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Proteste gegen Coronapolitik: Unruhige Zeiten in Serbien
Aus SRF 4 News aktuell vom 13.07.2020.
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Ausschreitungen in Belgrad «Vucics Versagen in der Viruskrise ist offensichtlich»

Seit Tagen demonstrieren in Serbien Menschen gegen die Politik der Regierung in der Coronakrise – zum Teil gewaltsam. Eigentlich wollte Präsident Aleksandar Vucic über die Hauptstadt Belgrad am Wochenende ein Ausgehverbot verhängen. Doch wegen der Proteste hat er darauf verzichtet. Eine ungemütliche Ausgangslage für Vucic, sagt Journalist Thomas Roser.

Thomas Roser

Thomas Roser

freier Journalist

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Thomas Roser berichtet seit 2007 für verschiedene deutschsprachige Medien aus Belgrad, unter ihnen die «Neue Zürcher Zeitung» oder Zeit Online.

SRF News: Wie war die Situation in Belgrad am Wochenende?

Thomas Roser: Die Proteste gingen weiter. Aber die Teilnehmerzahlen waren wesentlich tiefer als an den ersten fünf Tagen und die Proteste verliefen diesmal auch eher ruhig. In Belgrad kam es zu keinen Festnahmen.

Auch Hooligans und Rechtsextreme haben das Bild der Proteste mitbestimmt. Wer geht aktuell in Belgrad auf die Strasse?

Die Mehrheit der überwiegend jungen Leute zieht sicher auf die Strasse aus Wut über die ausser Kontrolle geratene Epidemie. Sie sind wütend über vertuschte Infektionszahlen und die Propagandabotschaften, dass alles unter Kontrolle sei. Sie werfen dem Präsidenten Machtmissbrauch vor.

Hooligans und Rechtsextremen ist es gelungen, den eigentlich gewaltlosen Protest zu kapern.

Gleichzeitig tummeln sich an den Absperrungen zum Parlament auch Hooligans und Rechtsextreme, denen vor allem an Ausschreitungen gelegen zu sein scheint. Und dieser Minderheit ist es – zumindest in Belgrad – gelungen, den eigentlich gewaltlosen Protest zu kapern.

Wie reagiert die Regierung auf die Störaktionen?

Sie zeigt sich zwar entrüstet über die Gewalt, für die sie ausländische Geheimdienste, Rechtsextremisten und die Opposition verantwortlich macht. Doch letztlich kamen ihr die Ausschreitungen sicher gelegen, um die Proteste zu diskreditieren.

Politisch gesteuerte Hooligan-Gewalt ist kein neues Phänomen.

Sicherheitsexperten und unabhängige Medien haben in den letzten Tagen öfter den Verdacht geäussert, dass serbische Geheimdienste die Ausschreitungen mithilfe ihrer Hooligan-Hilfstruppen gezielt provozierten. Ein neues Phänomen ist politisch gesteuerte Hooligan-Gewalt in Serbien nicht. Ausserhalb der Stadien sind die Schläger nur selten zufällig unterwegs.

Vucic an einem Pult
Legende: Vucics Zickzack-Kurs: Erst verhängt er eine Ausgangssperre, dann hebt er sie wieder auf. Keystone

Es gingen zwar weniger Menschen an die Demos am Wochenende. Aber an der Unzufriedenheit hat sich wenig geändert. Wie ist die Stimmung?

Die ist wegen der ausser Kontrolle geratenen Viruskrise nicht gut. Die Kliniken sind überfüllt. Die Totenzahlen steigen. Selbst Erkrankte mit Symptomen werden oft nicht getestet, da es keine Tests gibt. Das katastrophale Bild in den Kliniken paart sich mit der Angst um den Job. Die Flucht in die Ferien bleibt den Serben auch versagt: Fast alle Nachbarstaaten haben ihre Grenzen geschlossen.

Den steigenden Infektionszahlen dürften bald Entlassungswellen folgen.

Aus epidemiologischer Sicht sind Demos ein Problem. Wie gehen die Menschen mit diesem Dilemma um – Wut ja, Proteste nein?

