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Homeoffice als Jobkiller?
Aus Echo der Zeit vom 24.06.2021.
abspielen. Laufzeit 04:03 Minuten.
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Leere Büros in Coronazeiten Homeoffice könnte sich je nach Branche als Jobkiller entpuppen

Die Pandemie hat neue Selbstverständlichkeiten geschaffen, was ortsunabhängiges Arbeiten angeht. Das könnte Stellen kosten.

Firmen verlagern seit Jahrzehnten Arbeitsplätze in günstigere Länder. Neu ist, dass mit Corona viel mehr Arbeiten von zu Hause aus erledigt werden. Das mache eine Verlagerung möglicher, sagt der US-Ökonom Richard Baldwin.

Baldwin lehrt am Institut für Internationale Studien und Entwicklung der Universität Genf und ist einer der weltweit führenden Forscher, wenn es um Globalisierungsfragen geht. «Ich sehe Corona als eine Art Orchesterdirigentin. Das Virus hat den Firmen und Angestellten den Takt bei der digitalen Transformation vorgegeben und dafür gesorgt, dass alle mitspielen müssen.»

Baldwin
Legende: Baldwin forscht seit Jahrzehnten zu den Themen Globalisierung und Handel. graduateinstitute.ch

Vieles, was vorher undenkbar gewesen ist, ist jetzt Normalität. Die digitale Infrastruktur funktioniert und Teams sind geübt darin, dezentral an Projekten zu arbeiten und virtuell miteinander zu kommunizieren. Das könne Firmen auf die Idee bringen, weitere Arbeitsplätze in billigere Länder zu verlagern.

Lokale Kenntnisse bleiben gefragt

Vor allem jetzt, da viele Unternehmen wegen Umsatzeinbussen sparten, sagt Baldwin. Ein Szenario, das gerade für ein Land wie die Schweiz, wo die Lohnkosten extrem hoch sind, ein Risiko darstellt. Doch er differenziert: Es werde zwar zu Verlagerungen kommen, aber nicht im grossen Stil.

Mann mit Brille sitzt vor Computer
Legende: Gewisse Aufgaben können auch woanders, wo die Lohnkosten deutlich tiefer sind als in der Schweiz, erledigt werden. Keystone

«Nur weil jemand, der sonst im Büro in Zürich arbeitet, nun auch von seinem Ferienhaus aus arbeiten kann, heisst das nicht, dass seine Arbeit so einfach von jemand anderem in Indien gemacht werden kann», sagt Baldwin. «Die Person kennt das Team, die Schweizer Kultur und den lokalen Markt.»

Bei vielen Bürojobs müsse eine Angestellte Lebensumstände, Sprache und Alltagstätigkeiten der Kundschaft kennen. Deshalb glaubt er, dass Verlagerungen Grenzen haben und es in der Schweiz keinen massiven Stellenexport geben wird. Nichtsdestotrotz rechnet der Ökonom mit einschneidenden Veränderungen am Arbeitsmarkt.

Nur weil jemand, der sonst im Büro in Zürich arbeitet, nun auch von seinem Ferienhaus aus arbeiten kann, heisst das nicht, dass seine Arbeit so einfach von jemand anderem in Indien gemacht werden kann.
Autor: Richard BaldwinGlobalisierungsforscher, Universität Genf

Er schätzt, dass Firmen in Zukunft vermehrt mit Freelancern arbeiten werden, anstatt auf unbefristete Arbeitsverträge zu setzen. «Mit Corona ist die Zusammenarbeit mit Freelancern für Firmen einfacher geworden. Wegen Corona haben viele Unternehmen ihre IT-Infrastruktur ausgebaut. Sie sind nun gerüstet für virtuelle Teams und ortsunabhängiges Arbeiten.»

Freelancer-Vermittlungen boomen

Der Erfolg von Freelancer-Vermittlungs-Plattformen bestätigt die Einschätzung des Ökonomen. Die bekannte Plattform Upwork zum Beispiel hat ihren Umsatz im letzten Jahr weltweit um fast 30 Prozent gesteigert, die Konkurrenz-Plattform Fiverr sogar um fast 90 Prozent. Bei Upwork zum Beispiel verlangt ein Logo-Designer aus Osteuropa gut 20 Franken pro Stunde, eine Webentwicklerin gut 40 Franken.

In der Schweiz kosten diese Dienstleistungen ein Mehrfaches dessen. Die Verlagerung kommt also vielleicht nicht im grossen Stil. In gewissen Branchen dürften ausländische Freelancer aber den Druck auf Schweizer Stellen deutlich erhöhen, wie zum Beispiel im Grafik- oder im Webbereich, wo Aufträge relativ einfach von woanders aus erledigt werden können.

Echo der Zeit, 24.06.2021, 18:00 Uhr

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34 Kommentare

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  • Kommentar von Adrian Wyssen  (Gemse68)
    Für diese Erkenntnisse braucht es keine Studien eines Oekonomen, da reicht gesunder Menschenverstand. Hiffentlich mussten dies nicht die Steuerzahler berappen.
  • Kommentar von Toni Stark  (Toni Stark)
    Kann man schon machen, aber irgendwann hat es sich ausgelutscht und die Erfahrungen zeigen, dass die Mehrkosten der Verlagerung die Einsparungen in etwa decken. Ausserdem in den Billigländern hat es eine enorme Fluktuation. Bezahlt ein Anbieter auch nur ein Franken mehr, wird rasch gewechselt. Das ist nicht nachhaltig und schadet der Qualität.
  • Kommentar von Andreas Schori  (malanders)
    Ich lese immer wieder Wirtschaft. Die Verlagerung findet in der Bundesverwaltung schon lange statt, Corona hat die Entwicklung aber beschleunigt. Durch die Sparprogramme von Ueli Maurer werden Abgänge von internen (Schweizer) Mitarbeitern durch billigeres Personal (häufig Ausländer) von Vermittlern ersetzt. Beispielsweise Informatiker können nach ersten Kontakten irgendwo arbeiten, in Schottland, in der Türkei, Spanien, wo auch immer. Und diese Leute zählen nicht als Bundesangestellte.
    1. Antwort von René Baron  (René Baron)
      Es gibt auch kaum mehr Schweizer Informatiker die auf den neusten Stand der Technik sind. Meetups, Hackathons, Open Source Projekte finden mehrheitlich ohne Schweizer Beteiligung statt weil CH-Informatiker an ihren Uralt-Plattformen kleben mit denen IBM, Microsoft und Co. immer noch Millionen verdienen, anstatt diese komplett durch Modernes und Günstigers zu ersetzen, wo man Geld für Entwicklung zahlt statt nur Lizenzgebühren.