Dutzende Forschende hat er in den Bann gezogen: der Eisberg mit dem sperrigen Namen A23a. Auch Andrew Meijers. Der Ozeanograf leitet das britische Polarforschungsprogramm in Cambridge. Noch gut kann er sich an die erste Begegnung mit dem Eisriesen erinnern: «2023 waren wir mit einem Forschungsschiff im Weddellmeer unterwegs und A23a versperrte uns den Weg.»
Der Anblick, der sich dem Forscher damals bietet, ist gewaltig: 40 Meter hohe Wände ragen aus dem Wasser. «Wunderschön war das», sagt Meijers.
Seither hat ihn der Eisberg nicht mehr losgelassen. Immer wieder sucht er ihn – aus Neugier – auf Satellitenbildern und verfolgt seine Reise.
Die lange Reise von A23a
Begonnen hat die bereits 1986. Der Eisberg bricht vom Filchner-Schelfeis ab, einer riesigen schwimmenden Zunge aus Eis, die sich vom antarktischen Kontinent ins Meer erstreckt. Weit kommt A23a aber nicht: Er bleibt im Schlamm stecken, mehr als 30 Jahre lang.
Erst 2020 setzt er seine Reise fort. Zu Beginn langsam, dann schneller, dreht Pirouetten und Kreise und bleibt zwischendurch immer mal wieder stecken.
«Er folgt weitgehend dem Weg, den der britische Polarforscher Ernest Shackleton auf seiner epischen Reise in einem kleinen Boot zurückgelegt hat», so Meijers. Sprich: Er treibt durch den antarktischen Ozean in den Südatlantik. Dabei wird das Wasser wärmer und wärmer, und der Eisberg damit dünner und dünner.
In den letzten Monaten dann zerbricht er in immer kleinere Stücke. «In ein paar Tagen oder Wochen sind sie weg», schätzt der Ozeanograf Meijers.
Dass Eisberge entstehen und wieder verschwinden, ist ein natürlicher Prozess. Doch der Gigant A23a steht sinnbildlich für etwas Grösseres: In der Antarktis schmilzt immer mehr Eis.
Eis, das im Meer treibt, wie A23a. Eis, das wie riesige Zungen ins Meer hinausragt, sprich Schelfeis. Und, das wohl Gravierendste von allen, das Landeis. Denn fliesst dieses ins Meer, erhöht das den Meeresspiegel. Eisberge und Schelfeis tun dies nicht: Beide schwimmen und verdrängen darum bereits so viel Wasser, wie beim Schmelzen frei wird.
Schelfeis könnte instabil werden
Und doch kommt dem Schelfeis beim Meeresspiegelanstieg eine zentrale Rolle zu, sagt Andrew Meijers: «Wenn Schelfeis aufgrund steigender Wassertemperaturen zusammenbricht, dann fehlen die Stützen, die das Landeis zurückhalten». Bricht der Damm, fliesst das Eis ins Meer.
Einer neuen Studie zufolge könnte das nun gar schneller passieren als bisher gedacht. Der Grund dafür liegt unter dem Schelfeis. Dort gibt es grosse Rillen, in denen sich wärmeres Wasser sammeln kann. In den Rillen schmilzt das Eis dann viel schneller.
«Das ist eine sehr wichtige Arbeit», sagt Ozeanograf Meijers. Denn in den aktuellen Prognose-Modellen, für den Anstieg des Meeresspiegels, ist dieser neu gefundene Schmelzprozess noch nicht drin. Doch wenn die Schelfeise schneller dünner und schwächer werden, könnte in Zukunft auch mehr Landeis in den Ozean abrutschen.
Doch zurück zu A23a. «Der befindet sich aktuell an einem der abgelegensten Orte unseres Planeten», sagt Meijers, «und stirbt dort einen stillen Tod.» Denn der einstige Riese schmilzt unaufhaltsam weiter.