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Braucht die Schweiz einen zweiten Shutdown?
Aus Echo der Zeit vom 06.11.2020.
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Radikalkur für Wirtschaft Ökonomen fordern zweiten Shutdown

Braucht die Schweiz einen zweiten Shutdown, um die Wirtschaft zu retten? Ja, sagen 60 Ökonominnen und Ökonomen.

In einem offenen Brief haben sich Ökonominnen und Ökonomen an den Bundesrat gewandt. Darin plädieren sie für einen zweiten Shutdown in der Schweiz. Denn die wirtschaftlichen Kosten seien viel höher, wenn die Pandemie ausser Kontrolle gerate, als wenn man das Wirtschaftsleben für eine bestimmte Zeit nochmals stark einschränke.

Was die Wirtschaftsexperten schreiben, wird mittlerweile von vielen Studien bestätigt: Ein kurzer, heftiger Shutdown ist billiger als eine ausser Kontrolle geratende Pandemie, die das Leben ebenfalls lahmlegt, weil die Menschen Angst haben und nichts mehr konsumieren.

Florian Scheuer ist Ökonomieprofessor an der Universität Zürich und hat den offenen Brief mitunterschrieben. Wenn ein Virus so wüte wie in der Schweiz, gebe es keinen Zielkonflikt mehr zwischen Wirtschaft und Gesundheit, sagt der Volkswirt. Es sei vielmehr so, dass «der beste Schutz für die Wirtschaft die Kontrolle des Virus wird.»

Um das Virus zu kontrollieren, müsse man das gesellschaftliche Leben für eine begrenzte Zeit runterfahren. So wie in Deutschland zum Beispiel, wo bis Ende Monat vieles stillsteht. Damit könnten nicht nur Menschenleben gerettet und die Spitäler geschützt werden; auch die volkswirtschaftlichen Kosten seien tiefer.

Jetzt, wo das Virus wütet, vollziehen die Menschen von sich aus Verhaltensänderungen, die der Wirtschaft schaden.
Autor: Florian ScheuerÖkonom an der Universität Zürich

Die Kosten von Lockdowns würden oft berechnet, indem man sie mit der Wirtschaftstätigkeit vor der Pandemie vergleiche, sagt Scheuer. «Das ist aber der falsche Vergleich. Denn jetzt, wo das Virus wütet, vollziehen die Menschen von sich aus Verhaltensänderungen, die der Wirtschaft schaden.»

Extrem formuliert: Wer wie im Frühjahr in New York die Kühlwagen vor den Spitälern stehen sieht, in denen Covid-Leichen gestapelt werden, dem vergeht die Lust auf den Restaurantbesuch sowieso. Darum ist für Scheuer klar: Breitet sich das Virus weiter so stark aus, sind gerade jene Branchen wirtschaftlich am Ende, die dringend einen Aufschwung brauchten.

Dicht machen für den Aufbruch

Der Volkswirt blickt mit Sorge auf die Wintersportsaison. «Es wäre verheerend, wenn die Schweiz dann weiter so hohe Zahlen hat und auf der Quarantäneliste vieler Länder steht, aus denen sonst Touristen gekommen wären.»

Jetzt sind wir gescheiter und wissen, dass man nicht alles schliessen muss.
Autor: Rudolf MinschChefökonom von Economiesuisse

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse stemmt sich gegen einen zweiten Shutdown. Chefökonom Rudolf Minsch sagt, warum: «Die Kosten eines Lockdowns sind immens. Man muss zielgerichtet vorgehen.»

Die weitgehenden Einschränkungen vom Frühling hätten riesige Kosten verursacht. «Jetzt sind wir gescheiter und wissen, dass man nicht alles schliessen muss.» Stattdessen solle man dort, wo die Schutzkonzepte funktionierten, weiter arbeiten können – ohne, dass sich das Virus stark verbreite.

