Sandro sitzt in seiner Stammbeiz, heute mit einem alkoholfreien Bier vor sich. «Fast drei Jahre trocken. Das muss mir zuerst noch jemand nachmachen», sagt der 35-jährige St. Galler und lacht. Man spürt, wie viel Stolz und Arbeit hinter dieser Aussage stecken. Dass Sandro heute keinen Tropfen mehr trinkt, war lange unvorstellbar.
Sein Tiefpunkt kam an einem gewöhnlichen Arbeitstag. Sandro ist Journalist und führte an dem Tag ein Zeitungsinterview. Sein Interviewgast bot ihm ein Bier an. Später am Mittag kam auch noch Wodka hinzu. Auf dem Rückweg in die Stadt schlief er im Zug ein und verpasste den Ausstieg. Weil er schliesslich seine Deadline für den Artikel nicht schafft, schickt ihn sein Chef verfrüht ins Wochenende.
Moment der Realisation
Doch auch zu Hause wurde es nicht besser. Eine Freundin kam zu Besuch, und soziale Kontakte bedeuteten für Sandro meist automatisch Trinken. Doch die Besucherin merkte rasch, dass etwas nicht stimmte, und konfrontierte ihn: «Was ist nur los mit dir?» Es war dieser Moment, als Sandro realisierte: Ich muss in den Entzug.
Am Montag rief er seinen Chef an und gestand unter Tränen, dass er ein Alkoholproblem hat. Die Reaktion seines Vorgesetzten rechnet Sandro ihm bis heute hoch an. Dieser schickt ihn zum Arzt, und dort wird er sofort krankgeschrieben. Der damals 32-Jährige meldet sich daraufhin selbst für den Entzug mit begleitender Therapie an.
Sandro erzählt seine Geschichte an einem Ort, der ihn seit seiner Jugend begleitet: den «Drei Weihern», oberhalb von St. Gallen. Bei dem weichen, herbstlichen Licht und den leichten Nebelschwaden hat der Ort etwas magisch Schönes. Hier hat für Sandro vieles begonnen: das Feiern, das Trinken und später dann die ersten Momente des Zweifelns.
Wie konnte es so weit kommen?
Wie für viele war auch für Sandro bereits in jungen Jahren Alkohol selbstverständlicher Teil des gemeinsamen Ausgangs. Rückblickend sagt er, sein Konsum sei schon damals riskant gewesen. Auch wenn nicht jedes Wochenende im völligen Absturz endete, war es immer zu viel. Er ist überzeugt: Seine spätere Abhängigkeit wäre vermutlich auch ohne die grosse Krise seines Lebens entstanden. Trotzdem waren es wohl vor allem die schmerzlichen Ereignisse später, die ihn endgültig in die Sucht gleiten liessen.
Sandro hatte einen Traum: als Schauspieler arbeiten, davon leben können. 2019 zog er dafür nach London. Voller Hoffnung liess er alles hinter sich. Doch der Neustart gestaltete sich härter als erwartet. Seine Londoner Wohnung war ein «Drecksloch» und die Mitbewohner waren «keine guten Menschen». Er fühlte sich verloren in einer fremden Stadt. Seine damalige Beziehung zerbrach. Als dann noch die Coronapandemie ausbrach, kehrte Sandro in die Schweiz zurück.
«Frustriert, erschöpft und völlig desillusioniert», sagt Sandro heute. Der schwerste Schlag folgte kurz darauf: Ein enger Freund von ihm, Regisseur und wichtige Inspiration für seinen eigenen künstlerischen Weg, nahm sich völlig überraschend das Leben. Von da an verschmolzen Trauer, Zukunftsängste und Selbstzweifel mit seinem ohnehin riskanten Alkoholkonsum.
Alkohol als Ursache und Lösung des Leids
Sandro beschreibt den Alkohol als Ursache und doch vermeintliche Lösung seines Leidens: Betrunken entkam er seinen Ängsten kurzfristig, nur um später nüchtern den Preis dafür zu zahlen: Jeden Morgen wachte er auf, mit Übelkeit und innerem Unwohlsein. Er trank viel Kaffee, rauchte noch mehr, und hielt so bis zum frühen Nachmittag durch.
Ab circa 14 Uhr begann sein Körper regelrecht nach Alkohol zu verlangen. Neben der Tatsache, dass ihm schlecht war, war er psychisch ängstlicher und voller Sorgen. Das erste grosse Bier sorgte innerhalb von zehn Minuten für Besserung: «Im Bauch und da oben, im Kopf. Je tiefer der Alkoholpegel war, desto stärker waren die Ängste, Sorgen und die Scham über Vergangenes. Der Alkohol hat das einfach ausgelöscht. Aber das war natürlich eine tragische Art zu leben.»
