, sollte man überlegen, mehr mit den regionalen Bahnunternehmen zu kooperieren. Es stimmt schon: Es gibt kein Eisenbahnunternehmen, das grundsätzlich Interesse am Einzelwagenladungs-Verkehr hat. Auch die Grossen wie die BLS und andere haben daran kein Interesse. Darum müsste man ein neues Geschäftsmodell für Bahnunternehmen erarbeiten, die sich auf die regionale Nahzustellung konzentrieren würden. Zumindest für die ersten Jahre müssten die ungedeckten Kosten übernommen werden. Über ein solches Modell liesse sich ein flächendeckendes EWLV-Angebot betreiben.

Das Gespräch führte Eveline S. Kobler.

Rendez-vous, 19.5.2026, 12:30 Uhr ; 

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