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Massiv mehr Männer nehmen sich das Leben
Aus Tagesschau vom 16.12.2019.
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Viel mehr Männer als Frauen Darum ist die Suizidrate vom Geschlecht abhängig

2017 nahmen sich in der Schweiz 773 Männer das Leben. Bei den Frauen waren es 270. Gründe für diesen grossen Unterschied liegen in der Wahl der Suizid-Methode – oder auch im Umgang mit den eigenen Schwächen.

Thomas leidet seit seiner Kindheit unter Depressionen. Mit 28 Jahren heiratet er Ursula Käufeler. Sie weiss, dass ihr Mann noch immer unter wiederkehrenden depressiven Phasen leidet.

«Er sagte aber stets, dass er uns, seine Kinder und mich, liebt und sich niemals etwas antun werde», erzählt Ursula Käufeler, «das Leben wegwerfen sei keine Option für ihn, das sagte er auch im März 1997». Zwei Tage später findet sie ihn im Keller – tot.

«Es war Morgen, ich lag im Bett als der 7-jährige Sohn ins Zimmer kam. Ich fragte, ob Thomas noch das Zmorge isst, der Sohn sagte nein. Ich dachte dann, dass er wohl noch etwas am Computer macht.» Der Sohn suchte seinen Papi, fand ihn aber nicht. «Er sagte mir dann, dass seine Schuhe noch da sind, er ihn aber nicht finden kann. Da wusste ich, dass etwas passiert sein musste.» Ursula Käufeler sagte ihrem Sohn, er soll in sein Zimmer gehen. Sie stieg die Treppen hinunter, in den Keller. «Da sah ich eine Türe, die so schräg stand, wie das sonst nie der Fall war. Da wusste ich: Thomas wird hinter dieser Türe zu finden sein.»

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Ursula Käufeler: «Auf einen Schlag wurde mir bewusst: Jetzt muss etwas passiert sein»
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Thomas nahm sich mit 37 Jahren das Leben. Das war im Jahr 1997. Er ist einer von hunderten von Männern, die sich jedes Jahr das Leben nehmen. 2017 waren es 773 Männer und 270 Frauen haben.

Suizidrate bei Männern nimmt im Alter massiv zu

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Ein Blick auf die Suizidrate nach Alter und Geschlecht zeigt einen weiteren Unterschied: Während die Rate bei den Frauen praktisch konstant bleibt, erhöht sich die Suizidrate bei den Männern mit zunehmendem Alter massiv.

Thomas Reisch ist ärztlicher Direktor des Psychiatriezentrums Münsingen und Präsident des Berner Bündnisses gegen Depression und forscht seit Jahren zum Thema Suizid. Er erklärt diesen Anstieg damit, dass Männer im Alter weniger soziale Beziehungen pflegen als Frauen. Denn mit der Pensionierung fällt das wichtigste Bezugsfeld für die Männer weg – der Arbeitsplatz. «Frauen pflegen neben der Arbeit auch in ihrer Freizeit ein soziales Netzwerk, Männer viel weniger. Und in Momenten der Einsamkeit ist die Suizidgefahr deutlich grösser.»

«Dass sich viel mehr Männer das Leben nehmen als Frauen heisst nicht, dass sich weniger Frauen das Leben nehmen wollen.» Thomas Reisch ist ärztlicher Direktor des Psychiatriezentrums Münsingen und forscht seit Jahren zum Thema Suizid.

Für Thomas Reisch ist klar, dass ein wichtiger Grund für den grossen Unterschied in der Wahl der Suizidmethode liegt. «Männer sind vertraut mit der Waffe, sie kennen sie beispielsweise aus dem Militärdienst und wissen, wie sie zu bedienen ist. Frauen haben diese Möglichkeit kaum.»

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Thomas Reisch: «Frauen wollen den Hinterbliebenen nicht zur Last fallen»
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Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum Männer, die Suizid begehen, oft harte Methoden wählen: «Männer wollen den letzten Akt unter Kontrolle haben. Ihnen spielt es keine Rolle, wie schrecklich sich das Bild präsentiert, wenn ihr Körper gefunden wird. Anders die Frauen: sie möchten den Körper unversehrt lassen und greifen deshalb eher auf Medikamente zurück.»

«Warum tust du uns das an?»

Ein Suizid hinterlässt oft Trauer, Wut und Fassungslosigkeit. Für Ursula Käufeler brach mit dem Tod ihres Mannes eine Welt zusammen.

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Ehefrau Käufeler: «Am Anfang herrschte Chaos»
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«Ich stand vor einem Trümmerhaufen. Der Schmerz des Verlustes ist unbeschreiblich heftig. Und ich fragte mich: warum tust du mir das an? Wir haben doch eine Familie, wir wollten zusammen in die Ferien gehen.»

In einem Sommer unternahm Thomas alleine eine Wanderung in die Berge. Sein Ziel war, sich durch einen absichtlichen Absturz das Leben zu nehmen. Doch der Ausflug bewirkte das Gegenteil: Thomas verspürte in der Bergwelt Lebensfreude. «Als er mir das erzählte, wurde für mich mir klar, dass für ihn Suizid ein Thema war.»

Brauchen Sie Hilfe?

Sie haben Probleme und suchen jemanden zum Reden? Wählen Sie Tel. 143 der Dargebotenen Hand – dort hört man Ihnen zu.

