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Mutig in die Zukunft des Wissenschaftsbetriebs
Aus Kontext vom 15.03.2021.
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Mutig in die Zukunft Corona-Forscherin: «Man macht sich nicht nur Freunde»

Seit Corona stützt sich der Bundesrat auf die Zahlen des Forschungsteams rund um Tanja Stadler. Wie ist das, wenn man plötzlich im Rampenlicht steht?

Weihnachten 2020 fiel für Tanja Stadler und ihr Team ins Wasser. Kurz zuvor hatten Meldungen aus Grossbritannien die Forschungsgemeinschaft alarmiert, es gebe eine neue Variante von Sars-CoV-2, die möglicherweise viel ansteckender sei.

«Wir wollten rasch herausfinden, ob diese britische Variante auch schon in der Schweiz zirkuliert», erzählt Tanja Stadler. «Also hielten wir an der ETH unsere Labore offen und beschlossen, über die Weihnachtstage zu sequenzieren.»

Forschung für den Bundesrat

Die 39-Jährige ist seit Beginn der Pandemie in die Corona-Forschung involviert. Innerhalb der Expertengruppe «Data and Modelling» ist ihre Forschungsgruppe für die Berechnung der Reproduktionszahl zuständig – eine der zentralen Richtgrössen, um den Verlauf der Pandemie zu bestimmen.

Ein wesentlicher Teil der Arbeit betrifft auch genetische Sequenzierungen des Virus und seiner Mutationen. Mit ihren Analysen ist die ETH-Professorin regelmässig in den Medien präsent.

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Das Rennen um wirksame Covid-Medikamente
Aus Puls vom 15.03.2021.
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«Das muss man aushalten»

Ende Jahr hat Tanja Stadler die Leitung der Expertengruppe «Data and Modelling» übernommen. Seither steht sie noch mehr im Rampenlicht.

Die Worte der Wissenschaftlerin haben Gewicht. Der Bundesrat hat sich an ihr wie auch an den anderen Taskforce-Mitgliedern orientiert, um daraus Massnahmen abzuleiten oder allfällige Öffnungsschritte zu planen.

Diese öffentliche Rolle von Wissenschaftlerinnen ist anspruchsvoll. «Man gerät leicht ins Kreuzfeuer, weil teilweise Dinge instrumentalisiert werden, die man gar nie so gemeint hat», sagt Stadler.

Sie versuche dann jeweils, bei den Fakten zu bleiben. Und bei der Evidenz. «Da muss man einfach seinen Weg gehen, aber man macht sich nicht nur Freunde. Das muss man aushalten.»

Plötzlich «systemrelevant»

Wie hält Tanja Stadler das aus? Wie wird man von der exzellenten Wissenschaftlerin und Forschungsgruppenleiterin, die ausserhalb der Community vor Covid-19 nur wenige gekannt haben, zur systemrelevanten Corona-Forscherin? Und: Gab es Verhaltensweisen, Maximen in Tanja Stadlers Team, die sie auf Corona «vorbereitet» haben?

Da sei zunächst ihr grundsolides Verständnis von guter Wissenschaft. «Wir versuchen, zum Erkenntnisgewinn beizutragen, um die Welt um uns herum etwas besser zu verstehen», erklärt Stadler.

Das könne angewandte Forschung sein wie jetzt in der Corona-Pandemie. Aber auch rein grundlagenorientiertes Wissen – ohne direkte Anwendung.

Das grosse Rennen um das Covid-Medikament

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Im Schatten der Jagd nach dem besten Impfstoff läuft das Rennen um wirksame Medikamente zur Behandlung von Covid-19.

Schon im Februar 2020 kann sich ein Kandidat aus dem Mittelfeld lösen: Das Hepatitis-C- und Ebola-Medikament Remdesivir. Im frühen Stadium der Erkrankung scheint es zu helfen. Ob es auch in späteren Stadien wirkt, ist damals noch ungewiss.

Kurz darauf spielt sich das altgediente Malariamedikament Hydroxychloroquin nach vorn. In einem unglaublichen Sprint erreicht es als erstes ein wichtiges Etappenziel: die Notfallzulassung in den USA.

Im April mischt dann der Blutverdünner das Feld auf. Denn es zeigt sich, dass das Coronavirus zu Entzündungen der Gefässe im ganzen Körper führt. Dagegen können rechtzeitig eingesetzte Blutverdünner etwas ausrichten.

Hydroxychloroquin hingegen fällt zunehmend zurück und im Juni 2020 schliesslich ganz aus dem Rennen. Die WHO rät vom Einsatz ab, obwohl zahlreiche kleine Studien etwas anderes vermuten liessen.

«Als dann endlich eine grosse, gut gemachte Studie herauskam, war die Sache aber gleich entschieden», erklärt der klinische Epidemiologe Lars Hemkens.

