Unter den gewaltig gestiegenen Öl- und Gaspreisen und den wirtschaftlichen Verwerfungen leidet die ganze Welt. Das sieht auch Urs Vögeli so. Er ist Direktor der auf Geopolitik spezialisierten Schweizer Denkfabrik Siga: «Das trifft selbstverständlich alle. Es tut allen weh. Aber die Frage ist, wem tut’s mehr und wem tut’s weniger weh.»
China, Russland, Indien
Zu jenen, denen es etwas weniger weh tut, gehören drei der wichtigsten Mitglieder der Staatengruppe der Brics, vor allem die Führungsmacht dort, China: «China ist auf solche Schocks gut vorbereitet. Und kann sich zurücklehnen, wie voriges Jahr beim Zollstreit.»
Russland als Rohstoffexporteur profitiert momentan sogar erheblich von den gestiegenen Ölpreisen – und davon, dass der Iran-Krieg ablenkt von seinem Krieg gegen die Ukraine. Indien wiederum muss derzeit keine US-Strafen mehr erdulden, wenn es in grossem Stil russisches Erdöl bezieht.
Dieser Krieg zementiert das antiamerikanische, das antikoloniale Narrativ, das die Brics-Staaten pflegen.
Für Vögeli ist daher – neben dem Iran selbst und neben den USA – der Westen insgesamt der grösste Verlierer dieses Krieges. Zumal die amerikanisch-israelischen Angriffe auf den Iran einen weiteren Keil zwischen Europa und die USA treiben.
Sieger, vor allem langfristig, dürften die Brics-Staaten sein. Vögeli: «Dieser Krieg zementiert das antiamerikanische, das antikoloniale Narrativ, das die Brics-Staaten pflegen. Das Vorgehen der USA hat langfristig Konsequenzen, weil es im globalen Süden in den Köpfen bleibt.»
USA verspielen ihren Ruf
Die USA gelten nun in weiten Teilen der Welt als destabilisierende Grossmacht. Das dürfte gerade in Entwicklungsländern, aber auch in den arabischen Golfstaaten dazu führen, dass sie sich künftig enger an China, aber allenfalls auch an Russland oder Indien anlehnen als an die USA. «Mittel- und langfristig werden sich viele Staaten überlegen, wie sie sich zu den USA positionieren», so Vögeli.
Das zeigt, wie unberechenbar die Führung in Washington inzwischen ist.
In Peking sieht man diese Entwicklung gelassen: «Für China ist das eine grossartige Chance, sich vor aller Welt als stabile Supermacht zu zeigen», sagt Yu Jie von der britischen Denkfabrik Chatham House. Und für Ben Bland, ebenfalls von Chatham House, zeigen die US-Operationen Anfang Jahr in Venezuela und nun im Iran, «wie unberechenbar die Führung in Washington inzwischen ist».
Der Westen verliert an Bedeutung
Besonders prononciert bringt das Kishore Mahbubani auf den Punkt, der frühere singapurische Diplomat und heutige Politikwissenschaftler und Bestsellerautor. «Je länger der Iran-Krieg dauert, umso mehr wird er zum geopolitischen Geschenk für China», sagt er im südafrikanischen Podcast SMWX.
Und: «Die G7, die Gruppe der grössten westlichen Wirtschaftsmächte, ist eine Sonnenuntergangsorganisation, die Brics-Gruppe führender Schwellenländer hingegen eine Sonnenaufgangsorganisation.» Die G7 gaben bisher weltweit den Ton an, doch die Zukunft gehöre den Brics.
Das mag überspitzt sein. Doch der Iran-Krieg und die Tatsache, dass die USA von Zukunftsthemen wie Klimawandel, Nachhaltigkeit, Freihandel oder Entwicklung, die für grosse Teile der Welt entscheidend sind, unter Trump nichts mehr wissen wollen, beschleunigen eine Entwicklung, die ohnehin im Gang ist: den Bedeutungsverlust des Westens in der Welt.