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Luzerner Pionierin Beatrix Grüter: in der gnadenlosen Falle des Lehrerinnen-Zölibats

Die ehemalige Lehrerin und Luzerner Politikerin Beatrix Grüter blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Geblieben sind Erinnerungen an schmerzliche Zeiten und ein Paar Handschellen, die Mörder trugen.

Die Luzernerin Beatrix Grüter musste früh erfahren, wie rigide Strukturen Karrieren stoppen. Als junge Lehrerin traf sie auf den Lehrerinnen-Zölibat. «Wenn man als Lehrerin geheiratet hat, durfte man nicht mehr unterrichten», sagt sie.

Gruppe von Schülerinnen und Schülern vor einem Gebäude, schwarz-weiss Foto.
Legende: Beatrix Grüter (links) mit ihren Sechstklässlern vor dem Schloss Willisau. Nach der Heirat war sie ihren Job los. zVg Beatrix Grüter

Mit dem Trauschein, war auch sie ihren geliebten Job als Lehrerin los. Das sei sehr schmerzhaft gewesen. «Wenn ich eine Schulreise sah, kamen mir fast die Tränen», sagt sie rückblickend.

Heiratsstrafe der anderen Art – und nur für Frauen

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Das Lehrerinnen‑Zölibat zwang Frauen im Schuldienst über Jahrzehnte zur Ehelosigkeit: Wer heiratete, verlor die Stelle. Eingeführt im 19. Jahrhundert, beruhte die Regelung auf traditionellen Rollenbildern und arbeitsmarktpolitischen Interessen. Verheiratete Frauen galten als «versorgt», zudem wollte man Stellen für Männer sichern.

In der Schweiz hielten sich solche Vorschriften besonders lange. Zwar wurde das Lehrerinnen‑Zölibat in vielen Kantonen im Verlauf der 1960er‑ und 1970er‑Jahre aufgehoben, oft aus Lehrermangel.

Als einer der letzten Kantone schaffte Basel‑Stadt 1965 das Heiratsverbot für Lehrerinnen ab. Damit endete ein System, das den Beruf von Frauen strikt an ihren Familienstand knüpfte.

Beatrix Grüter reagierte nicht mit Resignation, sondern mit einem langen Atem. Zusammen mit ihrem Mann gründete sie eine Familie, zog drei Söhne gross und engagierte sich politisch.

Zwölf Jahre sass Beatrix Grüter im Grossen Rat, dem heutigen Kantonsrat Luzern.

Mit Zivilcourage für Gleichstellung

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Bereits als junge Lehrerin setzte sich Beatrix Grüter für die Gleichstellung der Frauen ein. Im Schulhaus, in dem sie unterrichtete gab es zwei Lehrerinnen und sieben Lehrer. Und als sie feststellte, dass der Drittklasslehrer mit 38 Schülerinnen und Schülern mehr verdiente als sie mit 50 Sechstklässler, war für sie klar: «Das geht nicht».

Sie klopfte zusammen mit ihrer Kollegin beim Stadtammann an und sagte: «Sie, wenn wir nach den Herbstferien nicht den gleichen Lohn erhalten, kommen wir nicht mehr.»

Es herrschte Lehrermangel und der Stadtammann lenkte ein, sagt Beatrix Grüter. Willisau Stadt sei dann eine der ersten Gemeinden gewesen, die Lohngleichheit einführte.

Gleichstellung war für Beatrix Grüter kein ideologisches Schlagwort. Sie liess Taten folgen.

Auch als sie 1970 im Vorfeld der Abstimmung über das Frauenstimmrechts mit zwei Freundinnen anonym Flyer mit Pro-Argumenten in Briefkästen verteilte. Eine habe jeweils aufgepasst, dass nicht plötzlich jemand ums Eck kommt. Ihre Befürchtung war, mit der Aktion den Unternehmen ihrer Männer zu schaden.

