Es ist der bis heute schlimmste Atomunfall der Geschichte. Am 26. April 1986 explodiert der gesamte Kern des Reaktors Nummer vier. Unmengen an radioaktiven Gasen und Partikel gelangen in die Luft. Kurz nach dem Unfall wird die Bevölkerung im Umkreis von 30 Kilometern um das Atomkraftwerk Tschernobyl evakuiert.
Heute blüht in dieser Sperrzone das wilde Leben: Hirsche, Wildschweine und viele seltene Tier- und Pflanzenarten sind zurück – seit der Mensch weg ist. «Viele Male war ich in Prypjat», erzählt der britische Umweltwissenschaftler Jim Smith. Die Stadt liegt rund drei Kilometer vom Reaktor entfernt. «Heute ist dort alles überwachsen, Wölfe ziehen durch die Strassen».
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Bild 1 von 2. Wölfe streifen durch die Sperrzone rund um das Kernkraftwerk Tschernobyl. Bildquelle: Reuters/Vasily Fedosenko.
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Bild 2 von 2. Ein Seeadler landet auf dem Kadaver eines Wolfes in der Sperrzone. Bildquelle: Reuters/Vasily Fedosenko.
Wie die Wildnis ihren Platz zurückerobert hat, sei das Überraschendste, was er in den knapp 40 Jahren Forschung gesehen habe, sagt Smith. Tschernobyl ist inzwischen zu einem der bedeutendsten Naturreservate Europas geworden.
Rund 4200 Quadratkilometer gross und grösstenteils kaum noch radioaktiv verseucht. Natürlich gebe es Ausnahmen, sagt Smith, etwa das Reaktorgelände selbst oder der Rote Wald. Dort starben die Bäume wegen der immens hohen Strahlenbelastung ab, ihre Blätter wurden ganz rot. Noch heute ist dieser Wald stark radioaktiv.
Ausserhalb der Sperrzone, in der sogenannten Zone 2, ist die Strahlung kaum noch höher als anderswo auf dieser Welt. Es ist eine halbverlassene Zone: Die Bevölkerung hätte zwar evakuiert werden sollen, wurden sie aber nie. So leben etwa in Narodytschi noch immer rund 10’000 Menschen. «Es gibt eine Schule und Läden, doch investiert werde seit dem Unfall nicht mehr», erzählt Jim Smith. Auch der Anbau von Lebensmitteln sei offiziell noch immer verboten.
Das Land kann wieder genutzt werden
Zu Unrecht, findet der Wissenschaftler. Denn mit Anbauexperimenten konnte er zusammen mit ukrainischen Forscherinnen und Forschern zeigen: Kartoffeln sind sicher. Sonnenblumen hingegen nehmen zu viel Radioaktivität auf.
Auch Weizen, Roggen und Gerste lagen knapp über dem ukrainischen Grenzwert für Lebensmittel. Als sie daraus jedoch Alkohol herstellten, war die Radioaktivität weg. Das brachte sie auf die Idee, Apfelschnaps zu brennen. So sammeln Mitarbeitende einer örtlichen Brennerei jeden Herbst Äpfel aus verlassenen Obstgärten ein. Der Erlös aus dem Verkauf fliesst zu einem grossen Teil zurück in die Region.
«Mit dem Projekt wollten wir zeigen, dass das Land wieder genutzt werden kann und nicht alles in Tschernobyl schlecht und gefährlich ist», sagt Smith. Angekommen sei ihre Botschaft aber noch nicht. Noch immer gibt es viel Skepsis und Angst in der Bevölkerung.
«Sie sind sich aber einig gewesen», fügt er hinzu, dass das eigentliche Problem in dieser Gegend nicht mehr Radioaktivität sei, sondern schlicht Armut. Seit dem Krieg habe sich die Situation noch zugespitzt. Auch Forschung vor Ort ist seither schwierig geworden. In den Gebieten nahe der Grenze zu Belarus hat das ukrainische Militär Landminen verlegt. «Meine tapferen Forscherkollegen in der Ukraine machen so gut es geht weiter», sagt Smith. Ihm selbst aber bleibt wegen des Kriegs aktuell nur der Blick aus der Ferne.