Im Live-Chat haben Nahostexperte Simon Wolfgang Fuchs und Ökonomin Cornelia Meyer Ihre Fragen zur aktuellen Eskalation im Nahen Osten beantwortet.
Ab wann ist die Nato gezwungen zu handeln?
Die Community fragt, was es brauche, bis die Nato eingreift. Die Nato fing am Montag eine zweite iranische Rakete im türkischen Luftraum ab. «Sowohl die Nato als auch die Türkei haben sich bemüht, die beiden abgeschossenen Raketen nicht zu hoch zu hängen», sagt Simon Wolfgang Fuchs, Nahostexperte und Professor für Islamwissenschaft an der Hebräischen Universität Jerusalem.
Gerade die Regierung von Erdogan pflege gute Beziehungen zu Teheran. «Es passt eigentlich nicht ins Bild, dass der Iran tatsächlich hier die Konfrontation sucht.» Doch die Deeskalationsstrategie funktioniere nur so lange, wie es keine ernsthaften Einschläge gebe. «Sobald wir über Verletzte oder Tote reden, müsste die Nato wohl handeln – und es könnte sein, dass auch europäische Länder in diesen Krieg gezogen werden.»
Was sind die eigentlichen Ziele der Konfliktländer?
«Es geht verschiedenen Akteuren um verschiedene Dinge», erklärt die Rohstoff- und Energieexpertin Cornelia Meyer. Zentral seien Irans Proxy-Milizen, die den USA, Israel und anderen Staaten ein Dorn im Auge seien.
«Israel nutzt das Chaos, um im Libanon einzugreifen und möglicherweise auch in Syrien.» Die Ziele der USA seien weniger eindeutig: «Ich bin mir nicht sicher, was das Endziel der Amerikaner ist. Sicherlich geht es darum, die Waffenkapazität Irans zu reduzieren – aber ansonsten wechseln die Ziele täglich.»
Wie funktioniert die Sperrung der Strasse von Hormus?
«Wir sollten uns das nicht als physische Blockade durch iranische Schiffe vorstellen», sagt Nahostexperte Fuchs. Vielmehr reiche es, von Land aus die durchfahrenden Tanker ins Visier zu nehmen. «Dafür hat der Iran ein grosses Arsenal.»
Wie schwer selbst überlegene Streitkräfte dies verhindern könnten, habe man zuletzt an den Huthis gesehen. «Die USA hatten ihre Angriffe einseitig eingestellt, weil man keine Erfolge erzielen konnte. Aus dieser Perspektive kann der Iran erheblichen Druck ausüben und eine der wichtigsten Handelsrouten der Weltwirtschaft beeinträchtigen», so Fuchs.
Warum hört Trump nicht auf seine eigenen Geheimdienste?
«Wir haben bereits in der Vergangenheit gesehen, dass Trump wenig mit Bedenkenträgern anfangen kann», sagt Fuchs. Die klare Analyse der Geheimdienste, wonach eine Luftkampagne kaum ausreiche, um Teheran militärisch in die Knie zu zwingen, sei nicht ansprechend gewesen.
«Unterhändler der USA stellten stattdessen die Aussicht auf einen umfassenden Deal in den Vordergrund.» Einen Deal, der aus iranischer Sicht einer Demütigung gleichkam. Gleichzeitig habe Trump der Überzeugung angehangen, dass ein schneller, harter Schlag den Widerstandswillen Irans brechen würde – ungeachtet der Einschätzungen der Geheimdienste.
Was wären die Folgen einer Bodeninvasion?
Die iranische Führung sei bereit, schwere Verluste hinzunehmen, um das System zu schützen. «Diese Entschlossenheit hatten die USA und Israel unterschätzt.» Auch ein Blick in die Geschichte zeigt die Dimension: «2003 hatten die USA für den Irakkrieg über 200'000 Soldaten zusammengezogen. Es ist kaum vorstellbar, dass Trump heute einen solchen Aufmarsch rechtfertigen könnte.»
Hinzu komme, dass eine Bodenoffensive auf massiven Widerstand stossen würde. «Ich vermute, dass die Motivation der Revolutionsgarden deutlich höher wäre als jene der irakischen Armee damals.»