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Bremst der Mangel an kritischen Mineralien die Energiewende aus?
Aus Trend vom 04.10.2023. Bild: Keytone/SDA
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Probleme beim Mineralienabbau Der Wettlauf um kritische Mineralien für die Energiewende

In Autobatterien ebenso wie in Wind- und Solarkraftwerken stecken Lithium, Kupfer, Kobalt und andere kritische Mineralien. Davon braucht es schnell viel mehr, damit die Energiewende gelingt. Die Internationale Energieagentur IEA will nun zwischen Produktionsländern und der Industrie vermitteln.

Der Eiffelturm präsentiert sich im besten Herbstlicht. Doch die dezent gekleideten Damen und Herren im Betonbau unweit des Pariser Wahrzeichens haben an diesem Tag kaum Musse für Sightseeing. Das zehnstöckige Gebäude ist die Zentrale der Internationalen Energieagentur IEA. Und geladen zur ersten Konferenz zu kritischen Mineralien und Metallen sind Diplomatinnen und Minister aus 50 Ländern sowie Rohstoffhändler und Fachpersonen.

Die IEA und die Energie

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Die Internationale Energieagentur IEA wurde vor genau 50 Jahren, im Oktober 1973, gegründet. Nach der Ölkrise sollte sie für mehr Transparenz, Zusammenarbeit und Liquidität auf dem Ölmarkt sorgen. Gleiches will sie nun für den Rohstoff für die Energiewende leisten – die kritischen Mineralien und Metalle. Auch hier soll sie die internationale Zusammenarbeit fördern, Abhängigkeiten vermeiden und Markttransparenz schaffen.

Im grossen Sitzungssaal diskutieren sie hinter verschlossenen Türen, welche Herausforderungen die Energiewende für die Versorgung der Welt mit den sogenannten kritischen Mineralien wie Lithium, Kupfer oder Kobalt mit sich bringt. Denn: Sollen die Energiewende und die Abwendung von fossilen Treibstoffen wie Öl und Gas gelingen, braucht es im grossen Stil neue Infrastrukturen: Solar- und Windkraftwerke ebenso wie Batterien für Elektroautos.

Volumen, Diversifizierung und Verantwortung

Drei grosse Herausforderungen sollen an diesem Tag diskutiert werden:

  1. Das Angebot an kritischen Mineralien aus derzeit geplanten Minen ist deutlich kleiner als die erwartete Nachfrage.
  2. Die Produktion und Verarbeitung dieser kritischen Mineralien sind auf ein paar wenige Länder beschränkt. Es besteht die grosse Gefahr einer Abhängigkeit, was geopolitische Spannungen als Folge hätte.
  3. Der forcierte Abbau in neuen Minen kann in den Produktionsländern zu ökologischen und sozialen Problemen führen. Um die lokale Bevölkerung zu schützen und Korruption zu vermeiden, bräuchte es weltweit geltende Regeln für den Abbau.

Mineralien sind nicht wirklich knapp

«Kupfer, Lithium oder Kobalt sind nicht wirklich knapp, sondern überall in der Erdkruste vorhanden», erklärt Rohitesh Dhawan. Er ist Chef von ICMM, dem International Council on Mining and Metals, dem Verband der grössten Minenkonzerne der Welt.

Diese Mineralien und Metalle seien aber in unterschiedlich hohen Konzentrationen vorhanden und entsprechend auch nicht überall gleich günstig abbaubar. Wenn sie günstig abgebaut werden könnten, sei es besser möglich, die Nachfrage zu befriedigen, rechnet Dhawan vor.

Rohstoffkonzerne wollen Gewinne

Die Förderung von kritischen Mineralien ist ein teures Geschäft. Der Bau einer Mine dauert Jahre. Langfristig sind den Minenkonzernen Gewinne sicher, vor allem mit Blick auf die steigende Nachfrage nach Kupfer, Lithium oder Kobalt.

