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Russland: Lockerungen trotz vieler Neuinfektionen?
Aus SRF 4 News aktuell vom 08.05.2020.
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Corona-Lockerungen in Russland «Es geht wohl darum, positive Stimmung zu verbreiten»

Anders als in der Schweiz steigen in Russland die Zahlen der Covid-19-Infizierten wieder an. Trotzdem hat die russische Regierung einen Lockerungsplan für die Massnahmen vorgestellt. SRF-Russlandkorrespondent David Nauer erläutert die Zusammenhänge.

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

SRF News: Wie lassen sich Lockerungen der Massnahmen mit dem Wiederanstieg von Infizierten vereinbaren?

David Nauer: Gute Frage. Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen ist sehr stark angestiegen. Sie ist nun doppelt so hoch wie noch vergangene Woche. Es ist rätselhaft, wie das passieren konnte, denn Russland steht seit über einem Monat unter Quarantäne. Dennoch will die Regierung die Massnahmen lockern. Es geht wohl darum, ein bisschen positive Stimmung zu verbreiten.

Tatsächlich scheint es, als gehe Russland einen besonderen Weg in der Bekämpfung der Pandemie.

Aber was die Grundlage dafür ist, ist für mich sehr schwer nachzuvollziehen.

Man weiss nicht, warum die Fälle wieder so stark ansteigen?

Nein. Offiziell hat es damit zu tun, dass mehr getestet wird, und das erklärt tatsächlich einen Teil des Anstiegs. Es ist aber offenkundig, dass die Massnahmen von den Bürgerinnen und Bürgern schlicht zu wenig beachtet werden. Es gibt Fälle von Klöstern, Spitälern und Gasförderfeldern im hohen Norden, wo es zu Hunderten ja, zu Tausenden Infektionen gekommen ist. Das sind Orte, wo trotz Quarantäne normal gearbeitet wird.

Man tappt insgesamt im Dunkeln?

Ja, die Epidemie ist ein ziemlicher Blindflug. Die Behörden nennen Infektionsraten und die Anzahl von Toten, aber diese Zahlen werfen neue Fragen auf. Zum Beispiel ist es so, dass Russland etwa fünfmal mehr Infizierte hat als die Schweiz, aber dass in der Schweiz mehr Leute an Covid-19 gestorben sind als offiziell in Russland.

Das hiesse, dass Corona in der Schweiz tödlicher als in Russland ist. Das ist doch etwas seltsam: Man kann nicht davon ausgehen, dass das russische Gesundheitswesen so viel besser ist als das schweizerische. Diese Zahlen haben wohl eher damit zu tun, dass die russische Statistik nicht stimmt.

111 medizinische Fachpersonen verstorben

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Eine Gruppe russischer Ärzte hat zur Erinnerung an medizinische Fachpersonen – die im Zusammenhang mit der Pandemie verstorben sind – eine Liste veröffentlicht: Insgesamt sollen es bis jetzt 111 Personen sein. Eine offizielle Liste der Behörden zu verstorbenem Gesundheitspersonal gibt es nicht.

Vor einigen Tagen meldete die Nachrichtenagentur AP, dass in Russland zwei Ärztinnen und ein Arzt unabhängig voneinander aus Spitalfenstern gestürzt seien. Die beiden Ärztinnen starben, der Arzt überlebte schwerverletzt. Offiziell werden die Stürze als Unfälle qualifiziert, laut Gerüchten soll es sich aber um Verzweiflungssuizide aufgrund der Pandemie handeln.

Welche Lockerungen sind in Russland geplant?

Der Plan sieht ähnlich aus wie in anderen Ländern. Allerdings haben die Behörden nicht gesagt, wann diese Lockerungen in Kraft treten werden. Es soll je nach Region unterschiedlich sein. In Moskau hat der Bürgermeister bereits angekündigt, dass die Quarantäne bis auf Weiteres erhalten bleibt. Aber die Baustellen und Industriebetriebe sollen auch in Moskau ab nächster Woche wieder normal arbeiten.

Die meisten Russinnen und Russen verfolgen das Geschehen eher mit einem unpolitischen Ansatz und einer gehörigen Portion Fatalismus.

Wie kommt das in der Bevölkerung an?

Es gibt Kritik von vereinzelten liberalen Oppositionellen auf sozialen Medien. Einer dieser Oppositionellen meinte, es gebe kein Land auf der Welt, das vor dem Höhepunkt der Epidemie bereits über Lockerungen nachdenke. Tatsächlich scheint es, als gehe Russland einen besonderen Weg in der Bekämpfung der Pandemie. Aber die meisten Russinnen und Russen verfolgen das Geschehen eher mit einem unpolitischen Ansatz und einer gehörigen Portion Fatalismus.

Im April sagten nur 28 Prozent der Befragten, sie würden ihrem Präsidenten Wladimir Putin vertrauen. Muss ihn das beunruhigen?

