Die Luzernerin Beatrix Grüter musste früh erfahren, wie rigide Strukturen Karrieren stoppen. Als junge Lehrerin traf sie auf den Lehrerinnen-Zölibat. «Wenn man als Lehrerin geheiratet hat, durfte man nicht mehr unterrichten», sagt sie.
Mit dem Trauschein, war auch sie ihren geliebten Job als Lehrerin los. Das sei sehr schmerzhaft gewesen. «Wenn ich eine Schulreise sah, kamen mir fast die Tränen», sagt sie rückblickend.
Beatrix Grüter reagierte nicht mit Resignation, sondern mit einem langen Atem. Zusammen mit ihrem Mann gründete sie eine Familie, zog drei Söhne gross und engagierte sich politisch.
Zwölf Jahre sass Beatrix Grüter im Grossen Rat, dem heutigen Kantonsrat Luzern.
Späte Genugtuung
Bemerkenswert ist ihr später Neustart: Während andere langsam ihre Pension planten, kehrte Beatrix Grüter mit 60 in den Schuldienst zurück. Sie wollte nachholen, was ihr einst genommen worden war.
Noch einmal unterrichtete sie, begleitete Klassen und spürte jene Nähe zu Schülerinnen und Schülern, die sie nie losgelassen hatte. Der Beruf blieb für sie, trotz Unterbruch, «der schönste Beruf».
Gewappnet für alle Eventualitäten
Geprägt wurde Grüter früh durch ihr Elternhaus. Als Tochter eines Kriminalbeamten und Polizisten wuchs sie in einem disziplinierten Umfeld auf, begleitet von eindringlichen Geschichten über Verbrechen und Gefahren.
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Bild 1 von 2. Beatrix Grüter mit ihren Eltern Nina und Albert Auchli und ihrem älteren Bruder René in Weggis. Bildquelle: zVg Beatrix Grüter.
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Bild 2 von 2. Beatrix Grüter-Auchli mit Burga, dem Polizeihund ihres Vaters und Polizisten Albert Auchli in Emmenbrücke. Bildquelle: zVg Beatrix Grüter.
Sich an geltende Regeln halten zu müssen, empfand sie in jungen Jahren als Spassbremse. «Wir durften weder auf dem Trottoir, noch freihändig oder zu zweit Velo fahren.» Aber sie wusste, was zu tun ist, sollte ihr ein Mann jemals zu nahe treten. «Du musst ihn so kratzen, dass man es sieht und unter den Fingernägeln Haut zurückbleibt», offenbart Beatrix Grüter Vaters Rat.
Mörder-Handschellen geerbt
Physisch zurückgeblieben sind die Handschellen ihres Vaters – ein Erbstück, das sich im Fundus von Beatrix Grüter befindet. Sieben Mörder habe er darin abgeführt. «Auf Etiketten, die daran befestigt sind, hat er aufgeschrieben, wie die Mörder ihre Frauen umgebracht haben», beschreibt Grüter die Hinterlassenschaft.
Eindrücklich waren für sie auch die Besuche im Gefängnis vor Weihnachten, bei denen ihr Vater den Inhaftierten, die er «eingelocht» hat, kleine Geschenke brachte. Der Spagat zwischen Härte und Menschlichkeit war für Grüter eine prägende Erfahrung.
Keiner mehr da, der zuhört
Einen schweren Verlust musste Beatrix Grüter vor sechs Jahren verkraften: Nach über fünf Jahrzehnten Ehe starb ihr Mann. Das Alleinsein beschreibt sie als schmerzhaft. «Das war am Anfang sehr schwer», sagt sie. Wenn sie heute nach Hause komme, sei niemand mehr da, dem sie von ihren Erlebnissen erzählen könne. Doch Rückzug lehnt sie ab: «Es ist ganz wichtig, dass man sich nicht in die Einsamkeit verkriecht.» Aktiv bleiben, Beziehungen pflegen, Familie leben – das ist ihre Antwort.
Nicht aufgeben, aber anpassen.
Heute, mit 82, blickt Beatrix Grüter gelassen auf das Alter und das Leben als Rentnerin. «Nicht aufgeben, aber anpassen», meint sie weise. Was früher alles ging, habe heute keinen Platz mehr. Körperlich und geistig seien ihr Grenzen gesetzt. Traurig macht sie das nicht. Das sei ein natürlicher Prozess und man wachse in die veränderten Umstände hinein.