Doch kurzfristig können die Preise für die Mineralien stark schwanken, die Folgen sind hohe Gewinne und Verluste der Konzerne. Die Investorinnen und Investoren im Rohstoffsektor indes sind mehr an kurzfristigen Gewinnen interessiert. Das setzt die Konzerne unter Druck, Minenprojekte schnell umzusetzen, um ihre Geldgeber bei Laune zu halten.

Grosser Abwesender: China

China ist ein gewichtiger Produzent und vor allem Verarbeiter von kritischen Mineralien. Dennoch fehlte China an der Pariser Konferenz. Auf Anfrage von SRF teilte die IEA schriftlich mit: «Der Fokus des Gipfels liegt auf den neuen Produzenten von kritischen Mineralien und auf den Konsumenten.»

Ein Arbeiter hantiert an einer Maschine in einer chinesischen Kohlemine.
Legende: China ist eines der wichtigsten Herkunftsländer für Rohstoffe Das Land der Mitte nahm an der Konferenz nicht teil. Dies, obwohl China einer der wichtigsten Verarbeiter von kritischen Mineralien ist. Keystone/Mark R. Cristino

Damit bleibt unklar, ob China nicht eingeladen war oder die Einladung ausgeschlagen hat. Für Guy Thiran, den Direktor des Verbands der europäischen Minen- und Metallindustrie, Eurométaux, ist klar: «China ist genug dominant und hat kein Interesse.»

Schweiz: Kein Kommentar

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Die Schweiz ist zwar arm an kritischen Rohstoffen, gleichzeitig aber Standort grosser Rohstoffkonzerne und wichtige Handelsplattform für diese kritischen Mineralien. Auch die Schweiz war an der IEA-Konferenz mit einem Vertreter am runden Tisch. Trotz mehrfacher Anfrage von SRF wollten die zuständigen Bundesämter nicht mitteilen, ob die Schweiz bereits eine Strategie in Sachen kritische Mineralien hat und wenn ja, welche Position sie an dieser Konferenz verfolgt hat und wie sie die eigene Versorgung mit kritischen Mineralien sicherstellen will.

Tatsächlich hat China bereits vor zwanzig Jahren begonnen, die Produktion und die Verarbeitung von kritischen Mineralien zu fördern, im eigenen Land, aber auch rund um den Globus.

EU hat Anschluss verpasst

Europa und die USA dachten lange Zeit, sie könnten die – teils schmutzige – Produktion und Verarbeitung dieser kritischen Mineralien andern Ländern überlassen.

Seltene Erden aus Norwegen

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Rare Earths Norway will im Süden Norwegens Seltene Erden wie Bastnäsiten und Parisiten abbauen – Rohstoffe, die vor allem für die Produktion von Dauermagneten benötigt werden. «Bisher kommen diese Stoffe zu 100 Prozent aus China», erklärt Chef Alf Reistad. Dies wolle er ändern. Allerdings: Weil der Abbau unterirdisch erfolgt um die Emissionen zu reduzieren, wird die Produktion in Norwegen deutlich teurer. Reistad hofft auf Unterstützung der EU. Bis 2030 will er 10 Prozent des EU-Bedarfs abdecken können.

«Europa hat, trotz langer Tradition im Bergbau, den Anschluss verpasst», gibt Thierry Breton, in der EU-Kommission zuständig für den Binnenmarkt, auch unumwunden zu. Es sei nun höchste Zeit für ein Umdenken. Es brauche weltweit eine bessere Koordination des Abbaus, um gefährliche Abhängigkeiten zu vermeiden.

Minen auf Land indigener Völker

Der Wettlauf um diese kritischen Mineralien könnte aber negative Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung haben. Mehr als jedes zweite aktuelle Minenprojekt soll auf Land von indigenen Völkern zu stehen kommen. Diese Bedenken äussert Suneeta Kaimal, die Chefin des Natural Ressource Governance Institute NRGI in New York.

