Mit diesem Gefühl sind Sie nicht allein: Digitale Plattformen werden mit der Zeit stets schlechter – mehr Werbung, schlechtere Ergebnisse, weniger Relevantes. Einen Umstand, den Autor und Blogger Cory Doctorow mit dem Begriff «Enshittification» beschreibt – und einem Emoji: 💩. Mit seinem gleichnamigen Buch hat Doctorow eine Debatte ausgelöst, die weit über die Tech-Branche hinausgeht.
SRF: Warum werden viele Online-Plattformen im Laufe der Zeit immer schlechter?
Cory Doctorow: Ich beschreibe in meinem Buch einen dreistufigen Verfall. In der ersten Phase ist eine Plattform gut für ihre Nutzerinnen und Nutzer – und sorgt gleichzeitig dafür, dass diese nicht so einfach davon loskommen.
In der zweiten Phase nutzt die Plattform genau das aus: Weil die Leute gefangen sind, kann sie sie schlechter behandeln. Gleichzeitig sind sie den Unternehmen gefällig, die auf der Plattform Werbung schalten oder Produkte verkaufen.
Aber diese Firmen werden ebenfalls allmählich an die Plattform gebunden, sodass in einer dritten Phase auch ihnen der Teppich weggezogen wird. Die Plattform behält gerade noch so viel Nutzen, dass niemand geht, alles andere aber fliesst zu den Aktionären und ins Management.
Wie halten Plattform das Gleichgewicht zwischen minimalem Nutzen und maximalem Gewinn?
Dieses Gleichgewicht zu finden, ist extrem schwierig – weil es sich ständig verschiebt. Man versucht im Grunde abzuwägen: Wie wütend sind die Nutzerinnen und Nutzer auf mich, und wie sehr brauchen sie einander?
Unternehmen behandeln uns nur dann gut, wenn sie Angst haben, uns zu verlieren. Sobald man aber gefangen ist, sobald es keinen einfachen Ausweg mehr gibt, verschwindet diese Angst. Und mit ihr der gute Service.
Wie funktioniert diese Bindung genau? Niemand zwingt mich ja, auf einer Plattform zu bleiben.
Wir haben den Unternehmen schlicht den Druck weggenommen, der sie früher zu gutem Verhalten gezwungen hat. Sie müssen keine Konkurrenz mehr fürchten, weil wir zugelassen haben, dass sie sich zu Monopolen zusammenschliessen.
Sie haben jahrelang Lobbying betrieben, bis die Behörden, die sie eigentlich beaufsichtigen sollten, faktisch für sie arbeiten. Und sie nutzen das Urheberrecht, um neue Technologien fernzuhalten, die ihr Geschäftsmodell bedrohen könnten.
Früher gab es zumindest ein Korrektiv von innen: Mitarbeitende, die widersprachen und das Unternehmen verlassen haben. Aber wen kümmert es heute noch, wenn Angestellte aus Protest kündigen? Kurz: Es gibt keine Disziplin mehr. Und ohne Disziplin kennen sie nur eine Maxime: maximale Kosten für Nutzerinnen und Nutzer, minimale Kosten für die Plattform-Inhaber.
Hoffen Sie, im Ihrem Buch und dem Begriff «Enshittification» etwas daran ändern zu können?
Meine zentrale Botschaft ist: Der Verfall unserer digitalen Plattformen ist kein Naturgesetz. Es sind vorhersehbare Folgen konkreter Entscheidungen. Wenn wir die «Enshittification» als das benennen, was sie ist – nämlich politische Weichenstellungen –, dann können wir das System auch ändern.
Alle spüren, dass die Plattformen schlechter geworden sind. Aber die wenigsten wissen, warum. Wenn wir erklären können, welche konkreten politischen Entscheidungen ein Umfeld geschaffen haben, in dem die schlechtesten Ideen am meisten Geld einbringen – dann können wir dieses Umfeld auch neu gestalten.
Das Gespräch führte Jürg Tschirren.