Junge Schweizer Literatur: Radikal und poetisch

Vielversprechende Roman-Debüts von drei neuen Schweizer Namen: Julia Weber, Flurin Jecker und Laura Wohnlich lassen Kinder und junge Menschen aus ihrem ungeordneten Leben und von schwierigen Familienbeziehungen erzählen.

Beiträge

  • Julia Weber: Immer ist alles schön

    «Ganz, ganz wunderbar», sagt die Mutter. Der kleine Bruno: «Immer ist alles schön. Das ist wegen dem Bier». Seine Schwester Anais: «Es ist wirklich schön». Nur schon diese drei kurzen Sätze zeigen eindrücklich, wie diese Figuren funktionieren.

    Die Mutter braucht den Alkohol, um ihre Traurigkeit zu betäuben. Bruno sieht klar, kann aber nichts tun und Anais möchte alles zusammenhalten. Julia Weber lässt das tapfere Mädchen die tragische Geschichte dieser Familie erzählen, in einer wunderbar zarten, kindlich verspielten Sprache.

    Buchhinweis: Julia Weber. Immer ist alles schön. Limmat, 2017.

    Susanne Sturzenegger

  • Flurin Jecker: Lanz

    Der 14-jährige Lanz erzählt in einem Blog vom Pendeln zwischen seiner gestressten Mutter und dem von ihnen getrennt lebenden, unzuverlässigen Vater. Nicht selten führt er die beiden an der Nase herum, doch eigentlich fühlt sich der kiffende Junge «wie allein auf dieser Welt».

    Flurin Jeckers Debüt-Roman besticht durch einen eigenen, coolen Sound, die ungezwungene, dialektale Jugendsprache «sie tat, als wäre sie ultra die Sekretärin» und einen unwiderstehlichen Sog.

    Buchhinweis: Flurin Jecker. Lanz. Nagel & Kimche, 2017.

    Susanne Sturzenegger

  • Laura Wohnlich: Sweet Rotation

    Am Tag als Anna Prostituierte wird, stirbt ihre Mutter. Anna ist nicht besonders traurig, die 19-Jährige hatte nur wenig Kontakt zur Mutter. Doch sie hätte nur gerne gewusst, wie diese auf ihren Job reagiert hätte.

    Laura Wohnlich lässt ihre Hauptfigur von einer schwierigen Kindheit erzählen, ohne sich zu bemitleiden und ohne Anklage, aber mit einer leisen Traurigkeit: «Ich heulte ein bisschen, gerade so, dass man es durch den Hörer nicht mitbekam». Das tönt düster, aber dieser Roman ist auch eine schöne, gar nicht kitschige Lovestory.

    Buchhinweis: Laura Wohnlich. Sweet Rotation. Piper, 2017.

    Susanne Sturzenegger