Tages-Anzeiger: Kaderwerte nicht gleich Tabellenrang
«Die Berner Oberländer haben eine Mannschaft zusammengestellt, mit der man gewöhnlich auch in der Super League nicht um die vordersten Plätze mitspielt. Ihr Triumph ist ein Stück weit ein Scheitern der teilweise deutlich finanzkräftigeren Konkurrenz; vor allen Dingen aber stellt er den wohltuenden Beweis dafür dar, dass auch im Jahr 2026 nicht einfach ein Blick auf die Kaderwerte dazu genügt, die Ranglistenpositionen vorherzusehen.
50-jährig ist Lustrinelli; das ist ein vergleichsweise hohes Alter für jemanden, der noch immer erst eine Clubmannschaft betreut hat. Seine Chancen auf ein Engagement bei einem international gesehen deutlich kompetitiveren Verein muss das nicht schmälern. Unter anderem Nationalcoach Murat Yakin und Urs Fischer [...] haben den Beweis erbracht, dass sich beim FC Thun wunderbar Trainerkarrieren lancieren lassen.»
NZZ: Was sind schon Lautern und Leicester?
«Kaiserslautern und Leicester City stehen im europäischen Fussball für die raren Geschichten von Aussenseitern, die zum Team reifen und Konkurrenten hinter sich lassen, die ein ausgeprägteres Selbstbild haben und viel reicher sind – an Tradition und Geld. Doch was sind schon Kaiserslautern und Leicester im Vergleich zum FC Thun, dem Kleinklub aus dem Berner Oberland, dem Aufsteiger, der schon seit Monaten auf den Meistertitel zugesteuert ist? […]
Die Thuner schreiben eine einzigartige Geschichte, die mehr internationale Beachtung finden würde, stünde eine andere Liga als die kleine Super League in der Vitrine. Ihr Meistertitel ist eine Überraschung. Oder mehr als das. Für einmal ist der Superlativ dienlich: Er ist ein sporthistorischer Grosserfolg, der sich so schnell nicht wiederholen wird.»
Blick: Vom Versagen der Grossen profitiert
«Bei aller berechtigten [...] Euphorie ist der Titel der Thuner aber auch ein Schlag ins Gesicht für die gesamte Liga. Im Berner Oberland hat man vom Versagen in den grossen Städten profitiert. Beim FC Basel versuchte man sich am Experiment: ‹Wie wird man Titelverteidiger ohne Stürmer?› Bei YB wollte man auf beeindruckende Art und Weise beweisen, wie man mit möglichst hohen Ausgaben für Kader und Trainer möglichst wenig Erfolg holt.
Während man bei den Liga-Giganten hauptsächlich mit sich selber beschäftigt ist, hat man in der einst stolzen Fussballstadt Zürich den Sport aufgegeben und fokussiert sich nur noch auf hollywoodreife Pleiten, Pech und Pannen. [...] So schön das Märchen von Thun ist, so sehr ist der Meistertitel auch ein alarmierendes Zeichen für die Liga und ein vernichtendes Zeugnis für die sportlichen Chefetagen der vermeintlich grossen Klubs.»
Watson: Der unspektakuläre Verlauf
«Nun ist die Sensation Tatsache – auch wenn es den vierten Anlauf dafür brauchte. [...] So spektakulär diese Errungenschaft ist, so unspektakulär war der Verlauf der Meisterschaft. Auch darin liegt seine historische Bedeutung. Denn Thun hat nicht einfach mit viel Glück der Konkurrenz einen Titel stibitzt. Thun ist ihr mit Siebenmeilenstiefeln enteilt und holt den Meisterpokal höchst verdient.
Thun hat […] eine eingespielte Mannschaft, die nach dem Aufstieg im vergangenen Sommer nicht gross verändert wurde. Als Königstransfers entpuppten sich Michael Heule (24), der von Stade Lausanne-Ouchy kam, und Kastriot Imeri (25), der von den Young Boys ausgeliehen wurde, der entthronten Nummer 1 im Kanton Bern.»