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Die Corona-Pandemie traf Sans-Papiers besonders hart
Aus Regionaljournal Zürich Schaffhausen vom 16.11.2020.
abspielen. Laufzeit 15:55 Minuten.
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Zürcher Ausweis für Papierlose Expertin: «Sans-Papiers sollen ein Bankkonto eröffnen können»

Ein Novum in der Schweiz: In der Stadt Zürich sollen sich künftig auch Illegale ausweisen können. Wie leben sie heute?

Laut Schätzungen des Bundes leben schweizweit bis zu 99'000 Sans-Papiers: Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung. Als erste Stadt der Schweiz will Zürich ihre Situation mit einem Ausweis verbessern. Die «Züri City Card» soll Identität und Wohnsitz der Stadtzürcher bestätigen. Auch Papierlose können sie nutzen. So würden Illegale nicht in ständiger Angst leben, erklärt Bea Schwager von der Stadtzürcher Anlaufstelle für Sans-Papiers.

Bea Schwager

Bea Schwager

Leiterin der Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich

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Bea Schwager (1961) ist Präsidentin des Vereins «Züri City Card». Seit fünfzehn Jahre führt sie in der Stadt Zürich die Anlaufstelle für Sans-Papiers, welche sie aufgebaut hat. Zuvor war Schwager unter anderem als Co-Geschäftsleiterin in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit tätig.

SRF News: In der Stadt Zürich leben ungefähr 10'000 Sans-Papiers. In welcher Situation befinden sie sich?

Bea Schwager: Es ist erstmals wichtig zu betonen, dass die allermeisten Sans-Papiers arbeiten. Weil sie keine staatlichen Gelder wie Sozialhilfe beziehen können, sind sie auf ihre Arbeit angewiesen. Aus diesem Grund sind sie in der Schweiz. Eine ältere Studie besagt, dass die Zahl der Arbeitsplätze reguliert, wie viele Sans-Papiers in der Schweiz sind. Denn ohne Arbeitsstelle verlassen sie das Land.

Menschen ohne Papiere arbeiten und verhalten sich möglichst unauffällig. Sie führen also ein verstecktes Leben in Zürich?

Notgedrungen führen sie ein verstecktes Leben. Sans-Papiers achten genaustens darauf, nicht aufzufallen und nicht etwa die Strasse bei roter Ampel zu überqueren. Sie leben sehr angepasst. Den Aufenthalt im öffentlichen Raum reduzieren sie meist auf ein Minimum, halten sich zu Hause und am Arbeitsplatz auf.

Sans-Papiers achten genaustens darauf, nicht aufzufallen.

Geht man von 10'000 Sans-Papiers in Zürich aus, sind das sehr viele: Es betrifft etwa jede 30. Person in der Stadt. Ich nutze gerne das Bild eines Trams oder eines Busses: Bei jeder Fahrt sind vier bis fünf Sans-Papiers dabei. Wir alle begegnen täglich mehreren Sans-Papiers, die mitten unter uns, aber doch im Verborgenen leben.

Schatten
Legende: Hilfe für Papierlose: Die «Züri City Card» soll in ungefähr fünf Jahren eingeführt werden. Keystone

Jetzt soll die städtische ID für alle Zürcherinnen und Zürcher auch das Leben der Papierlosen erleichtern. Warum braucht es diese «City Card»?

Sie ist in erster Linie nötig, um diskriminierungsfrei Zugang zu den städtischen Dienstleistungen zu schaffen. Denkbar wäre die «City Card» auch für private Dienstleistungen in der Stadt. Wir hoffen auch darauf, dass Sans-Papiers damit ein Bankkonto eröffnen können. Jetzt müssen sie das Bargeld immer am Körper tragen oder unter der Matratze verstecken, was sie für Raub anfällig macht.

Wie funktioniert der Ausweis?

