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Aus dem Archiv: Wie gut ist die Qualität der Antikörpertests?
Aus Echo der Zeit vom 23.06.2020.
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Sind wir schon immun? Kreuzimmunität: Der neue Hoffnungsschimmer gegen Corona?

Darum geht es: Wenn die Immunität gegenüber dem einen Virus uns auch vor einem anderen Virus schützt. Wenn ich also zum Beispiel eine Krankheit durchmache oder eine Impfung bekomme, kann mich das in gewissen Fällen auch gegen ähnliche Erreger immun machen, das nennt sich dann Kreuzimmunität oder auch Hintergrundimmunität. Es ist also so eine Art «Bonus»-Immunität gegen zusätzliche Erreger. Im Fall von SARS-CoV-2 wäre es so, dass allenfalls eine frühere Infektion mit Erkältungs-Coronaviren den Träger jetzt vor dem neuen Coronavirus schützt. Doch das ist noch sehr spekulativ.

So ist man darauf gestossen: Noch immer kann man sich nicht erklären, warum sich manche Menschen mit SARS-CoV-2 anstecken, dabei aber keine oder kaum Symptome zeigen. Eine vorhandene Hintergrundimmunität wäre da eine mögliche Erklärung. Die Experten sind aber noch sehr zurückhaltend und betonen, dass dies noch nicht erwiesen sei. Man findet zwar bei vielen Menschen Immunzellen (T-Zellen), die für SARS-CoV-2 eine Kreuzreaktion machen können, aber welche dieser T-Zellen tatsächlich Schutz vermitteln ist heute noch nicht klar. Auch wenn also in Studien kreuzreaktive T-Zellen bei bis zu 80% der Probanden gefunden werden, heisst das noch lange nicht, dass diese auch immun sind gegen das neue Coronavirus.

So nützt das Wissen um die Kreuzreaktion: Es könnte dabei helfen einen Impfstoff zu entwickeln, der breit gegen Coronaviren wirkt. Also auch gegen SARS-CoV und MERS, aber auch bei Corona-Erkältungsviren. Doch da gibt es viele Hürden: Zuerst muss man das richtige Protein, bzw. Bruchstück vom Virus finden. Dieses muss den Körper anregen, solche breit wirksamen T-Zellen zu produzieren. Aber auch dieses Wissen führt noch nicht automatisch zum Impfstoff. Denn Impfstoffe die T-Zellen bilden sollen und nicht Antikörper (so wie die meisten Impfstoffe), können stärkere Nebenwirkungen haben, dies kennt man etwa von der Gelbfieberimpfung.

So hängt Kreuzimmunität mit der Immunität der Antikörper zusammen: Neben einer Immunität dank Antikörpern wären «alte» T-Zellen eine zweite Art, immun gegen das neue Coronavirus zu sein. Aber wie bei den T-Zellen ist auch bei den Antikörpern vieles noch unklar. So hat eine Studie im Fachmagazin Nature mit Schweizer Beteiligung kürzlich gezeigt, dass viele Menschen, die eine Infektion mit SARS-CoV-2 durchgemacht haben, trotzdem nur wenig Antikörper im Blut haben. Gleichzeitig haben sie aber bei allen 149 untersuchten Probanden mit aufwändigen Methoden nach über einem Monat noch sehr spezifische Antikörper gegen das Virus gefunden – ein gutes Zeichen für eine längere Immunität. Aber nicht immer lassen sich die Antikörper einfach nachweisen: Eine vorläufige (preprint) Studie aus Lübeck, zeigte, dass auch mit Corona infizierte Personen später einen negativen Antikörpertest zeigen können.

So weit sind die Tests schon fortgeschritten: Auf T-Zellen zu testen, die aktiv sind gegen Coronaviren ist aufwendig, es gibt deshalb im Moment keinen diagnostischen Test, also keinen «Schnelltest». Tests sind im Moment nur möglich im Rahmen von Forschungsprojekten.

So wurde Kreuzimmunität entdeckt: Das war eine zufällige Entdeckung vor über 200 Jahren. Sie führte am Schluss zur Entwicklung des ersten Impfstoffs überhaupt. Es wurde erkannt, dass eine Infektion mit Kuhpocken Menschen davor schützt, sich später mit den richtigen Pocken anzustecken. So kam es zu den ersten Vaccinen, der Name stammt von «vacca», lateinisch für «Kuh».

