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Joe Biden steht vor einer Herkulesaufgabe
Aus Tagesschau vom 20.01.2021.
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Amerikanische Aussenpolitik Die USA wollen wieder die erste Geige spielen

Viele in Europa sehnen sich nach dem aussenpolitischen Kurswechsel, den der neue amerikanische Präsident Joe Biden in Aussicht gestellt hat: mehr Zusammenarbeit, mehr Verlässlichkeit, weniger Paukenschläge. Etwas bleibt freilich gleich: Ein amerikanischer Präsident – ob er nun Trump heisst oder Biden – verfolgt die Interessen seines Landes. Die USA sollen wirtschaftlich und militärisch die Nummer 1 bleiben.

«America first», hiess das bei Trump – die USA an erster Stelle. «American Leadership» verspricht dagegen Joe Biden – die USA sollen wieder führen. Diese Schlagworte lassen die Parallelen erkennen, aber auch die Unterschiede zwischen den aussenpolitischen Plänen Bidens und dem Vermächtnis seines Vorgängers. Während Trump auf Alleingänge und Deals mit einzelnen Ländern setzte, will Biden zurück zur alten Führungsrolle der USA im Konzert der Nationen.

Amerikanische Interessen durchsetzen

Biden ist überzeugt davon, dass globale Probleme wie die Corona-Pandemie oder die Klimaerwärmung nur mit globaler Zusammenarbeit gelöst werden können. Folgerichtig hat er wenige Stunden nach Amtsantritt die Rückkehr der USA ins Pariser Klimaschutz-Abkommen bekannt gegeben.

Internationale Organisationen und Konferenzen sind für ihn aber auch ein Machtmittel: Sie erlauben die Durchsetzung amerikanischer Interessen. In den Jahrzehnten vor der Präsidentschaft Trumps haben die USA viel Geld und Mühe aufgewendet, um zum Beispiel am UNO-Hauptsitz in New York, bei der Welthandelsorganisation WTO oder der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf den Ton anzugeben. Überall wollten sie die erste Geige spielen.

Eine Ambition, welche die USA freilich immer mehr mit China teilen mussten. Mit Fleiss und Finanzkraft haben die Diplomaten aus Peking ihren Einfluss in internationalen Organisationen ausgebaut. Der Untersuchung der WHO über die Ursachen der Corona-Krise legten sie erfolgreich Steine in den Weg.

Trump übte schrille Kritik und verkündete den Austritt der USA aus der WHO. Biden hat auch diesen Austritt bereits rückgängig gemacht. Er will zurück zur traditionellen Strategie amerikanischer Diplomatie zurückkehren: überall mitspielen und – wenn möglich – überall das letzte Wort haben.

Zusammenarbeit als Machtmittel

Doch angesichts des wachsenden Einflusses Chinas sind die USA dafür mehr denn je auf Verbündete angewiesen. Biden hat bereits einen «Demokratie-Gipfel» angekündigt, er will die Staats- und Regierungschefs aus Ländern wie Frankreich oder Deutschland auf den ökonomischen und geostrategischen Wettkampf gegen China einstimmen.

Wem das demokratische Amerika als Führungsmacht lieber ist als das diktatorische China, der darf Hoffnungen in Joe Biden setzen. Er sollte jedoch nicht vergessen, dass die USA auch in Zukunft die eigenen Interessen an erste Stelle setzen und Zusammenarbeit als Machtmittel einsetzen werden.

Sebastian Ramspeck

Sebastian Ramspeck

Internationaler Korrespondent, SRF

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Sebastian Ramspeck ist internationaler Korrespondent für SRF. Zuvor war er Korrespondent in Brüssel und arbeitete er als Wirtschaftsreporter für das Nachrichtenmagazin «10vor10». Ramspeck studierte Internationale Beziehungen am Graduate Institute in Genf.

Tagesschau, 20. Januar 2021, 12:45 Uhr

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22 Kommentare

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  • Kommentar von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
    Was heisst das „erste Geige spielen“? Braucht es dieses demokratische Missionieren? Glaubt man sich, jetzt da Trump weg ist, moralisch und demokratisch besser als der Rest der Welt? Fängt diese amerikanische Hybris wieder von neuem an? Ich vermute, das Land hat im Innern einiges aufzuräumen, bevor es in der Welt die erste Geige spielen sollte. Ein chinesiches Sprichwort sagt: Gehe dreimal durch dein eigenes Haus, bevor du daran gehst, die Welt zu verändern. Man kann auch von den Chinesen lernen.
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Markus Baumann: In diesem Fall hält aber wohl auch das heutige chinesische Regime nicht mehr viel von den Sprichwörtern der eigenen Vorfahren. Mir ist es lieber die USA spielen die erste Geige und nicht China. Irgendwer wird sie spielen; die Schweiz kann's ja wohl nicht sein.
    2. Antwort von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
      @Leu Was besser sein wird, können wir nicht wissen. China kommt um Längen besser aus der Pandemie als die USA. Was das fürs „Geigenspiel“ heisst, wird sich zeigen. Meiner Ansicht nach haben die Chinesen eine bessere Macht-Strategie als die USA. Da hilft ein Biden als Heilsbringer gar nichts. Die USA sind wirtschaftlich (ausser IT, Militär, Finanz mit Abstrichen) im Innern so schwach wie noch nie. Da sind nur noch Erinnerungen an glorreiche Zeiten. Ob das gegen China reicht?
    3. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Markus Baumann: Aus Sicht des Demokratieverständnisses und der Menschenrechte liegen die USA meilenweit vor China. Mit "normalen" Präsidenten ist die USA für Europa ein zuverlässiger Partner. China spielt mit Karten die wir, da kulturell zu weit entfernt, nicht verstehen. Chinas kleine Nachbarn spüren den Machtanspruch und bekommen es mit der Angst zu tun. Das sollte uns eine Warnung sein.
  • Kommentar von Reto Blatter  (against mainstream)
    Globalisierung, Weltpolizist, Geldgeber für UNO Organisationen welche sich gegen den Westen wenden und dem Regime in Peking den Rücken stärken. Alles was Trump in der Außenpolitik zum Wohle der US Bürger geändert hat wird nun wieder rückgängig gemacht. Das dies so nicht funktioniert wissen alle und trotzdem jubeln die MSM dem neuen (alten) Präsidenten herzlich zu.
  • Kommentar von Norbert Zeiner  (ZeN)
    Biden kann schon wieder erste Geige in diesen Organisationen spielen, d.h. vor allem anderen mal kräftig (fehlendes) Steuergeld hinschicken. Da wo's wirklich um was geht, und das ist sicher nicht in diese Organisationen, hat China (und Russland) es nun weit leichter, die erste Geige endgültig zu übernehmen.
    1. Antwort von Max Blatter  (maxblatter)
      Um auf demokratische Weise "die erste Geige zu spielen", wurde einst in großer Weisheit die UNO gegründet. Ihr kommt diese Ehre und Verantwortung zu, ganz sicher keiner einzelnen Nation. Und auch keinem Wirtschafts- oder gar Militärbündnis: Also auch nicht der EU oder der NATO.