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Pharmaindustrie: Kooperation über Landesgrenzen hinweg
Aus Echo der Zeit vom 13.07.2020.
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Medikamente gegen Corona Pharmafirmen geben sich geeint

Es wird intensiv an Impfungen und Medikamenten geforscht. Die Schweizer Pharmamultis spielen dabei nur eine kleine Rolle.

Remdesivir ist nun auch in der Schweiz für die Behandlung von Corona-Patientinnen und -Patienten zugelassen. Ursprünglich wurde es gegen Ebola entwickelt, Hersteller ist Gilead, ein US-Konzern. Auch bei den Impfstoffen gegen SarsCoV-2 werden vielversprechende Entwicklungen aus den USA oder Grossbritannien gemeldet, nicht aber aus der Schweiz.

Dabei zählt die Pharmaindustrie zu den tragenden Stützen der Schweizer Wirtschaft. Mehr als ein Drittel aller Exporte sind Pharmaprodukte. Und mit Novartis und Roche sind gleich zwei der weltweit grössten Konzerne hier angesiedelt.

Weltweite Zusammenarbeit

Für René Buholzer, Geschäftsführer des Branchenverbands Interpharma, sollte man bei der Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen gegen Corona die Welt aber als Dorf verstehen. Denn viele Firmen arbeiten über die Landesgrenzen hinweg zusammen. Deshalb sei eine regionale Betrachtung «kein adäquates Abbild der Realität».

Symbolbild: Forscherin in Schutzanzug.
Legende: Weltweit wird an Corona-Medikamenten und -Impfungen geforscht. Nicht so bei den beiden Schweizer Pharmamultis Novartis und Roche. Reuters

So will etwa der US-Konzern Moderna, der einen Impfstoff entwickelt, bei der Produktion mit dem Schweizer Pharmazulieferer Lonza zusammenspannen. Ein Alleingang sei für keine Firma möglich, sagt Buholzer. Schliesslich würden Milliarden Dosen Impfstoffe und Medikamente gebraucht. «Das geht nur mit Kooperation.»

Keine Patente bei Corona-Medikamenten?

Kooperation über Landesgrenzen hinweg also statt Konkurrenz. In diese Richtung gehen auch die Pläne der Weltgesundheitsorganisation WHO. Auf der Jahrestagung im Mai haben die Minister eine Resolution verabschiedet, die sich weltweit für die faire Verteilung eines Corona-Impfstoffs einsetzt.

Für die Nichtregierungsorganisation Public müssten Unternehmen im Zusammenhang mit Corona-Impfstoffen oder Medikamenten auf jegliche Monopolstellungen verzichten. «Keine Patente in Pandemiezeiten müsste das Motto der globalen und der Schweizer Politik sein», sagt deren Sprecher Oliver Classen.

Ideologische Diskussionen

Während die Schweizer Pharmaindustrie die Vorzüge des Patentschutzes betont, sind Kritiker skeptisch. Sie kritisieren, dass Pharmariesen wie Novartis und Roche auf Patente und spezialisierte Therapien setzen, den wenig rentablen Impfstoffen aber den Rücken gekehrt haben. Dass Pharmafirmen bei Corona nun Kooperation fordern und sich das margenschwache Geschäft teilen wollen, ist in den Augen der Kritiker typisch.

Interpharma-Geschäftsführer Buholzer findet die Diskussion um den Patentschutz oder um Instrumente wie Zwangspatente zum aktuellen Zeitpunkt unnötig. Sie sei eher ideologisch und habe wenig mit der aktuellen Realität zu tun. Die Industrie arbeite bei Corona schliesslich weltweit zusammen – trotz Patenten.

Zwangslizenzen vs. Patente

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Zwangslizenzen vs. Patente
Legende:Imago

Public Eye ist nicht grundsätzlich gegen Patente, sagt Sprecher Oliver Classen, befürworte aber Instrumente wie Zwangslizenzen. Das würde bedeuten: Im Notfall könnten Regierungen Wirkstoffe als Generika zur Produktion freigeben, selbst wenn diese unter Patentschutz stehen. Die Pharmaindustrie steht solchen Ideen – nicht eben erstaunlich – kritisch gegenüber.

Die Zusammenarbeit zeigt sich derzeit auch in einem anderen Bereich: bei der Entwicklung von Antibiotika. Sie zählen zu den unrentablen Geschäften. Denn: Es gibt immer mehr Antibiotika-Resistenzen. Neuere Antibiotika werden darum auch zurückhaltend verschrieben. Insgesamt 23 Pharmafirmen wollen gemäss dem internationalen Branchenverband IFPMA darum einen Risikokapitalfonds auf die Beine stellen, der zur Finanzierung von Antibiotika-Projekten beigezogen werden kann. Auch die Grosskonzerne Novartis und Roche unterstützen das Vorhaben.

Die Schweizer Pharmalandschaft will sich also als Teil sehen eines globalen Dorfes. Ob diese Zusammenarbeit von Konkurrenten auf die Dauer dem internationalen Wettbewerb standhält, wird sich noch zeigen müssen.

SRF 4 News, Echo der Zeit vom 13.7.2020, 18.00 Uhr

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Kramer  (Kaspar)
    Vielleich beschäftigt man sich besser & kritisch mit den Statements von Patentträgern bevor man das angeblich selbstlose Allgemeinwohl der Mächtigen propagiert. So am Beispiel von Zika:
    https://www.rockefellerfoundation.org/zika-statement/
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  • Kommentar von Alex Kramer  (Kaspar)
    "Pharmafirmen geben sich geeint"
    Noch vor Jahren hätten kritische Medien andere Titel publiziert, z.B. : "Das Pharma-Kartell hält zusammen"
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  • Kommentar von Werner Gürr  (FrMu)
    Die CH Pharmamultis spielen eine kleine, sagen wir, Alibirolle, weil bei allem, das mit Corona zu tun hat, die Frage der Solidarität ins Spiel kommt. Das heisst, wer in diesem Fall versucht abzuzocken, der kann sehr schnell und sehr öffentlich am Pranger stehen. Das wollen "unsere" Multis erst gar nicht riskieren.
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