Männer wollen nicht über Emotionen sprechen

Ursula Käufelers Mann sprach regelmässig über seine depressiven Phasen und nahm Hilfe in Anspruch. Damit ist er unter den Männern eher die Ausnahme, erklärt Thomas Reisch, ärztlicher Direktor des Psychiatriezentrums Münsingen: «Es gibt nach wie vor das Selbstbild der Männer, dass sie keine Schwäche zeigen dürfen und alles unter Kontrolle haben müssen. Aus dem Gedanken heraus, dass Mann keine Schwächen zeigen darf, folgt, dass Männer nicht über Emotionen sprechen wollen. Für Frauen ist das viel weniger ein Problem.»

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«Für Frauen ist es in Ordnung nach Hilfe zu fragen»
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Bereits bei Jugendlichen unterscheidet sich die Anzahl vollzogener Suizide zwischen jungen Männern und Frauen stark. Innerhalb von fünf Jahren waren es 36 junge Frauen und 106 junge Männer, die sich das Leben genommen haben.

Suizide bei Jugendlichen 2013-2017

Mädchen: 36 Suizide

Jungen: 106 Suizide

Alter: 15-19 Jahre, Quelle: Bundesamt für Statistik

«Junge Männer empfinden es oft als Schwäche, Hilfe zu holen» erklärt Stephan Kupferschmid, Chefarzt für Jugendliche und junge Erwachsene der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland. «Wir gehen davon aus, dass unsere Therapieangebote und Beratungsstellen nur von etwa zehn Prozent der Männer, die Hilfe benötigen, erreichen, während es bei den jungen Frauen ungefähr 30 Prozent sind.»

«Es braucht mehr Angebote»

Was ist zu tun? Für Stephan Kupferschmid braucht es mehr ambulante und niederschwellige Angebote, damit Beratungstermine schneller vergeben werden können, wenn die Krise akut ist, «denn in Krisen sind Jugendliche oft gut ansprechbar». Zudem sei es an der Psychiatrie selbst, Veränderungen vorzunehmen und die Angebote mehr auf Männer zuzuschneiden.

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Stephan Kupferschmid: «Schnell agierende Beratungsstellen sind für Jugendliche wichtig»
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Ursula Käufeler konnte nach dem Suizid ihres Mannes auf die unmittelbare Unterstützung ihrer Familie, der Nachbarn und Leuten aus dem Dorf zählen, «das war die grösste Hilfe im Moment, ich funktionierte nur. Dank der unmittelbaren Hilfe aus dem nahen Umfeld konnte ich überleben.» Für ihre zwei Kinder suchte sie später Hilfe, sie besuchten eine Maltherapie.

Hilfe durch Selbsthilfe

«Ein Jahr nach dem Suizid von Thomas kam eine Frau auf mich zu, deren Mann sich auch das Leben genommen hat. Sie erzählte mir von einer Selbsthilfegruppe für Suizidhinterbliebene.» Ursula Käufeler ging kurz darauf auch in die Selbsthilfegruppe Refugium in Bern, um mit anderen Betroffenen über das Geschehene zu sprechen. «Da treffe ich auf die gleichen Gefühle, ich muss nichts erklären, alle wissen, wovon ich spreche. Das tut gut,» sagt Ursula Käufeler.

Mit dem Verlust ganz abschliessen wird sie nie. Doch Ursula Käufeler lernte, damit umzugehen, damit zu leben. «Ich habe die Lebenslust zurückgewonnen. Meine Kinder und ich sind gut unterwegs, auch beruflich, wir haben unsere Wege gefunden. Das ist nicht selbstverständlich.»

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Ursula Käufele: «Es gibt schwierige Situationen aber es gibt auch Wege raus.»
Aus News-Clip vom 16.12.2019.
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Ursula Käufeler ist inzwischen Grossmutter. «Dass Thomas die Zeit mit den Enkelkindern nicht erleben kann, stimmt mich ab und zu traurig. Es wäre schön gewesen, hätte Thomas dies mit uns miterlebt.»

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17 Kommentare

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  • Kommentar von S. Rüegsegger  (SeRu)
    Danke SRF für diesen Beitrag! Was ist mit den Menschen, denen man den Boden unter den Füssen, den Halt, weggezogen hat? Die, die infolge eines Schicksalsschlags oder aus gesundheitlichen Gründen, aus Verzweiflung, Suizid begehen? Männer sind in dieser Gruppe nämlich deutlich in der Überzahl.
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  • Kommentar von Hans Anreiner  (Hans.Anreiner)
    Männer und Frauen werden unterschiedlich erzogen. Verschiedene Wertvorstellungen. Der Leistungsdruck bei Männern, unter Männern, ist nach wie vor viel höher und zwar schon von Kindesbeinen an. Ein Suizid ist vielfach auch eine Frage des Mutes. Eine Frage der Sichtweise auf gewisse Dinge im Leben und da unterscheiden sich eben die Geschlechter nach wie vor sehr. Zudem kommt der gesellschaftliche Erfolgsdruck, das Männerbild der Frauen hat sich stark geändert. Denke der Mann ist eher überfordert.
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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Sonderschulheime, Lehrlingsgruppen, auch in Gefängnissen,....Faktum ist, dass es ua auch in diesen Institutionen - von jeher - viel mehr Buben, Jugendliche, junge und erwachsene Männer gibt. Buben sind physisch den Mädchen überlegen. Mädchen/Frauen, sind dafür mehrheitlich psychisch stabiler und/oder können vielfach besser mit psychischen Problemen, Schiksalsschlägen umgehen, darüber sprechen.
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