Mit Umfragen in Russland ist es so eine Sache. Je nachdem, wer fragt und wie man fragt, kommen mal die einen und mal ganz andere Resultate heraus. Aber Putin hat ein Popularitätsproblem, das kann man sicher festhalten.

Kurz gesagt, es gibt keine politischen Kräfte, die eine Gefahr für Putin werden könnten.

Für seine Macht ist diese wachsende Unzufriedenheit vorerst keine Gefahr, denn es gibt in Russland keine organisierte, starke Opposition und keine unabhängigen, grossen Medien.

Das Gespräch führte Isabelle Maissen.

SRF 4 News, 07:15 Uhr;

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26 Kommentare

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  • Kommentar von Luzius Brotbeck  (LuziBrot)
    "Russland hat etwa 5x mehr Infizierte hat als CH, aber dass in CH mehr Leute an Covid-19 gestorben sind als [...] in Russland."

    Dieser Vergleich hinkt. Russland führte mit >4,8 Mio. viel mehr Tests durch als CH mit 296'136. In Russland hatten ca. 50% der Neuinfizierten keine Symptome. In CH dürften auch viele Covid19 ohne Symptome gehabt haben, ohne getestet bzw. als infiziert erkannt worden zu sein. Zudem ist Lebenserwartung (Ø70.3 RF, Ø80.3 CH), Überalterung, Verdichtung etc. ungleich.
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    1. Antwort von Sebastian Demlgruber  (SeDem)
      Ganz im Gegenteil, der SRF-Vergleich erhellt bestens den zweifelhaften Charakter der Kreml-Zahlen: So will Putin weismachen, es gebe nur 1625 Coronatote in seinem Reich, in der viel kleineren Schweiz werden dagegen 1800 Todesfälle bei schon jetzt viel tieferen Infektionszahlen verzeichnet. Nachdem russische Tests bekanntlich wesentlich ungenauer sind und Coronatote obendrein oft nur als Opfer von „Lungenentzündungen“ erfasst werden, vertraue ich nur den seriösen Schweizer Daten.
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  • Kommentar von Sebastian Demlgruber  (SeDem)
    Katastrophale Infektionszahlen, aber eine viel niedrigere Mortalität als in der Schweiz, die wesentlich höher entwickelt ist? Wetten, dass nicht mal der Kreml weiss, was in Russland los ist - dafür müssten der Zentrale ja verlässliche Daten vorliegen. Schwierig, wenn man die Behördenchefs nach der tiefsten Katzbuckelei aussucht und schlechte Werte in den nach oben gemeldeten Zahlen schnell zum Karriereende führen können. Putins Dilettantismus wäre zum Lachen, würde er nicht tausende Tote kosten.
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    1. Antwort von Luzius Brotbeck  (LuziBrot)
      Dieser Vergleich hinkt. Russland führte mit >4,8 Mio. viel mehr Tests durch als CH mit 296'136. In Russland hatten ca. 50% der Neuinfizierten keine Symptome. In CH dürften auch viele Covid19 ohne Symptome gehabt haben, ohne getestet bzw. als infiziert erkannt worden zu sein. Zudem ist Lebenserwartung (Ø70.3 RF, Ø80.3 CH), Überalterung, Verdichtung etc. ungleich.

      Aber bitte - in Ihren Augen sind die russischen Behörden eh alle korrupt & Putin an allem Schuld, egal was er tut oder lässt.
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  • Kommentar von Peter Singer  (P.S.)
    Bei uns sind die Infektionen kurz nach dem Lockdown wieder gesunken weil ein grosser Teil der Bevölkerung sehr vorsichtig war. In Russland hat die Regierung zwar noch strengere Massnahmen beschlossen, aber viele waren unvorsichtig weil sie glaubten das sei eine übertriebene Panik welche nur den Westen betrifft.
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    1. Antwort von Drago Stanic  (drago stanic)
      Nachteil in Russland ist, dass trotz strengen Massnahmen, Polizei tut nicht um Massnahme durchzusetzen. Ich habe mehrere Berichte gelesen, wo mehrere Jugendliche welche grillierten oder Fussbal spielten nur gebeten würden nach Hause zu gehen. Auch Ausgangs Bewiligungen werden nicht kontroliert. Selbstverantwortung ist in Russland noch nicht angekommen. Und noch dazu, haben Russen eine Kirche welche mehr zu 19. JH. als zu heutige Zeit passt.
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    2. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @D. Stanic: Betreffend Selbstverantwortung der Russen ist es unterschiedlich. Doch im Grossen und Ganzen haben Sie Recht, doch bedenken Sie, solange der Staat in politischen Entscheidungen (Bsp. Wahlen von Gouvernatoren und Buergermeister) also Teile der Selbstverantwortung unterdrueckt muss man sich darueber nicht wundern. Und die russische Kirche bewegt sich nach wie vor in einem mittelalterlichen Obskurantismus und traegt somit auch nicht zur Selbstverantwortung bei. Eher noch gegenteilig!
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