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Aus dem Archiv: Umstrittener Lithium-Abbau in Südamerika
Aus Kassensturz vom 14.06.2022.
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Oft lägen die Minen in Ländern mit schwachen Rechtssystemen: «Dann ist es kaum möglich, verbindliche soziale oder Umweltstandards festzulegen und damit die Anliegen der lokalen Bevölkerung zu berücksichtigen.»

Schweizer Anwälte für indigene Völker

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Die Gesellschaft für bedrohte Völker setzt sich für die Rechte indigener Völker ein. Co-Geschäftsführer Christoph Wiedmer bestätigt, dass mehr als die Hälfte der geplanten neuen Minen auf Land von indigenen Völkern zu stehen kommen. Er befürchtet, dass durch Korruption die Entscheide dieser Gemeinschaften, ein Minenprojekt zuzulassen oder abzulehnen, beeinflusst würden. Durch den Wettlauf nach kritischen Mineralien steige der Druck von Staaten auf die Völker.

Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang ist die Korruption. Geht es um milliardenschwere Bauprojekte wie Minen, ist die Gefahr gross, dass mit Geldgeschenken Widerstände aus dem Weg geräumt werden. «Das Risiko für Korruption wächst», bestätigt Mark Robinson.

Indigene protestieren in der brasilianischen Stadt Sao Paulo.
Legende: Indigene wehren sich gegen Politik Indigene protestieren in der brasilianischen Stadt São Paulo gegen ein geplantes Gesetz, das die Abgrenzung ihrer Gebiete ändern würde. KEYSTONE/Marcelo Chello)

Robinson ist Direktor der Extractive Industry Transparency Initiative mit Sitz in Oslo, die sich für mehr Transparenz und gegen Korruption im Rohstoffgeschäft einsetzt. Robinson macht diese Entwicklung Sorgen: «Wenn die Gefahr von Korruption nicht eingedämmt wird, kann das den gesamten Prozess verlangsamen, genug kritische Mineralien zu fördern. Und das gefährdet die Energiewende.»

Unsere Verpflichtung gilt weiterhin.
Autor: Rohitesh Dhawan Verband Minenkonzerne

Rohitesh Dhawan vom ICMM, dem Verband der Minenkonzerne, beschwichtigt: Die 25 grössten Konzerne haben sich verpflichtet, verantwortungsvoll zu handeln. Und diese Verpflichtung gelte weiterhin: «Wenn die Branche sagt, dass sie die Rechte der indigenen Bevölkerung respektiert und nur Minen errichtet, wenn die Bevölkerung ihre volle Zustimmung gibt, dann gilt das. Das kann nicht einfach umgestossen werden, wenn man nun ein besonders begehrtes Mineral abbauen möchte.»

IEA einigt sich auf sechs Ziele

Nach acht Stunden Gesprächen verlassen die Delegationen den grossen Sitzungsraum in der IEA-Zentrale wieder, steigen in ihre dunklen Limousinen und fahren davon.

Geblieben sind sechs Ziele der Konferenz: Das Angebot der kritischen Mineralien soll diversifiziert werden; der Verbrauch von Rohstoffen soll mit neuen Technologien reduziert, das Recycling gefördert werden; der Markt soll transparenter werden; verlässliche Daten sollen erhoben werden; nachhaltige Produktion soll finanziell unterstützt werden; die internationale Zusammenarbeit soll intensiviert werden.

(Noch) keine konkreten Forderungen für Staaten

Konkrete Entscheide sind keine gefallen. Das sei auch nicht zu erwarten gewesen, erklärt Jason Bordoff, Professor für Energiepolitik an der Columbia University in New York: «Es ist wichtig, dass die IEA den Dialog unter den Ländern vorantreibt.»

Mit dieser Bilanz ist er nicht allein. Ob die IEA diese Erwartungen erfüllen kann, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Im nächsten Februar findet die IEA-Ministerkonferenz statt, eine ideale Plattform also, um die Staaten in Sachen kritische Mineralien für die Energiewende in die Pflicht zu nehmen.

Radio SRF 1, 07.10.2023, 8:00 Uhr

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