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  • Was ist das Ziel der «City Card»? Zürich will mit dem Ausweis die Situation der Sans-Papiers verbessern. Damit Illegale mit der Karte nicht auffallen, sollen alle Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt den Ausweis beantragen können. Sie profitieren dabei von Vergünstigungen.
  • Wie sieht die «City Card» aus? Name, Geburtsdatum und Wohnort sind vorgesehen. Der Aufenthaltsstatus ist auf dem Ausweis nicht ersichtlich.
  • Wie beantragen Sans-Papiers diese Identitätskarte? Damit sich Papierlose gegenüber den Behörden nicht als solche erkennbar machen müssen, könnten sie den Ausweis beispielsweise über die Sans-Papiers-Anlaufstelle beziehen.
  • Was bringt die «City Card» den Sans Papiers? Der Ausweis soll ihnen etwa helfen, Verbilligungen von Krankenkassenprämien in Anspruch zu nehmen. Gleichzeitig sollen sie sich so bei Polizeikontrollen ausweisen können. Das Ziel ist, dass auch private Anbieter die Karte beispielsweise für Handyverträge entgegennehmen.
  • Was nützt die «City Card» bezüglich der Polizei? Bis jetzt melden Sans-Papiers beispielsweise keine Verbrechen, weil sie sich nicht ausweisen können und ausgeschafft würden. Dank der Karte könnten sie sich so bei der Polizei melden. Sie sollen sich damit auch bei Kontrollen ausweisen können. Bei einem begründeten Anfangsverdacht, dass sich jemand illegal im Land aufhält, muss die Polizei weitere Kontrollen vornehmen.

Ganz wichtig ist für uns, dass sich die Sans-Papiers mit der «City Card» gegenüber der Polizei ausweisen können. So leben sie nicht mehr in ständiger Angst, auf der Strasse in eine Kontrolle zu geraten, verhaftet und ausgeschafft zu werden.

Dazu müsste allerdings ein Grossteil der Stadtzürcher einen solchen Ausweis nutzen. Sonst wüsste die Polizei automatisch, dass es sich um einen Sans-Papiers handelt.

Genau, die Idee steht und fällt damit, dass möglichst alle Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Zürich eine «City Card» besitzen, sich damit im Alltag ausweisen und sich gegenüber den Sans-Papiers solidarisch zeigen. Wir erhoffen uns als zusätzlichen Mehrwert eine Art solidarisches Stadtgefühl.

Kritiker warnen, der Ausweis animiere andere Sans-Papiers, in die Schweiz zu kommen – nach dem Motto: dank der «City Card» kannst du hier auch als Illegaler bequem leben. Was sagen Sie dazu?

Das sehe ich anders. Sans-Papiers sind darauf angewiesen, dass sie arbeiten können. Es sind also die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, die bestimmen, wie viele Sans-Papiers sich hier befinden.

Das Gespräch führte Vera Deragisch.

SRF 1, Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 15.11.2020; 17.30 Uhr;

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44 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    Sans-Papiers: Wo bleibt der Rechtsstaat?

    Wenn wir noch ein Rechtsstaat sein wollen, müssen die Wohnungsbesitzer, Arbeitgeber und Schulen, welche Sans-Papiers - ohne bei der Einwohnerkontrolle anzumelden – eingemietet, angestellt oder geschult haben, bestraft werden. Das ganze Theater um die Sans-Papiers ist eine Persiflage auf unseren Rechtsstaat. Ich frage mich, warum ich mich noch an Gesetze halten soll.
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  • Kommentar von Peter Stauffer  (Pfefferschote)
    Der IS wird solche Konten zu Nutzen wissen.
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  • Kommentar von Werner Gürr  (FrMu)
    Es gibt grundsätzlich zwei Positionen zu dieser Frage. Nr. 1: "Sans Papiers" dürfen nicht hier sein. Also existieren sie nicht. Ergo braucht man sich keine Gedanken über ihre Existenz zu machen. Lösung des Problem: endlos wiederholen, dass sie nicht hier sein dürfen.
    Nr.2: "Sans Papiers" sind hier & werden immer hier sein, auch wenn sie es nicht dürfen. Also muss man praktikable Ideen entwickeln, wie wie man mit ihnen umgeht.
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    1. Antwort von Hanspeter Flueckiger  (Hpf)
      ein unzumutbare Argumentation. Programm zur Förderung des Eigennutzes und Schlendrians.
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