Im Juni drängt sich dann ein anderer Kandidat nach vorne: der Entzündungshemmer Dexamethason. Wie wirksam er ist, weiss man nur dank einer unglaublich schnell aufgesetzten, grossen und robusten Studie aus England.

Für Lars Hemkens zeigt das Rennen um ein Covid-Medikament, dass sich Fragen zur Wirksamkeit von Therapien mit grossen internationalen Studien unglaublich schnell und effektiv beantworten lassen. «Das sollten wir wirklich weiterverfolgen. Nicht nur bei Covid, sondern zum Beispiel auch für Krebs oder Herzerkrankungen.»

Kompetitiv, aber gemeinschaftlich

Das würden wohl viele Forschende unterschreiben. Doch was die ETH-Professorin wirklich ausmacht, ist ihr Forschungsstil. Ihr Umgang mit der Gruppe ist ehrgeizig-kompetitiv und jugendlich-gemeinschaftlich zugleich. Jana Huisman ist Doktorandin in Stadlers Gruppe. Die 25-Jährige schreibt ihre Dissertation über Antibiotikaresistenzen. Doch diese Arbeit liegt seit einem Jahr wegen Corona-Projekten brach. Unter anderem für die tägliche Berechnung des R-Werts.

Jana Huisman beschwört den «kollaborativen Geist», den sie in ihrer Gruppe hätten. «Wir haben einen guten Umgang und Respekt füreinander. Die Kompetenzen von uns Gruppenmitgliedern ergänzen sich. Wir helfen uns gegenseitig.»

Fleiss und Ausdauer

Das fördere die kollektive Kreativität, bringe alle im Team auf gute Ideen, sagt die Doktorandin. Tanja Stadler selber sagt: «Mir ist ein offener Umgang sehr wichtig. Jeder und jede soll sich trauen, verrückte Ideen einzubringen und mögliche Probleme in einem Projekt anzusprechen.»

Ein weiterer Erfolgsfaktor der Gruppe Stadler: Fleiss und Ausdauer. «Das ganze Team hat seit Beginn der Pandemie sehr, sehr viel geleistet», erzählt die Chefin und verweist etwa auf die wegen der britischen Variante durchgearbeiteten Weihnachtsfeiertage.

Gemeinsamer Ehrgeiz

Noch ein Aspekt, der erfolgreiche Corona-Forschung ausmacht: eine gehörige Portion Ehrgeiz gegen aussen.

Stadler erklärt, Forschungsgruppen wie die ihre hätten in der Pandemie immer wieder Daten und Resultate untereinander ausgetauscht, um dem gemeinsamen Ziel näher zu kommen: Sars-CoV-2 besser zu verstehen.

Gleichzeitig gebe es auch viel Wettbewerb, gerade wenn man an gleichen Themen arbeite. Und das sei gut: «Zum einen spornt es an, auf Ergebnisse hinzuarbeiten», sagt sie. «Und zum anderen braucht es die Sichtweisen von vielen auf das gleiche Problem, damit sich vorläufige Ergebnisse bestätigen können.»

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Hoffnung und Realität in der Covid-Behandlung
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Was Tanja Stadler eben auch auszeichnet, ist ihre Fähigkeit sich abzugrenzen. Zum Beispiel gegen die «Maulkorb-Forderung» der Wirtschaftskommission des Nationalrats. Danach sollen Taskforce-Mitglieder zu Covid-19 fortan schweigen.

Dies liess die ETH-Forscherin ungerührt: «Die Wissenschaft – oder ich – möchte keine Politik machen. Wir möchten einfach das erklären, was wir wissen.» Entscheiden müsse die Politik.

Mutig in die Zukunft: Die Schwerpunkt-Woche

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Legende: srf

Die Coronakrise hat unser Leben verändert. Ein Jahr nach dem Shutdown startet SRF Kultur einen thematischen Schwerpunkt mit Geschichten, die Mut machen, die Welt von morgen zu gestalten. Ab Samstag, 13. März 2021, zeigt SRF den multimedialen Schwerpunkt im Fernsehen, Radio und online.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 16.3.2021, 9:03 Uhr.