Ball liegt beim Bundesrat

Zugleich stellt aber auch Minsch fest, dass sich die Schweiz bereits in einem Mini-Shutdown befinde. «Verschiedene Westschweizer Kantone haben schon sehr weitgehende Einschränkungen erlassen. Aber auch die bundesrätliche Vorlage sieht etwa eine Schliessung von Nachtclubs vor.» Die entscheidende Frage sei, wie weit man gehen müsse, um eine Überlastung der Spitalkapazitäten zu verhindern.

Strikter Shutdown hat andernorts funktioniert

Letztlich dreht sich alles um die Frage: Wie viel Shutdown braucht es, um einerseits das Virus in den Griff zu bekommen und anderseits wirtschaftlich zu überleben. Mittlerweile gibt es einiges an Forschung zu diesem Zusammenhang.

Beispiele wie China, Südkorea, Neuseeland und einige afrikanische Länder zeigen, dass ein schneller, strikter Shutdown mit strengen Corona-Schutzmassnahmen, sobald wieder gelockert wird, wirtschaftlich und gesundheitlich am meisten versprechen.

Allerdings auch nur dann, wenn die Wirtschaft von der öffentlichen Hand während eines Shutdowns gestützt wird.

Die Schweiz könne es sich leisten, der Wirtschaft nach einem Shutdown zu helfen, entgegnet Ökonom Scheuer: «Wir sind mit der geringen Verschuldung in der glücklichen Lage, dass wir bei einem solchen Jahrhundertschock nicht knausrig sein müssen.»

Mit ihrem offenen Brief spielen die 60 Ökonomen und Ökonominnen den Ball nun dem Bundesrat zu.

Echo der Zeit vom 06.11.2020, 18 Uhr

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92 Kommentare

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  • Kommentar von Monika Mitulla  (momi)
    Bisher gibt es keine Evidenz, dass Lockdowns helfen, die "Corona-Fallzahlen zu senken - ausser man ist eine Insel und lässt einfach keine Schiffe mehr anlegen. Es gibt genug Wissenschaftler, die gegen die 60 Ökonomen argumentieren können - ein Lockdown schadet mehr als er nützt. Am meisten Sorgen macht mir der Lockdown der Kultur, denn die Kultur darf es wagen, auch gegen die Reichen und Mächtigen zu argumentieren.
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  • Kommentar von Lorenz Kueng  (@LorenzKueng)
    Ich bin gerne bereit, mich falls möglich mit Ihnen direkt auf Twitter weiter auszutauschen unter @LorenzKueng. Falls ich keine Antwort auf Ihre Frage haben sollte, werde ich versuchen, Sie an eine meiner kompetenteren KollegInnen weiterzuleiten.

    Mit freundlichem Gruss,
    Lorenz Küng
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    1. Antwort von Lorenz Kueng  (@LorenzKueng)
      Zur Klarstellung da meine zwei Einträge verzögert und in falscher Reihenfolge aufgeschaltet werden bzw. wurden:

      Ich bin einer der über 60 Volkswirtschaftsprofessoren, welcher den offenen Brief mitverfasst und unterschrieben hat.
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    2. Antwort von Monika Mitulla  (momi)
      @Herrn Professor Lorenz Küng. Wir werden noch Jahre mit dem Virus leben müssen - besser wir halten uns an Hygieneregeln und hoffen, dass nicht alle gleichzeitig krank werden. Genauso wie wir das taten bei allen anderen Viren vor Covid-19.
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    3. Antwort von Hans Meuri  (hmeuri)
      Ist es im Endeffekt besser, wenn wir alle nacheinander krank werden und jährlich 25'000 Leute an Covid sterben?
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  • Kommentar von Lorenz Kueng  (@LorenzKueng)
    Liebe SRF Gäste

    Vielen Dank, dass sie sich mit unserem offen Brief auseinandersetzen! Ein solcher Diskurs ist unheimlich wichtig, damit die Massnahmen von einem möglichst breiten Teil der Bevölkerung unterstützt werden und noch härtere vermieden werden können.

    Eine häufig gestellte und berechtigte Frage bezieht sich auf unsere Literaturquellen. Wir haben am Tag nach der Veröffentlichung angefangen, alle konsultierten Studien auf unserer Webseite aufzulisten: http://shorturl.at/iqDG9
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