Schnupfen, Niesattacken, tränende Augen. Etwa 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung reagiert allergisch auf die derzeit fleissig umherfliegenden Pollen. Für die Migränepatientinnen und -patienten unter ihnen könnte die Pollensaison jedoch mehr als nur lästigen Heuschnupfen bedeuten.
Häufiger Migräne: Sind die Pollen schuld?
Viele Beobachtungsstudien legen nahe, dass die Pollensaison bei Allergikerinnen und Allergikern mit häufiger auftretender Migräne einhergeht. Allerdings ist bislang unklar, ob die Allergie auch tatsächlich die Ursache für die Migräneanfälle ist. «Mögliche zugrunde liegende Mechanismen sind nicht geklärt», sagt Stefan Weiler, Facharzt für Innere Medizin, Klinische Pharmakologie und Toxikologie sowie Experte für Arzneimittelsicherheit.
Eine direkte Ursache-Wirkung-Beziehung zwischen einer Pollenallergie und Migräne lässt sich aber nicht nachweisen.
«Insgesamt deutet einiges auf überlappende biologische Signalwege zwischen Heuschnupfen und Migräne hin», erklärt Stefan Weiler. So spiele zum Beispiel Histamin eine zentrale Rolle bei allergischen Reaktionen und wirke gleichzeitig als Neurotransmitter auf Gefässe und das Gehirn. Das könnte auch eine Migräne triggern.
Ein anderer möglicher Mechanismus könnte über Entzündungen der Nasenschleimhaut wirken. Diese Entzündungen könnten nämlich über neuronale Verschaltungen die Schmerzverarbeitung im Gehirn beeinflussen. «Eine direkte Ursache-Wirkung-Beziehung zwischen einer Pollenallergie und Migräne lässt sich aber nicht nachweisen», hält Stefan Weiler fest.
In der Klinik bleibt der Peak zur Pollensaison aus
Zwar hätten Betroffene häufig Hypothesen dazu, was ihre Migräneanfälle ausgelöst haben könnte: vom Wetterumschlag, Föhn und Bise – bis eben hin zum Heuschnupfen. Das berichtet der Leiter des Kopfwehzentrums Hirslanden in Zürich, Reto Agosti. «Eine auffällige Häufung während der Pollensaison beobachten wir jedoch nicht», so der Neurologe.
Reto Agosti sieht es auch als Teil seiner Aufgabe, Zusammenhänge zwischen Ereignissen und Migräneanfällen zu beobachten und zu erfassen. «Da eine Migräne aber jeweils erst zeitverzögert auftritt, ist es sehr herausfordernd, direkte Rückschlüsse zu ziehen.»
Um mögliche Zusammenhänge zu identifizieren, ist Reto Agosti umso mehr auf sorgfältig geführte Kopfwehkalender seiner Migränepatientinnen und -patienten angewiesen. Momentan sei er dabei, Daten von rund 30’000 Patientinnen und Patienten zu digitalisieren. Er erhofft sich, darin Muster zu erkennen.
«Häufig sucht man den Übeltäter in äusseren Einflüssen – wie etwa dem Wetter», fällt Reto Agosti auf. Einträge zur eigenen Befindlichkeit oder zu Stress hingegen fehlen dem Neurologen im Kopfwehkalender seiner Patientinnen und Patienten häufig.
Beim diskutierten Zusammenhang zwischen Migräne und einer Pollenallergie sieht Reto Agosti derzeit keinen akuten Handlungsbedarf. Diesen verortet er an anderer Stelle: etwa beim Zusammenspiel von Migräneanfällen und dem weiblichen Zyklus sowie den damit verbundenen Hormonschwankungen. Dies werde bei der Behandlung von Migränepatientinnen oft noch zu wenig berücksichtigt.