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21 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Stauffacher  (Peter Stephan Stauffacher)
    Noch ein weiteres überschätztes Mitglied der Taskforce. Nebst ein paar ziemlich krass falschen Vorhersagen und den paar nachträglichen Berechnungen, welche auch ein halbwegs begabter Sekundarschüler geschafft hätte, ist nicht viel brauchbares zu Stande gekommen.
    Vielleicht sollte man endlich einmal einsehen dass ungenaue Vorhersagen kontraproduktiv sind und wenig Vertrauen in die Wissenschaft generieren und deshalb nur das abbilden was man auch abbilden kann.
    1. Antwort von Andreas Müller  (Hugh Everett)
      Was haben denn sie diesbezüglich zu bieten Herr Stauffacher. Wo waren ihre Prognosen?
    2. Antwort von Jonas Sanddorn  (Sanddorn)
      Ich bedaure, dass eine Top-Wissenschaftlerin nicht den Respekt erhält, den sie verdient: Dank solchen Forscherinnen, die teilweise 60-Stundenwoche schieben, wissen wir mehr über die Virusgruppen; und ja natürlich wissen die nicht alles, sonst müssten sie ja auch nicht forschen. In einem Punkt haben sie, Herr Stauffacher, aber recht, die Vorhersagen sind ungenau, ich vermute, weil Naturwissenschaftlerinnen die Irrationalität ihrer Mitmenschen tendenziell unterschätzen.
    3. Antwort von Thomas Spirig  (lalelu)
      es gab nie prognosen, die möglichst eintreffen sollten. sie haben offenbar immer noch nicht verstanden worum es bei den szenarien geht, welche unter gewissen annahmen zustande kommen. in der regel will man damit erreichen, dass das szenario nicht eintritt (präventionsparadox). auch der R wert wurde nie falsch berechnet, sondern aufgrund neuer datennachreichungen angepasst. und die berechnung selber ist alles andere als sekundarschulstoff. sie macht genau das was sie soll.
    4. Antwort von Albert Bachmann  (AFB)
      [1/2]
      Solche Aussagen sind einfach nur lächerlich und zeugen von einem äusserst schlechten Verständnis dieser Sachlage und der Wissenschaft im Allgemeinen! Diese „krass falschen Vorhersagen“ waren Prognosen für den Fall, wenn man keine Massnahmen getroffen hätte. Das können Sie doch unmöglich mit der jetztigen Situation vergleichen, da man jetzt wegen eben jenen Modellen Massnahmen getroffen hat, das würde auch einem begabten Sekschüler einleuchten...
    5. Antwort von Brigitte Steiner  (Bsteiner)
      Schade dass Sie so denken. Ohne Forschung und Prognosen wäre die Menschheit wohl längst ausgestorben.
    6. Antwort von Franz Lehmann  ((DrFranz))
      Sehr anmassend Herr Stauffacher. Ich denke, dass Ihnen einfach nicht gefällt was die Person zu sagen hat. Hätte man keine Massnahmen getroffen wäre es ja in etwa so gekommen. Aber wer will heute schon noch dazulernen wenn die Meinungen gemacht sind, nicht wahr?
    7. Antwort von Tim Luethi  (timluethi)
      Ich gebe Herrn Stauffacher Recht, hätte auf die einseitig pessimistischen Prognosen (an Panikmache grenzend) auch verzichten können.
  • Kommentar von Anna Kissling  (Cristalmix)
    Frau Stadler macht auf mich einen symphatischen Eindruck. Was ich vermisse: Der Austausch mit andersdenkenden Virologen und Epidemiologen. Es gibt ja durchaus solche die bezüglich Massnahmen ziemlich anders denken.
    Jedenfalls hat man den Eindruck ein solcher finde nicht statt.
    1. Antwort von Andreas Müller  (Hugh Everett)
      Bei 2.67 Mio Todesopfern verlässt an sich besser auf die Prognosen von Frau Stadler als auf die Prognosen eines Trüpchens von seltsamen Wirrköpfen.
    2. Antwort von Albert Bachmann  (AFB)
      Dieser Austausch findet auch statt, sowohl in der Taskforce als auch ausserhalb, jedoch sind „Experten“ die Online irgendwelche Theorien aufstellen und Fakten verdrehen nicht zwingend auch wirklich Experten. Wenn 99 von 100 sagen, dass gehandelt werden muss und nur 1 sagt es sei alles kein Problem, dann heisst das nicht, das dieser eine mehr Ahnung von der Materie hat, nur weil er sich auf Facebook, YouTube und Co. gross auftut...
      Social Media eignet sich nicht für eine solide Meinungsbildung!
    3. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Wir haben bis obenhin genug gekriegt von sogenannten "Andersdenkenden". Da braucht es auf jeden Fall nicht mehr.
  • Kommentar von Fabian Perrenoud  (F. Perrenoud)
    Frau Stadler wurde mit ihren alarmistischen Prognosen und Forderungen nach Massnahmen sehr häufig auf srf zitiert. Wissenschaftler mit anderen Ansichten werden auf srf kaum gehört. Insgesamt würde ich sagen Frau Stadler war (zum Glück) mit Ihren Prognosen viel zu pessimistich.
    1. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Frau Stadler war insgesamt mit Prognosen überhaupt nicht pessimistisch. Effektiv gab es ohnehin viel mehr anderes zu hören oder Lesen als Prognosen. Alarmistische Forderungen gab es soweit ich mich erinnere überhaupt keine.