Der Street-Art-Künstler Banksy gilt als Ikone – und als Phantom. Mit grosser Ausdauer rätseln Fans und Journalisten seit Jahren über seine Identität. Nun hat die Nachrichtenagentur Reuters eine Recherche mit dem Klarnamen von Banksy vorgelegt. Die Informationen scheinen wasserdicht. Ist Banksys Identität nun also «enthüllt»? Er wäre damit nicht der erste. Mit ihrer Anonymität haben schon vor ihm viele Street-Art-Künstler gespielt – jeder auf seine Art.
Harald Naegeli
Der bekannteste Schweizer Graffitikünstler ist ohne Frage Harald Naegeli. Ab den späten 1970er-Jahren sprühte der Zürcher seine filigranen Strichfiguren an Mauern und Hauswände, oft im Schutz der Dunkelheit.
Enttarnt wurde Naegeli schliesslich nicht von Journalisten, sondern von der Polizei, im Jahr 1979. Ein Zürcher Gericht verurteilte ihn zu einer Geld- und Haftstrafe, der sich Naegeli zunächst entzog. Der Künstler floh nach Deutschland. 1984 wurde Naegeli an die Schweiz ausgeliefert und ging ins Gefängnis, wo man ihn nach sechs Monaten vorzeitig entliess.
Jean-Michel Basquiat
Ein anderer Künstler, dessen Werke zunächst auf der Strasse zu sehen waren, ist Jean-Michel Basquiat. Als Jugendlicher platzierte er zusammen mit einem Schulfreund mehrere rätselhafte Botschaften im New Yorker Galerienquartier Soho, signiert mit dem Pseudonym SAMO©. Die Kunstszene rätselte um die Identität der anonymen Urheber.
Den Weg in die Öffentlichkeit suchte Jean-Michel Basquiat danach eindeutig selbst. Er wollte ausdrücklich nicht als Teil der Graffiti-Szene verstanden werden – ein Vergleich, den er als diffamierend empfand. Schon mit Anfang 20 war Basquiat weltberühmt. Ihn vertrat eine der angesehensten Galerien in New York, mit Andy Warhol verband ihn eine Freundschaft. Basquiat starb 1988 im Alter von 27 Jahren.
Invader
Einer der bekanntesten aktiven Street-Artists ist ein Franzose mit dem Pseudonym Invader. Seit den späten 1990er-Jahren klebt er kleine und grössere Keramikmosaike an öffentliche Plätze. Seine Pixelkunst findet man in Städten auf der ganzen Welt, von Paris über München bis nach Bangkok und Rabat. Er gilt als Vertrauter von Banksy.
Über den Mensch hinter den Kacheln ist sonst wenig bekannt. Ein möglicher Klarname von Invader kursiert seit Jahren in der Öffentlichkeit. Zudem ist bekannt, dass er die Pariser Kunsthochschule besuchte. Ansonsten bleibt Invader ein Phantom.
JR
Der französische Street-Art-Künstler JR tritt seit Jahren in der Öffentlichkeit auf, bei Ausstellungen, Vorträgen oder auf Filmfestivals. Bestätigt ist aber nur sein Vorname: Jean-René. Zu sehen ist er stets mit Hut und Sonnenbrille – auch das Indizien dafür, dass er seine Anonymität nur teilweise preisgeben will.
JR machte sich zunächst in der Pariser Graffiti-Szene einen Namen. Heute ist er vor allem für die monumentalen Prints bekannt, die er öffentlich montiert und ausstellt.
Banksy
Die Recherche der Reuters-Journalisten kam bei vielen Menschen nicht gut an. Doch ist Banksy wirklich «enttarnt»? Kunsthistoriker Ulrich Blanché, der sich seit vielen Jahren mit Banksy beschäftigt, bezweifelt das. Er weist darauf hin, dass wir eigentlich nur zwei Namen kennen: einerseits den Geburtsnamen Robin Gunningham, andererseits den Allerweltsnamen David Jones, den Banksy lange geführt haben soll und den es Tausende Mal allein in Grossbritannien gibt.
Es sei gut möglich, dass Banksy seinen Namen wieder ändert oder schon geändert hat. Die Suche nach dem Phantom dürfte weitergehen.