Späte Genugtuung

Bemerkenswert ist ihr später Neustart: Während andere langsam ihre Pension planten, kehrte Beatrix Grüter mit 60 in den Schuldienst zurück. Sie wollte nachholen, was ihr einst genommen worden war.

Ältere Person mit Brille schaut in die Kamera.
Legende: Ihre politische Handschrift blieb auch bei Reformen sichtbar. Gegen Widerstände trieb sie die Verkürzung der Gymnasiumszeit im Kanton Luzern voran. Dieser Schritt sollte Wettbewerbsnachteile beseitigen und neue Perspektiven eröffnen. Grüter war dabei nicht laut, aber entschieden – eine Pragmatikerin, die Veränderungen durchsetzt. zVg Beatrix Grüter

Noch einmal unterrichtete sie, begleitete Klassen und spürte jene Nähe zu Schülerinnen und Schülern, die sie nie losgelassen hatte. Der Beruf blieb für sie, trotz Unterbruch, «der schönste Beruf».

Gewappnet für alle Eventualitäten

Geprägt wurde Grüter früh durch ihr Elternhaus. Als Tochter eines Kriminalbeamten und Polizisten wuchs sie in einem disziplinierten Umfeld auf, begleitet von eindringlichen Geschichten über Verbrechen und Gefahren.

Sich an geltende Regeln halten zu müssen, empfand sie in jungen Jahren als Spassbremse. «Wir durften weder auf dem Trottoir, noch freihändig oder zu zweit Velo fahren.» Aber sie wusste, was zu tun ist, sollte ihr ein Mann jemals zu nahe treten. «Du musst ihn so kratzen, dass man es sieht und unter den Fingernägeln Haut zurückbleibt», offenbart Beatrix Grüter Vaters Rat.

Mörder-Handschellen geerbt

Physisch zurückgeblieben sind die Handschellen ihres Vaters – ein Erbstück, das sich im Fundus von Beatrix Grüter befindet. Sieben Mörder habe er darin abgeführt. «Auf Etiketten, die daran befestigt sind, hat er aufgeschrieben, wie die Mörder ihre Frauen umgebracht haben», beschreibt Grüter die Hinterlassenschaft.

Handschellen und Schlüssel auf einem Dokument liegend.
Legende: Ein Erbstück, das Beatrix bis heute in Ehren hält. zVg Beatrix Grüter

Eindrücklich waren für sie auch die Besuche im Gefängnis vor Weihnachten, bei denen ihr Vater den Inhaftierten, die er «eingelocht» hat, kleine Geschenke brachte. Der Spagat zwischen Härte und Menschlichkeit war für Grüter eine prägende Erfahrung.

Keiner mehr da, der zuhört

Einen schweren Verlust musste Beatrix Grüter vor sechs Jahren verkraften: Nach über fünf Jahrzehnten Ehe starb ihr Mann. Das Alleinsein beschreibt sie als schmerzhaft. «Das war am Anfang sehr schwer», sagt sie. Wenn sie heute nach Hause komme, sei niemand mehr da, dem sie von ihren Erlebnissen erzählen könne. Doch Rückzug lehnt sie ab: «Es ist ganz wichtig, dass man sich nicht in die Einsamkeit verkriecht.» Aktiv bleiben, Beziehungen pflegen, Familie leben – das ist ihre Antwort.

Nicht aufgeben, aber anpassen.
Autor: Beatrix Grüter ehemalige Lehrerin und Politikerin

Heute, mit 82, blickt Beatrix Grüter gelassen auf das Alter und das Leben als Rentnerin. «Nicht aufgeben, aber anpassen», meint sie weise. Was früher alles ging, habe heute keinen Platz mehr. Körperlich und geistig seien ihr Grenzen gesetzt. Traurig macht sie das nicht. Das sei ein natürlicher Prozess und man wachse in die veränderten Umstände hinein.

Radio SRF 1, 25.5.2026, 10:00 Uhr

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