Während Isabel Hotz (50) einen Fuss vor den anderen setzt, auf dem Weg zum höchsten Berg Südamerikas, konzentriert sie sich auf das Gelände: Unebenheiten, Sand, abschüssiges Geröll.
Sie freut sich, dass sie gehen kann. Einen Berg hochsteigen kann. Überhaupt laufen kann. Sie sieht den 6961 Meter hohen Gipfel und weiss: Da will ich hin! Und wenn sie im Flow ist, kann Isabel sehr lange laufen. Dabei war lange unklar, ob sie je wieder normal laufen würde.
«Krasse Operationen und krasse Medikation»
Isabel hat eine schlimme Krankheitsgeschichte. Begonnen hatte alles 2011 mit Wirbelsäulen- und Bandscheibenproblemen. Zehn Operationen innert zehn Jahren musste sie über sich ergehen lassen: darunter ein Bandscheibenplatzhalter aus Titan, eine versteifte Wirbelsäule, eine Verstärkung mit Beckenknochen und zwei Rückenmarkstimulatoren zur Schmerzdämpfung.
«Das ist keine normale Schmerzpatientengeschichte», bestätigt Schmerzspezialist Konrad Maurer. «Wir sprechen von krassen Operationen, schweren Verletzungen und krasser Medikation.»
Kinder, Job, Finanzen – für zehn Jahre war Isabels Leben lahmgelegt. Immer wieder musste sie neue Schmerzen und Komplikationen ertragen, die auch zu einer körperlichen Abhängigkeit von Opiaten führten. Sie konnte nur noch auf dem Sofa liegen. Laufen konnte sie fast gar nicht mehr.
Nervenschäden mit lebenslangen Folgen
«Unaushaltbar schlimm waren die Schmerzen», erinnert sich Isabel. «Ich dachte: Das ist jetzt mein Leben, täglich 24 Stunden Schmerzen. Mein Ausweg war, über die Strasse zu gehen, ohne zu schauen, ob ein Auto kommt. Es hat mich einfach nie erwischt.»
Ihr damaliger Arzt meinte, sie werde nie wieder normal gehen und dauerhaft Opiate brauchen – doch Isabel schaffte es, das Blatt zu wenden. Heute besteigt sie Berge und nimmt keine Medikamente. Ganz unbeschadet blieb sie jedoch nicht: Heute leidet sie an Neuropathie, Nervenschäden.
Bei Isabel sind drei Nerven verletzt: einer durch eine Kompression an der Wirbelsäule, einer durch einen chirurgischen Fehler und ein weiterer durch die Hüftoperation.
Die Folgen: dauerhafte Schmerzen, Gefühlsstörungen und Muskelschwäche im rechten Bein. Am linken Oberschenkel verursacht schon die kleinste Berührung brennende Schmerzen.
Zu den Schmerzen kommen Gehprobleme: Aufgrund der Schwäche in Bein und Fuss droht sie rechts wegzukippen. Sie kann den Fuss nicht richtig abstossen, die Kraft fehlt. Deshalb muss sie ihn mit dem Oberschenkel anheben und wieder absetzen.
Hoch auf den Berg
Schon für gut Trainierte ist der Aconcagua eine Herausforderung – auch wenn er technisch nicht zu den schwierigsten Bergen zählt. Dennoch gilt der Berg in den argentinischen Anden als anspruchsvoll: Der Weg ist ein langer, kräfteraubender Hochgebirgsmarsch durch steile Geröllfelder und dünne Luft. Viele scheitern an der Höhenkrankheit.
Typisch sind plötzliche Stürme und starker Wind. Während es im Basislager heiss sein kann, herrschen am Gipfel Temperaturen von -20 bis -30 Grad. Der Gipfeltag dauert zehn bis 14 Stunden. Der Aconcagua gehört zu den Bergen, an denen besonders viele Rettungseinsätzen stattfinden. Und Isabel will ihn besteigen – trotz Schmerzen, muskulären Schwächen und Gefühlsstörungen an Rücken, Bein und Becken.
Die Tour in Bildern
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Bild 1 von 7. Zu Beginn der Expedition schauen wir uns in Puente del Inca den Aconcagua an. Bildquelle: ZVG.
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Bild 2 von 7. Der erste Materialtransport zum Camp 1 auf 5050 m.ü.M. Der Blick auf die Gletscherlandschaft mit den bizarren Penitentes (Büssereis) ist atemberaubend. Auf Deutsch heisst «penitente» Büsser, welche man in Spanien oft an österlichen Prozessionen mit weissen Kapuzen sieht. Daran erinnern auch die weissen Eis- und Schneefiguren. Bildquelle: ZVG.
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Bild 3 von 7. Übernachtung im Camp 1 auf 5050 Meter über Meer. Bildquelle: ZVG.
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Bild 4 von 7. Heute tragen wir Ausrüstung weiter ins Camp 2 auf 5500 m.ü.M. hinauf. Über einen Pass öffnet sich der Blick in ein neues Tal. Der Wind bläst eisig – wir kehren bald ins Camp 1 zurück. Bildquelle: ZVG.
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Bild 5 von 7. Angekommen im Camp 2 stellen wir fest, dass wir kein Trinkwasser haben. Dieses muss in Form von Firn und Eis zuerst gesammelt und dann abgekocht werden. Es liegt zu dieser Jahreszeit normalerweise kein Schnee. Bildquelle: ZVG.
