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Thun-Präsident zum Liga-Titel Gerber: «Menschlichkeit ist wichtiger als GPS-Daten»

Als Aufsteiger direkt zum Meistertitel: Der FC Thun hat für eine Sensation im Schweizer Fussball gesorgt. Präsident Andres Gerber über die tiefen Emotionen nach dem Titelgewinn, die schwere Vergangenheit und ein Erfolgsrezept, das im modernen Fussball unüblich scheint.

SRF: Herr Gerber, der FC Thun ist Schweizer Meister. Haben Sie schon Worte für dieses Fussballmärchen gefunden?
Andres Gerber: Es geht tief. Wenn ich daran denke, wo wir vor sechs Jahren waren, als wir abgestiegen sind … Damals waren wir ganz am Boden. Viele rechneten mit dem Konkurs. Wenn man das alles miterlebt hat, dann ist dieser Titel eine Kompensation, die fast schon surreal ist. Es ist fast zu viel des Guten.

Wie erklären Sie sich diesen Erfolg mit diesem Budget? Der Marktwert Ihres Teams war zu Beginn der Saison deutlich kleiner als derjenige einiger Ligakonkurrenten.
Man muss ehrlich sein: Wenn die grossen Klubs ihre Sache gut machen, haben wir keine Chance. Aber man muss bereit sein, wenn die anderen schwächeln. Bei uns entstand nach den ersten Siegen eine positive Spirale, bei den Gegnern stieg der Druck. Gleichzeitig haben wir seit Jahren eine klare Philosophie, die auf Kontinuität und Vertrauen basiert. Das ist matchentscheidend.

Sie sprechen von einer Atmosphäre, in der sich Spieler wohlfühlen. Danach streben doch alle Klubs?
Aber bei uns ist es der Nährboden für alles. Wenn du dich als Spieler wohlfühlst, weil du menschlich und respektvoll behandelt wirst, kannst du deine Leistung abrufen. Wir achten bei der Auswahl der Spieler sehr auf die Persönlichkeit. Wir wollen das «Kind im Manne» wecken, die reine Freude am Spiel.

Das tönt nun alles sehr romantisch …
Natürlich wird auch bei uns professionell gearbeitet und wir nutzen moderne Mittel. Aber die Menschlichkeit überwiegt, sie ist uns zum Beispiel wichtiger als GPS-Daten. Bei anderen Klubs ist es vielleicht umgekehrt. Dort werden Spieler mit Statistiken und Druck konfrontiert. Das blockiert. Bei uns spielen die Profis gefühlt über ihrem Wert, weil sie Freude haben.

Der Erfolg weckt Begehrlichkeiten und erhöht die Erwartungen. Wie gross ist die Angst vor dem Absturz in der kommenden Saison?
Angst ist der falsche Ausdruck, aber der Respekt ist gross. Das ist auch angebracht. Die Gegner werden aus ihren Fehlern lernen, gleichzeitig sind bei uns die Erwartungen gestiegen. Da es nicht besser als diese Saison kommen kann, ist die Gefahr gross, dass wir nächste Saison ein bisschen fallen. Hoffentlich nicht zu tief! Ich sehe es als coole Herausforderung.

Sie haben einmal gesagt: «Wenn ich mit Thun Meister werde, trete ich zurück.» Machen Sie das jetzt?
Der Gedanke schwebt mir im Kopf. Nach der Beinahe-Pleite vor sechs Jahren nun Schweizer Meister zu sein – höher geht es nicht. Es wäre eine Art Selbstschutz, auf dem Höhepunkt aufzuhören. Aber ich will mich der Herausforderung stellen und sehen, wie es weitergeht. Ich freue mich darauf.

Super League

SRF zwei, sportlive, 02.05.2026, 20:10 Uhr ; 

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