Eine gute Nachricht für alle Konzertveranstaltenden – und eine schlechte Nachricht für alle Fans von Billie Eilish, die ihre letztjährigen «Hit Me Hard and Soft»-Tour verpasst haben: Weder 3D-Effekte, noch Regielegende James Cameron oder die Nähe zu Eilish, wie sie selbst die vorderste Publikumsreihe kaum bietet, kann den realen Konzertbesuch ersetzen.
Dabei wäre die Ausgangslage vielversprechend gewesen. Ohne jetzt eine arrivierte Musikerin in den Schatten des alten weissen Mannes zu stellen: Dass Cameron für diesen Film als Co-Regisseur verpflichtet wurde, sorgte für grosse Erwartungen.
Der Schöpfer des «Avatar»-Universums und von «Titanic» ist bekannt dafür, technische Innovation voranzutreiben. Seine dokumentarischen Arbeiten dienten zudem wiederholt als Testfeld für neue Kameratechniken. Eine Revolution im Gebiet des Konzertfilm schien also möglich. Auch, weil hier konsequent auf die zuletzt ausser Mode gefallene 3D-Technologie gesetzt wird.
Dramaturgie wie gehabt
Strukturell bleibt «Billie Eilish – Hit Me Hard and Soft: The Tour (Live in 3D)» überraschend klassisch. Im Juli 2025 wurden vier Auftritte in einer 20'000 Zuschauer fassenden Halle im britischen Manchester aufgezeichnet. Der Film folgt weitgehend der ursprünglichen Reihenfolge der Show – inklusive Hits wie «Bad Guy», «Lunch» oder «Birds of a Feather».
Dazwischen eingestreut sind Backstage-Momente: Eilish beim Soundcheck, im Gespräch über ihren kreativen Prozess, beim Gesangstraining via FaceTime oder Fans vor der Halle, die ihre Begeisterung teilen. Solide, aber erwartbar.
Cut! Cut! Cut!
Interessanter ist die Inszenierung – zumindest in der Theorie. Die Bühne steht zentral in der Halle, die Band spielt aus zwei Orchestergräben. Die Bühne gehört Eilish allein – ohne Tänzerinnen oder Tänzer, voller Fokus auf den Star. Eine bewusste Entscheidung, inspiriert von ihrer Liebe zu modernen Hip-Hop-Konzerten, bei denen oft ein einzelner MC die Bühne trägt, wie sie im Film sagt.
Die 3D-Kameratechnik verstärkt zunächst die Unmittelbarkeit: Hände versperren kurz die Sicht, man befindet sich inmitten eines schier endlosen Smartphone-Meers, und Eilish scheint greifbar nah – besonders, wenn sie mit einer Selfie-Kamera über die Bühne sprintet.
Reizvoll sind auch Perspektiven, die dem Livepublikum verborgen bleiben: wenn sie im Bühnengraben verschwindet oder zu Beginn unter der Bühne in einer Kiste gefilmt wird.
Leider ist der Film über weite Strecken so hektisch geschnitten, dass kaum Zeit bleibt, die gestochen scharfen Bilder und die räumliche Tiefe wahrzunehmen. Das visuelle Potenzial verpufft. Erst wenn der Schnitt innehält, entfaltet sich die immersive Wirkung: bei längeren Kamerafahrten etwa, wenn Eilish durch die ausgestreckten Arme der ersten Reihe läuft und man sich auch im Kinosaal als Teil des Geschehens fühlt.
Verpasste Chance?
An die Qualität von Konzertfilmen wie «Stop Making Sense» oder «Renaissance» von Beyoncé – Werke, die man auch Musikfans empfehlen würde, denen die Acts egal sind – reicht «Hit Me Hard and Soft: The Tour» trotz grosser Namen nicht heran.
Er bleibt, was viele Konzertfilme sind: ein Geschenk für Fans – und eine solide Möglichkeit, eine erfolgreiche Tour noch einmal zu erleben.