Bereits auf halbem Weg treffen wir mitten im Wald auf eine Herde Gämsen. Unter den letzten Schneeresten suchen die Tiere nach Gräsern. Bevor sie den Weg freimachen, lassen sie uns bis auf knapp drei Meter herankommen.
Ich bin nicht allein unterwegs: Mich begleitet Patrizia Golay, die vor rund 30 Jahren aus der Deutschschweiz ins Vallée de Joux ausgewandert ist, die Gegend gut kennt und zusammen mit ihrem Mann eine Board-Manufaktur betreibt. Das Holz für die Skateboards stammt unter anderem aus dem Risoud-Wald, erzählt sie mir auf unserer Wanderung entlang des Lac de Joux. Aufgrund seiner Dichte und Unwegsamkeit ist der Risou ein geschichtsträchtiger Wald. Im Zweiten Weltkrieg diente er als Fluchtweg, früher war er eine bekannte Route für Schmuggler.
Gestartet sind wir im kleinen Ort Le Pont, am nordöstlichen Ende des Lac de Joux. Schon nach wenigen Schritten öffnet sich der Blick über den See: zu sehen ist ein langgezogener Streifen stillen Wassers, eingerahmt von sanften Hügeln. Diese Hügel liegen mehrheitlich über 1200 m ü.M. und gehören zu den Wintersportdestinationen der Region.
Der Lac de Joux war früher berühmt für seine Eisindustrie, bei der das reine Natureis in grossen Blöcken abgebaut und mit der Bahn bis nach Paris verschickt wurde. Dort wurde das Eis zur Kühlung in Restaurants und Haushalten eingesetzt.
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Bild 1 von 9. Das Dorf Le Pont ist direkt am Wasser gebaut. Etwas oberhalb des Dorfkerns liegt die ehemalige Kurklinik von Andreas Bircher, einem Enkel von Maximilian Bircher Benner, dem berühmten Arzt und Ernährungsreformer. Die Klinik im ehemaligen Grand-Hotel de la Vallée de Joux steht heute leer. Bildquelle: Keystone/ Sebastian Beutler.
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Bild 2 von 9. Gämsen suchen sich im Winter sonnenexponierte, südseitige Hänge, wo der Schnee schneller schmilzt und sie an Nahrung wie getrocknete Gräser und Kräuter gelangen. Im Gegensatz zu vielen anderen Orten sind die Gämsen hier oft nicht scheu und fressen ruhig weiter, auch wenn Menschen vorbeigehen, was Gelegenheiten für Beobachtungen und Fotos bietet. Bildquelle: SRF/ Marcel Hähni.
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Bild 3 von 9. Der Lac de Joux kann auf verschiedenen Spazier- und Wanderwegen praktisch vollständig umrundet werden. Eine Umrundung ist 22 bis 26 Kilometer lang. Bildquelle: Keystone/ Antony Anex.
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Bild 4 von 9. Der Lac de Joux liegt auf einer Höhe von 1004 Metern. Er ist der grösste See des Juragebirges und bekannt für seine naturbelassene Umgebung mit Wäldern, Schilfzonen und idyllischen Ufern. Bildquelle: Keystone/ Marcel Gillieron.
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Bild 5 von 9. Trotz dem veränderten Klimas gefriert der Lac de Joux auch heute noch fast jeden Winter einmal. In den letzten Jahren aber nicht mehr flächendeckend. Ist das Eis freigegeben, kann der See betreten oder mit Schlittschuhen befahren werden. Bildquelle: Keystone/ Valentin Laurat.
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Bild 6 von 9. Im Waadtländer Jura war der Eisabbau über Jahrzehnte ein sehr einträgliches Geschäft. Aus dem Jura mit dem Lac de Joux und dem benachbarten Lac Brenet kam das schönste und beste Eis. Mit der Bahn wurde es bis nach Paris transportiert und kühlte dort unter anderem die Getränke im legendären Moulin Rouge. Bildquelle: Keystone/ Archiv.
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Bild 7 von 9. Geschichtsträchtig: Der Wald von Risoux war während des Zweiten Weltkriegs ein wichtiger Ort. Im Schutz dieses Waldes entkamen viele Juden dem Tod. Dies war einem Netzwerk zu verdanken, das die geflüchteten Juden in kleinen Häusern im dichten Waldgebiet versteckte. Bildquelle: SRF Screen.
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Bild 8 von 9. Outdoor-Reporter Marcel Hähni mit seiner Begleiterin Patrizia Golay, die vor 30 Jahren aus der Deutschschweiz in das Vallée de Joux ausgewandert ist. Bildquelle: SRF/ Marcel Hähni.
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Bild 9 von 9. Heute sind rund 20 Uhrenmanufakturen in der Region ansässig. Die Uhrmachertradition des Vallée de Joux verdankt ihren Ursprung der Eisenindustrie, deren Präsenz in der Region die Herstellung von Uhrenteilen ab der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ermöglichte. Bildquelle: despositphotos.com.
Kurz nach dem Ortsende von Le Pont führt der Pfad in ein Schilfgebiet. Ab hier liegt die Hauptstrasse hinter uns, und es wird ruhig – nur vereinzelt hört man das Rascheln der verbliebenen Halme, die uns in der Märzbise kühl um die Ohren wehen. Der Weg wechselt nun auf Feld- und Wanderwege.
Wirtschaftlich lebt das Vallée de Joux heute von seinen verschiedenen Uhrenmanufakturen. Ab dem 18. Jahrhundert nutzten die Bauern die langen Winter, um Uhrenkomponenten herzustellen. Über die Jahrhunderte entwickelte sich das Tal zu einem Zentrum für Präzisionsuhren – und ist es bis heute geblieben.
Wer nach dem Ausflug noch etwas in der Region bleiben will, dem empfehle ich einen Besuch im Uhrenmuseum Espace Horloger. Hier wird die Geschichte der Uhrmacherkunst im Vallée de Joux erzählt.
Nach rund zweieinhalb Stunden erreichen wir Les Esserts‑de‑Rive, eine kleine, verstreute Siedlung am Südwestende des Sees. Ein idealer Ort für eine Pause: Bänke, Aussicht und viel Ruhe – besonders in dieser Jahreszeit. Von hier aus fahren Busse oder der Zug zurück nach Le Pont oder nach Le Sentier, dem Hauptort des Tals am anderen Ende des Sees.
Der Lac de Joux – ein See, der jeden Winter mindestens einmal gefriert. Zwar nicht mehr wie früher über die gesamten 9,5 km², aber immer noch so, dass Schlittschuhläufer, Wanderer und Familien aufs Eis gehen können. An den Ufern des Sees werden dann verschiedene Stände aufgebaut, die von örtlichen Vereinen betrieben werden. Für mich heisst das: Ich komme im nächsten Winter wieder – dann mit Schlittschuhen im Gepäck.