«Ich sehe David Bowie eigentlich wie Shakespeare. Seine Songs sind kleine Vierminutendramen» sagt Sven Ratzke. Der Musiker und Entertainer interpretiert die Stücke neu – «da ging ‘ne Welt für mich auf. Bowie ist eine richtige Seele, die uns, dem Publikum, viel mehr gegeben hat als andere Künstler.»
Sven Ratzke liebt wie Bowie das Theatralische. Er setzt dessen Spiel mit Realität und Fiktion in seinen charmanten Erzählungen auf der Bühne fort. Mit «You're nuts, you're crazy, I love it» bekam Ratzke von Weltstar Bowie persönlich den Segen für seine Show «Starman».
Sven Ratzke schafft auf der Bühne, etwa der «Bar jeder Vernunft», ein ganz eigenes Bowie-Universum. «Für die Berliner war das am Anfang «Wat is’ denn ditte jetz» hier? Mittlerweile finden sie das geil. Wenn Du die Berliner einmal hast, dann bleiben die für immer.»
«Ich war als Jugendlicher total verknallt in David Bowie», erzählt Comiczeichner Reinhard Kleist, er sei ein Leuchtturm gewesen, dem er folgen konnte. «Er zeigte, es gibt nicht nur das kleine Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, es gibt noch eine andere Welt. Und wenn Du willst, dann kannst Du diese erreichen.»
Reinhard Kleist hat eine Graphic Novel gezeichnet über Bowies Berlin-Zeit Mitte der 70er-Jahre. «Diese Zeit wird sehr verklärt. Aber Berlin war für ihn wahnsinnig wichtig, das hat er nochmals im Song ‹Where are we now› klar gemacht. Er hat auch immer gesagt, das war die glücklichste Zeit seines Lebens.»
Freiheit im Schatten der Mauer
Bowie kam – nach Exzessen in L.A. – kaputt und pleite nach Berlin und suchte Normalität. Er wohnte in einer unauffälligen Mietwohnung in Schöneberg, fuhr mit dem Velo durch die geteilte Stadt.
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Bild 1 von 4. Bowies ehemaliges Wohnhaus in Schöneberg, aufgenommen kurz nach dem zehnten Todestag am 13.1.2026. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Bowies Stammcafé heute …. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. … und als Comic damals («Low» von Reinhard Kleist, Carlsen-Verlag). Bowie war dort Stammgast bei Café und Zigaretten. Bildquelle: Reinhard Kleist/Carlsen Verlag.
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Bild 4 von 4. Bowie als Büste – noch immer gibt es viele Bowie-Fanartikel in Berlin. Bildquelle: SRF.
Er liess sich inspirieren von den wilden 20ern, von Brecht, von den Expressionisten und vom sogenannten «Krautrock», elektronische Avantgarde-Musik von Kraftwerk und Neu!.
In den legendären Hansa-Studios, dicht an der Berliner Mauer, produzierte Bowie drei Alben, Meilensteine seiner Karriere.
Drogenentzug in der Junkie-Hauptstadt
Bowie wollte in Berlin seine Drogensucht heilen – ausgerechnet da, wo zur selben Zeit Christiane F. den Deutschen das himmelschreiende Junkie-Elend der «Kinder vom Bahnhof Zoo» erzählte – bis heute eines der meistverkauften deutschen Sachbücher. Im gleichnamigen Film hat Bowie einen legendären Auftritt – prägend für den visuellen Künstler Reinhard Kleist.
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Bild 1 von 2. Bowie trat in dem Film «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» auf. Bildquelle: IMAGO / Everett Collection.
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Bild 2 von 2. Bowies rote Jacke ist auch im Comic von Reinhard Kleist zu sehen. Bildquelle: Reinhard Kleist/Carlsen Verlag .
«Mein Bild von David Bowie ist die rote Jacke aus Christiane F. Diese rote Jacke versinnbildlicht so intensiv ‹Bowie in Berlin› – für mich eines der ikonographischsten Kostüme der Filmgeschichte.»
Zur Berliner Ikone wurde auch «Heroes», Bowies Hymne über eine Liebe im Schatten der Mauer.
Musiker Sven Ratzke interpretiert «Heroes» mit Klavier. «Das ist ein universeller Text über Liebe und er berührt auf der ganzen Welt.» Aber natürlich ist es ein Berlin-Song. «Berlin hat so viele Kanten, Ecken, Lücken, das ist so eine raue und liebevolle, grässliche Stadt, die so viele Geschichten hat – deswegen ist das auch eine Stadt der Künstler.» Damals wie heute.