Daniel Theis

Daniel Theis

SRF-Wissenschaftsredaktor

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Daniel Theis ist promovierter Atmosphärenchemiker und Mikrobiologe. Seine Spezialgebiete sind Energiethemen, Mobilität und technische Entwicklungen. Er arbeitet seit 2013 in der SRF Wissenschaftsredaktion.

Studien zum Thema

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Studie, Link öffnet in einem neuen Fenster: Phenotype and kinetics of SARS-CoV-2-specific T cells in COVID-19 patients with acute respiratory distress syndrome

Studie, Link öffnet in einem neuen Fenster: SARS-CoV-2 T-cell epitopes define heterologous and COVID-19-induced T-cell recognition

Studie, Link öffnet in einem neuen Fenster: Presence of SARS-CoV-2 reactive T cells in COVID-19 patients and healthy donors

Studie, Link öffnet in einem neuen Fenster: Antibody profiling of COVID-19 patients in an urban low-incidence region in Northern Germany

Studie, Link öffnet in einem neuen Fenster: Convergent antibody responses to SARS-CoV-2 in convalescent individuals

Studie, Link öffnet in einem neuen Fenster: Targets of T Cell Responses to SARS-CoV-2 Coronavirus in Humans with COVID-19 Disease and Unexposed Individuals

SRF 4 News, 29.6.2020, 21 Uhr

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41 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Bünzli  (Tumasch)
    Toller Artikel, der zusammenfassend folgendes für mich sagt: Alle Forscher sind noch sehr zurückhaltend mit vorschnellen Ergebnissen, weil die Beweise für eine Kreuzimmunität gegen Corona noch nicht klar sind. Also abwarten und den Colt noch stecken lassen ....!
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  • Kommentar von Martin Müller  (Nonaeol)
    Der Hoffnungsschimmer und die grosse Beruhigung sind, dass sich das Coronavirus als relativ harmlos erwiesen hat.
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    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Herr Müller, Sie konterkarieren die Gegenseite! Harmlos verglichen mit Sars1? Nicht einmal das, da es nicht auszurotten ist. Harmlos verglichen mit den Schätzwerten der politisch handlungsleitenden Modelle absolut. Jetzt sind wir irgendwo dazwischen, unsere Behörden wollen sich nicht dazu äussern und die Angst geht um.
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    2. Antwort von Thomas Bünzli  (Tumasch)
      @ Müller: Das Corona-Virus relativ harmlos? Da lese ich von Ärzten und Forschern, die erschrocken sind ob der massiven Beeinträchtigung diverser Organe wie Herz, Lunge, Nieren etc. mit teils bleibenden Schäden durch die Corona-Viren, da erfahre ich von vielen Menschen im Alter zwischen 30 und 50, die in Südamerika vom Virus betroffen und teils auch gestorben sind, es gibt Bilder von Massengräbern aus diversen Ländern - und Sie sprechen da von relativ harmlos??
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    3. Antwort von Verena Bensaddik  (V. Bensaddik)
      Das Virus ist eben nicht harmlos. Wir wissen noch fast nichts über Langzeitfolgen (gesundheitliche). Aber ich habe jetzt schon Kenntnis von mehreren Personen in meinem Umfeld (darunter junge, ansonsten gesunde Menschen), die ernsthafte Symptome haben, dies noch Monate nach der Infektion. Und es weiss noch niemand, ob diese Beeinträchtigungen bleiben oder nicht.
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  • Kommentar von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
    Eines der wichtigsten Argumente, wenn nicht das Hauptargument für die Gefährlichkeit dieses Virus hat darin bestanden, dass es auf unser Immunsystem unvorbereitet treffe. Jetzt als einzigen positiven Aspekt die kleine Hoffnung für die Impfstoffentwicklung zu nennen, kommt mir wie ein ungeheuerliches Missverhältnis vor. Dem Autor ist das allerdings nicht vorzuwerfen, da vermutlich nicht einmal von einem öffentlichen Interesse an den relevanten Grössen ausgegangen werden kann. Alles schlimm genug.
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