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Bild 6 von 7. Wir müssen einen Tag im Camp 2 ausharren. Über Nacht hat es über 30 Zentimeter Neuschnee gegeben, die Zelte sind zugeschneit und es windet stark. Bildquelle: ZVG.
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Bild 7 von 7. Letze Etappe der Expedition: Abstieg vom Camp Confluencia (3400 m.ü.M.) zum Ausgangspunkt der Umrundung des Aconcagua nach Puente de Vacas (2400 m.ü.M.). Bildquelle: ZVG.
Beim Aufstieg helfen ihr gezielte Strategien: Sie setzt die Stöcke bewusst ein, um mehr Halt zu bekommen. Die schweren Bergschuhe stabilisieren zwar den schwächeren Fuss, doch die harte Sohle belastet den hypersensiblen Fuss – schmerzfrei ist sie nie.
Während die anderen einfach aufsteigen, muss Isabel zusätzlich ihre Handicaps und Schmerzen managen. Sie hat gelernt, den Schmerz auszublenden und sich auf anderes zu konzentrieren.
Quälerei war früher
Schon beim Packen musste Isabel vorausdenken: Die Hosentaschen liess sie aus den Goretex-Hosen entfernen, weil jede Naht am Oberschenkel brennende Schmerzen auslöst. Auch der Rucksack darf nicht auf die empfindlichen Stellen drücken.
Auch die Nächte werden zur Belastungsprobe: Ihre Nerven reagieren auf die Anstrengung – und auf die Reissverschlüsse der übereinander getragenen Hosen, die sie wegen der Kälte anziehen muss. Der Fuss verträgt so tiefe Temperaturen kaum und schmerzt stark.
Warum sich Isabel Hotz so eine Quälerei antut, fragt man sich. Die Antwort: Für sie ist es keine. Die Quälerei war früher, als sie vor lauter Schmerzen nur auf dem Sofa lag. Als sie Opioide nehmen musste. Als sie von einem Auto überfahren werden wollte. «Bergsteigen ist für mich die absolute Freiheit», schwärmt Isabel.
Schmerzgeprägtes Hirn umprogrammieren
Als alle Operationen vorbei waren, kam Isabel zur Ruhe – und merkte, dass sich ihr ganzes Leben nur noch um Schmerzen drehte. «Man ist dauernd Patientin», sagt sie. «Irgendwann ging mir das richtig auf den Wecker.»
Isabel wandte sich vom Patientinnen-Dasein ab – ohne Physio, ohne Ärzte, ohne Medikamente. Sie akzeptierte die Schmerzen und begann zu laufen: Erst einen Kilometer, dann mehrere, später stand sie auf Berggipfeln. Diese Entwicklung dauerte vier Jahre, der ganze Weg von der ersten Operation bis zum Gipfel rund fünfzehn Jahre.
Nerven regenerieren sich nur langsam. «Wenn ein Nerv nicht komplett zerstört ist, gibt es immer wieder Teilregenerationen», erklärt Neurologe Patrick Freund von der Universitätsklinik Balgrist in Zürich. Erst versucht man, die Schmerzen so weit wie möglich zu reduzieren. Wenn alles ausgeschöpft ist, bleibt nur eines – die Beschwerden und Handicaps zu akzeptieren.
Leidenschaft statt Warten
Genau das hat Isabel geschafft – dank ihrer Leidenschaft, dem Bergsteigen. «Ich meine, die Schäden sind nicht weg. Aber sie müssen mich ja nicht beherrschen.»
Sie hat intuitiv umgesetzt, was die psychosomatische Schmerztherapie schon lange propagiert: Dass ein Hirn, das sich über Jahre auf Schmerzen fokussiert hat, umprogrammiert werden kann. Dass die Schmerzwahrnehmung in den Hintergrund rückt, wenn man das Hirn ablenkt.
Ich habe gelernt, dass man stärker ist, als man meint.
Statt Schmerz Aufmerksamkeit zu geben und darauf zu warten, dass er weggeht, sollte man Freunde treffen, Lebensziele verfolgen und Leidenschaften nachgehen. Genau das macht Isabel.
Trotz allem hat sie es vom ersten Lager auf 2800 Meter Höhe bis nach fast ganz oben geschafft. Im Camp 3 auf 6000 Meter kippt das bisher mehrheitlich schöne Wetter und es beginnt zu schneien. Die Lawinengefahr ist zu hoch. Der Gipfel ist nicht möglich. Aber: Isabel hätte es geschafft. Trotz Schmerzen, trotz Neuropathie. Das ist ausserordentlich bemerkenswert.
Was Isabels Geschichte zeigt: Ab einem bestimmten Punkt ist es trotz Schmerzen wieder möglich, einer Leidenschaft nachzugehen. Diese Leidenschaft sollte man packen und sich von ihr wie von einem Skilift ziehen lassen.
Isabels Fazit nach ihrer Expedition: «Ich habe gelernt, dass man stärker ist, als man meint. Vieles, wovor ich Angst hatte, hat sich bewahrheitet, aber der Fokus war auf Anderem. Es war nicht immer lustig, natürlich nicht. Aber am Ende kann man mehr, als man meint.»