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Zu wenig Spenderorgane Ersatz-Organe aus dem Labor

An der Berliner Charité arbeitet eine Forschungsgruppe an einem völlig neuen Ansatz, um dem weltweiten Mangel an Spenderorganen entgegenzuwirken. Dabei werden die Strukturen von Tierorganen mit menschlichen Zellen belebt. Kann diese Forschung dereinst Leben retten?

Der Schauplatz: die Abteilung für experimentelle Chirurgie an der Berliner Charité. Hier forscht Eriselda Keshi auf dem Gebiet des «Tissue Engineerings». 

Das Ziel der Medizinerin geht weit über die blosse Züchtung von künstlichem Gewebe hinaus: Sie will künstliche Organe entwickeln mit dem Ziel, diese für den menschlichen Körper kompatibel zu machen.

Die Rattenleber wird zum «Geisterorgan»

Als Grundmaterial benutzt Forscherin Keshi die Leber einer gewöhnlichen Hausratte, weil diese eine ideale Form hat. Die Leber soll sozusagen umprogrammiert werden. Der Plan: Alle Zellen aus der Rattenleber entfernen, um Platz zu schaffen für etwas völlig anderes. Eriselda Keshi möchte diese Leber so umbauen, dass aus ihr ein Organ für einen Menschen entsteht.

Konkret wird die Rattenleber an ein Schlauchsystem angeschlossen und mit verschiedenen Chemikalien durchflutet. Diese Chemikalien bewirken, dass alle Zellen aus der Leber herausgewaschen und entfernt werden.

Der stellvertretende Klinikdirektor Igor Sauer beschreibt, wie die ausgeräumte, von Zellen befreite Rattenleber zum sogenannten «Geisterorgan» wird: «Das sind im Grunde genommen bestimmte Seifen, die die Zellen herauslösen. Das führt dazu, dass das Organ zunehmend glasig und durchsichtig wird.»

Diese Grundstruktur wird mit menschlichen Zellen neu belebt mit dem Ziel, sie zu einem transplantierbaren Organ weiterzuentwickeln.

Bedarf ab Spenderorganen in der Schweiz

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Rote Kühlbox mit Swiss Transplant-Logo in Krankenhausflur.
Legende: SRF

Ende 2025 standen in der Schweiz 1325 Menschen auf der nationalen Warteliste für ein lebensnotwendiges Organ. Dabei gab es nur 185 Menschen in der Schweiz, die nach ihrem Tod ihre Organe gespendet haben. 2025 starben 67 Personen auf der Warteliste.

Quelle: Swisstransplant

Die Hoffnung der Forschung: Die neuen Zellen wachsen fest an, reifen und werden schliesslich zu einem neuen, funktionstüchtigen Organ. Zum Beispiel eine Bauchspeicheldrüse.

Ersatz für die Bauchspeicheldrüse

Eriselda Keshi versucht, sogenannte «Inselzellen» einer menschlichen Bauchspeicheldrüse in der ehemaligen Rattenleber anzusiedeln. Solche Versuche hat sie schon viele gemacht – mit Erfolg. Die Medizinerin erinnert sich: «Es war ein sehr guter Tag, als dies zum ersten Mal funktionierte, wir waren glücklich. Wir konnten es erstmal gar nicht glauben.»

Als nächstes steht die Evaluation im Tierversuch an, also die Einpflanzung des Labor-Organs in einen lebenden Organismus. Sollte die neue Bauchspeicheldrüse, beispielsweise implantiert in einem Schweinekörper, ebenso erfolgreich funktionieren, wäre das ein weiterer Meilenstein.

Das Ziel: Die Anwendung beim Menschen

Noch ist dieses Verfahren rein experimentell, und bis es beim Menschen angewendet werden könnte, wird es noch viele weitere Meilensteine brauchen. Doch  Eriselda Keshi ist optimistisch, dass Organe aus dem Labor dereinst Leben retten könnten: «Ich arbeite jeden Tag mit Patientinnen und Patienten, die auf ein Organ warten, und ich sehe, wie viel Hoffnung die Aussicht auf ein neues Organ bei den Betroffenen erzeugt.»

Erweiterte Widerspruchslösung

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In der Schweiz wird nach einem Volksbeschluss die «erweiterte Widerspruchslösung» eingeführt. Dann wären alle Personen in der Schweiz Organspender und -spenderinnen, wenn sie dies nicht ausdrücklich in einem Register ablehnen oder die Angehörigen dagegen sind. 

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bereitet sich in Zusammenarbeit mit Swisstransplant und Fachpersonen in den Spitälern auf die Einführung der erweiterten Widerspruchsregelung vor. Der Systemwechsel ist frühestens im Frühling 2027 zu erwarten.

Auch wenn das, was sie jetzt mache, nur ein weiterer Schritt in der Forschung sei und vielleicht nicht die endgültige Lösung, könnte dies die Transplantationsmedizin trotzdem insgesamt weiterbringen. «Dann kann jemand anderes weitermachen mit dem, was ich jetzt herausfinde.»

SRF 1 Puls, 23.2.2026, 21:10 Uhr

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