Raphael, ein guter Freund von Sandro, erinnert sich gut an die Zeit, als der Konsum ausser Kontrolle geriet. Die beiden haben früher viel zusammen gefeiert. Doch während Raphael nach einer Party Pause brauchte, stand Sandro montags wieder mit einem Sechserpack Bier vor der Tür. «Es wurde irgendwann unheimlich.» Im Freundeskreis habe man das zwar gesehen – aber kaum jemand sprach es klar an. «Man will nicht der Spielverderber sein», sagt Raphael.
Sandro selbst wusste insgeheim längst, dass er zu viel trinkt. Mehrmals versuchte er, auf eigene Faust aufzuhören. Doch immer bremste auch dieser Gedanke seinen Entschluss: Wenn alle anderen doch «normal» trinken können, warum sollte er es nicht auch schaffen?
Und zuzugeben, dass man süchtig ist, erst sich selbst, dann der Familie gegenüber, das dauert: «Da gibt es keinen Schalter, der einfach klickt.» Besonders im Gedächtnis geblieben seien ihm die Leute, die seinen Konsum verharmlosten: Das Problem wurde wegdiskutiert, kleingeredet, als sei es gar nicht so schlimm. «So viel Bier, das schaffe ich doch auch», hörte Sandro immer mal wieder. «In der Situation nimmt man das natürlich mit Handkuss», reflektiert er heute, mit einem bitteren Unterton in der Stimme.
Eine Gesellschaft, in der ein «Nein» irritieren kann
Soziale Interaktionen, die unterstreichen, was Sandro und seinen Freund Raphael heute nach wie vor beschäftigt: wie sehr Alkohol gesellschaftlich verankert ist. «Im Militär, in der Feuerwehr, im Vereinsleben, es wird überall getrunken», sagt Raphael. «Sag einmal Nein, und du bekommst sofort Sprüche: ‹Weisst du, dass das alkoholfrei ist?› Oder: ‹Bist du schwanger?›»
Sandro ergänzt, besonders am Anfang nach seinem Entzug sei es mühsam gewesen. «Als ich das erste Mal wieder in einer Bar war, hat mich eine Frau fünfmal gefragt, wieso ich alkoholfrei trinke. Erst als ich dann irgendwann erzählt habe, ich komme gerade aus der Entzugsklinik, war Ruhe.»
Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte Sandro eine Haltung zur offensiven Offenheit: Wer klar über seine Grenzen und seine Geschichte spricht, macht sich weniger angreifbar und schützt sich gleichzeitig vor Verlockungen.
Ansteckender Trinkstopp
Dass Sandro von einem Tag auf den anderen nichts mehr trank, hätte die Freundschaft zu Raphael auch gefährden können. Denn Sandro hat auch Freunde verloren, weil der gemeinsame Nenner das gemeinsame Trinken war. Die Freundschaft zu Raphael hielt. Mehr noch: Raphaels eigener Alkoholkonsum veränderte sich. «Ich dachte: Wenn Sandro das schafft, dann trinke ich auch nicht mehr.»
Am Anfang begegneten ihm noch Unverständnis und dumme Sprüche. Doch je klarer sein «Nein» von vornherein stand, desto weniger musste er sich erklären und rechtfertigen. Mit der Zeit veränderte sich nicht nur sein persönliches Trinkverhalten, sondern auch das seines Umfelds. In den Vereinen, unter Freunden und selbst in klassischen Kneipen wurde sein Nichttrinken zunehmend konterfrei akzeptiert.
Mehr noch, erzählen die beiden: «Viele machen mittlerweile mit.» Die Erfahrungen der beiden Freunde beschreiben einen gesellschaftlichen Trend. In der Gen Z wird ein bewusstes Nein zum Alkohol zunehmend zum Lifestyle-Faktor. Gesundheit, Fitness und Selfcare stehen heute höher im Kurs als betrunkene Nächte – Mocktails und alkoholfreie Alternativen boomen.
Sandro heute: keine Verlockung mehr?
Sandro ist heute zwar seltener in seiner alten Bar, aber meiden würde er sie keinesfalls. «Warum auch? Ich kann ohne Alkohol hier sitzen.» Ob er manchmal noch Lust hat? Er überlegt und erzählt dann von einem Erlebnis: «Auf dem Weg zum Open Air St. Gallen öffnete jemand im Bus eine eiskalte Bierflasche. Da habe ich mich ganz komisch gefühlt.»
Er geht seit 20 Jahren an dieses Open Air, war immer betrunken, aber diesmal verspürte er keinen Drang zu trinken. «Allein der Gedanke, wie es enden würde, reicht als Warnung. Bei dem Typ im Bus blieb es vielleicht bei einem Bier, wer weiss. Bei mir ganz sicher nicht. Ich weiss, wohin der Weg für mich führte. Und dort will ich nie mehr hin.»