Die Nato hat eine ballistische Rakete aus dem Iran abgeschossen, die in Richtung Türkei unterwegs war. Schaden wurde dabei keiner angerichtet. Doch die Nato geht davon aus, dass der Iran die Rakete absichtlich auf das Bündnismitglied abgeschossen hat. Die Einschätzung von SRF-Sicherheitsexperte Fredy Gsteiger.
Wie reagiert man bei der Nato auf die Rakete Richtung Türkei?
Mit einiger Besorgnis. Es ist ein weiterer – wenn auch ein kleiner – Eskalationsschritt in diesem Krieg. Bisher stand für die Nato-Verantwortlichen fest, dass der Iran-Krieg nichts mit der Nato zu tun hat. Das Kriegsgebiet gehöre nicht zum Nato-Gebiet, es liege ausserhalb des Geltungsbereichs der Nato, war Generalsekretär Mark Rutte zu vernehmen. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth sagte, er sehe nicht, dass aufgrund dieser einzelnen Rakete die Bündnispflicht ausgelöst werde.
Was sagt die Türkei?
Auch die Türkei ist bestrebt, möglichst kein Öl ins Feuer zu giessen. Zunächst war aus Ankara sogar zu hören, die Rakete habe gar nicht der Türkei gegolten. Vielmehr sei ihr Ziel wohl eine britische Basis auf Zypern gewesen. Zypern gehört nicht zur Nato. Inzwischen hat Ankara aber Nato-Konsultationen angekündigt. Diese sollen gemäss Artikel 4 abgehalten werden: Solche Konsultationen gelten häufig als Vorstufe für die Ausrufung der Bündnispflicht nach Artikel 5. Dann allerdings wären alle Nato-Mitglieder verpflichtet, dem angegriffenen Allianzpartner zu Hilfe zu eilen. Aber noch schätzt die Türkei die Situation nicht als so bedrohlich ein, als dass sie diesen Schritt machen will. Sie scheint auch nicht damit zu rechnen, falls in den nächsten Stunden oder Tagen nicht weitere solche Angriffe folgen.
Wieso greift der Iran die sich neutral verhaltende Türkei an?
Der Hauptgrund liegt wohl darin, dass die US-Luftwaffe in der Türkei durchaus präsent ist: nämlich auf der Basis Incirlik im Osten des Landes. Diese gehört zwar der Türkei, wird aber hauptsächlich von den Amerikanern benutzt, beispielsweise während des Irak-Kriegs. Doch derzeit werden von Incirlik aus keine US-Angriffe auf den Iran geflogen. Vermutlich zielte die abgefangene Rakete also auf diese Basis. Andernfalls liesse sich nur schwer erklären, wieso der Iran bestrebt sein könnte, die Türkei in den aktuellen Krieg hineinzuziehen. Schliesslich hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Angriffe Israels und der USA auf den Iran kritisiert. Auch hatte die Türkei in den vergangenen Monaten versucht, zwischen den USA und dem Iran zu vermitteln. Ankara vertritt also eine ähnliche Haltung wie die Golfstaaten: Sie wollte einen Krieg möglichst verhindern, aus Angst, direkt davon betroffen zu sein.