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20 Jahre Misswirtschaft «70 Prozent der Venezolaner sind inzwischen verarmt»

Unter Maduro und seinem Vorgänger Hugo Chávez ist ein grosser Teil der Bevölkerung Venezuelas verarmt. Und das, obschon das Land über die weltweit grössten Erdöl-Reserven verfügt. Die Hintergründe kennt Professorin Barbara Fritz, Expertin für lateinamerikanische Wirtschaft.

Barbara Fritz

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Barbara Fritz ist Professorin am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin und Expertin für die Wirtschaft in Lateinamerika.

SRF News: Wie können sich die Venezolanerinnen und Venezolaner finanziell über Wasser halten?

Barbara Fritz: Die Armutsrate in Venezuela liegt inzwischen bei 70 Prozent, die extreme Armut bei 50 Prozent der Bevölkerung. Die Menschen halten sich also bloss sehr schlecht über Wasser. Und das in Venezuela, das vor einigen Jahrzehnten eines der reichsten Länder Lateinamerikas war. Es gibt ein bisschen Industrie, die sich um den stark geschrumpften Erdölsektor gruppiert. Und neben dem staatlichen Sektor ist vor allem der informelle Sektor wichtig für die Menschen.

Das umfasst der informelle Sektor

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Gemäss Venezuela-Kennerin Barbara Fritz erstreckt sich der informelle Sektor über eine grosse Bandbreite: «Etwa der Strassenhandel, von Essen bis zu Billigst-Gütern aus China» – meist ohne Verkaufslizenzen. Zum informellen Sektor könne aber auch die Extraktion von Gold oder Diamanten oder anderen Rohstoffen gehören, die unter informellen und teilweise illegalen Bedingungen abgebaut und dann irgendwie verkauft würden.

Wie konnte die Wirtschaftslage so desolat werden?

Venezuela hat eine lange Geschichte der Ölförderung seit den 1930er-Jahren. Damals wurden die ersten Vorkommen entdeckt. Die Hochphase der Ölextraktion und des Ölexports war in den 1960er- und 70er-Jahren. Danach sind die Erlöse aus dem Erdöl stark eingebrochen, auch weil die Preise sanken. In den 1990er-Jahren hat der Staat unter marktliberalen Bedingungen dann internationale Unternehmen für Investitionen reingeholt – zu grosszügigen Bedingungen für die Firmen.

Ein Teil der Bevölkerung hat durchaus profitiert, doch mittelfristig ging die Erdölindustrie zugrunde.

Das kurbelte die Ölproduktion zunächst an, doch dann kam die Verstaatlichung. Zunächst sprudelten die Gewinne mit dem Öl zwar noch, etwa bis 2010. Doch dann begann der Einbruch. Heute fördert Venezuela noch etwa ein Viertel des Öls, das es in der Hoch-Zeit gefördert hatte. Das Problem: Der Staat investierte die Gewinne nicht in die Infrastruktur, sondern verteilte viel Geld unter der Bevölkerung. Ein Teil der Menschen hat also durchaus profitiert, doch mittelfristig ging die Erdölindustrie zugrunde.

Offshore-Ölplattformen im Meer.
Legende: Die Erdölindustrie in Venezuela liegt am Boden. Es wären immense Investitionen nötig – doch vieles ist dabei unklar. Reuters

Werden jetzt also US-Unternehmen in den venezolanischen Erdölsektor investieren?

Bereits vor Ort ist Chevron. Der US-Konzern ist für etwa ein Viertel der venezolanischen Erdölexporte verantwortlich. Doch es sind jetzt enorme Investitionen nötig, um die Erdöl-Infrastruktur Venezuelas zu modernisieren. Völlig offen ist, ob das für andere internationale Konzerne attraktiv ist. Kommt hinzu, dass Venezuela zwar sehr grosse Erdölvorkommen besitzt, es sich dabei aber um sehr schweres, saures, sulfathaltiges Öl handelt. Dieses ist sehr teuer zu fördern. Die weltweiten Erdölpreise müssen also sehr hoch sein – höher als heute –, damit das überhaupt rentiert.

US-Firmen haben Entschädigungsforderungen an Venezuela wegen der Verstaatlichungen in Höhe Dutzender Milliarden Dollar.

Zudem gibt es erhebliche politische Unsicherheiten, die Investitionen wenig attraktiv erscheinen lassen. Und nicht zuletzt: Etliche US-Firmen haben sehr hohe Entschädigungsforderungen an Venezuela wegen der Verstaatlichungen. Es geht um Dutzende Milliarden Dollar. Es ist nicht zu erwarten, dass diese Firmen erneut in Venezuela investieren, bevor die Forderungen nicht geklärt sind. Es wird also sehr komplexe Umschuldungsverhandlungen geben – auch mit staatlichen Geldgebern wie China, denen Venezuela ebenfalls viele Dutzend Milliarden Dollar schuldet. Die Unsicherheiten sind also riesig für mögliche Investoren in die Ölindustrie.

Das Gespräch führte Iwan Lieberherr.

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Echo der Zeit, 07.01.2026, 18:00 Uhr ; 

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