So könnte man das umschreiben. Die Teilnehmerzahlen haben bisher nicht die kritische Masse erreicht, um die Regierung wirklich ins Straucheln zu bringen. Viele bleiben vermutlich auch aus Angst vor einer Ansteckung zu Hause. Und in Belgrad schrecken sicher auch die Bilder der Krawalle ab. Mit nationalistischen Schlägern wollen die meisten hier nichts zu tun haben.

Der Unmut der Menschen richtet sich gegen Vucic. Schadet ihm das?

Ja, das Bild des allmächtigen Machers erhält immer mehr Risse. Sein Versagen in der Viruskrise ist offensichtlich und lässt sich auch durch die Propagandamaschinerie der Regierungspartei kaum mehr vertuschen. Den steigenden Infektionszahlen dürften bald Entlassungswellen folgen. Und selbst wenn die Proteste wieder abebben, sind sie ein Warnschuss: Vucic steht ein unruhiger Herbst und ein noch ungemütlicherer Winter bevor.

Das Gespräch führte Christina Scheidegger.

SRF 4 News, 13.07.2020, 06:45 Uhr;

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Samuel Müller  (Samuel Müller)
    Das ist es doch wovor alle Politiker nun Angst haben. Solche Schlagzeilen. Angst dieser Art tötet mehr und schneller als Corona.
  • Kommentar von Richard Limahcer  (Limi)
    Warum zeigen unsere Medien mit dem Finger und mit absoluten Zahlen auf andere Länder? Betrachtet man die Infizierten resp. Toten pro Mio Einwohner, dann stehen wir im Vergleich bestenfalls im Mittelfeld. Sofort mit den ersten Fällen in Norditalien, hätten die Hygieneregeln verbreitet werden müssen. Aber nein, es wurden demonstrativ vor laufender Kamera die Hände geschüttelt. Anstatt auf andere zu zeigen, sollten wir darauf achten, dass es bei uns unter Kontrolle bleibt.
    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Bei den ersten bestätigten Fällen in Italien war die Lage dort schon ausser Kontrolle - da gab es dort schon längst mehrere tausend unerkannte Fälle. Bei uns war sie hingegen stets unter Kontrolle, darin bestand das Ziel, nur dass sich fragt, ob unser Lockdown nötig war. R lag bekanntlich nahezu bei 1, bevor der Lockdown kam. Uns früher auf die Hygieneregeln hinzuweisen, wäre sicher gut gewesen, aber auf freiwillige Vorsicht hat nie jemand gebaut und für Verordnungen braucht es sichtbare Gründe.
    2. Antwort von Richard Limahcer  (Limi)
      @Schlatter: Wäre in der Schweiz mit den Massnahmen eine Woche früher begonnen worden, dann hätte man vermutlich tatsächlich auf die Massnahmen vom 16. 3 verzichtet. Dann hätte man rechtzeitig erkennen können, dass R nur noch wenig über 1 lag. Vorausgesetzt die Bevölkerung hätte die Massnahmen eine Woche früher bereits mitgetragen. Am Vergangenen können wir nichts mehr ändern. Aber wir sollten daraus lernen. Im Moment macht man aus meiner Sicht erneut zu wenig.
    3. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      @Limahcer, die Menschen wollen offensichtlich so normal es geht weiterleben, so wird die Abstandsregel im persönlichen Umfeld nicht mehr beachtet, in den Betrieben vermutlich sehr unterschiedlich. Gelingt die Eindämmung ohne weitere einschneidende Massnahmen (sogar das scheint möglich), können wir uns ungeheuer glücklich schätzen. Allerdings sind ja zumindest hier die meisten darauf eingestellt, die Bars und Clubs zu schliessen, damit nicht vielleicht andere Betriebe folgen müssten. Menschlich.
  • Kommentar von Karl Kirchhoff  (Charly)
    Bei Rechtspopulisten, sind immer die Anderen schuld. Ich habe noch keinen erlebt, der eigene Fehler eingesteht.