Zum Inhalt springen

Header

Audio
Erdogan hat es sich mit vielen Partnern verscherzt
Aus SRF 4 News aktuell vom 15.10.2019.
abspielen. Laufzeit 07:22 Minuten.
Inhalt

Einmarsch in Nordsyrien «Der Schuss könnte für Erdogan nach hinten losgehen»

US-Präsident Donald Trump will die Türkei mit Wirtschaftssanktionen zu einem Ende der Militäroperation in Nordsyrien zwingen. Dies könnte die Türkei tatsächlich grössere Probleme bereiten, glaubt der Journalist Thomas Seibert.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Freier Journalist

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Thomas Seibert ist seit 22 Jahren Korrespondent für den deutschen «Tagesspiegel» in Istanbul und berichtet auch für andere Medien, unter anderem für Radio SRF. Vor kurzem musste er Istanbul verlassen, weil ihm die Türkei keine Arbeitserlaubnis mehr ausstellen wollte. Etwas später erhielt er wieder eine Akkreditierung.

SRF News: Wie schmerzhaft sind die von den USA angekündigten Strafzölle auf Stahlimporte aus der Türkei in Höhe von 50 Prozent für die türkische Wirtschaft?

Thomas Seibert: Die USA importierten letztes Jahr Stahl aus der Türkei im Umfang von rund 16 Mrd. Dollar – angesichts des Volumens der türkischen Volkswirtschaft von mehr als 700 Mrd. Dollar ist das an sich kein riesiger Betrag.

Trump will auch die Verhandlungen über ein Handelsabkommen abbrechen. Wie einschneidend ist das?

Das ist wesentlich ernster. Die USA sind eines der wichtigsten Exportländer für türkische Produkte – und die türkische Wirtschaft ist auf Exporte angewiesen. Trump und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatten sich kürzlich darauf verständigt, den bilateralen Handel auszubauen – daraus wird vorerst nichts. Für die türkische Wirtschaft ist das ein schwerer Schlag, was sich auch am Wertverlust der türkischen Lira gegenüber dem Dollar zeigt.

Der miserable Zustand des türkischen Rechtsstaats hat schon bislang viele Investoren abgeschreckt.

Trump hatte kürzlich damit gedroht, die türkische Wirtschaft «völlig» zu zerstören und «auszulöschen». Gehen diese beiden Massnahmen in diese Richtung?

Da hat der amerikanische Präsident den Mund wohl etwas voll genommen, denn der Haupthandelspartner der Türkei ist immer noch die EU. Allerdings darf man die psychologische Wirkung der US-Sanktionen auf internationale Investoren nicht vergessen. Schon bisher hatte der miserable Zustand des türkischen Rechtsstaats Investoren abgeschreckt, jetzt kommen die Sanktionen hinzu. Die Wirtschaftskrise in der Türkei dürfte sich also durchaus verschärfen.

Die türkische Wirtschaft kriselt schon seit längerem. Welche Möglichkeiten hat Präsident Erdogan noch?

Im Moment hat er kaum eigene Möglichkeiten, ausser seine Politik zu ändern, damit ausländische Investoren wieder mehr Vertrauen fassen und in der Türkei investieren. Das ist aber kaum zu erwarten. Erdogan hat es sich mit vielen Partnern verdorben: Mit der EU, mit den USA, mit den meisten arabischen Staaten.

Erdogan muss seine Politik ändern, damit Investoren wieder Vertrauen fassen.

Erdogan mag darauf hoffen, dass Verbündete wie Katar einspringen. Das Emirat hatte Ankara im letzten Jahr eine Finanzspritze im Umfang von 15 Milliarden Dollar gewährt. Kaum in die Bresche springen wird Russland, das für die Türkei als Exportland jene Länder nicht ersetzen kann, die jetzt wegbrechen. Bei den Beziehungen mit Russland droht eher die Gefahr, dass sich die Türkei in eine Energie-Abhängigkeit begibt.

Wie reagiert die türkische Bevölkerung auf diese Entwicklung?

Die Stimmung in der Bevölkerung ist allgemein sehr schlecht – das dürfte einer der Gründe dafür sein, dass Erdogan den Angriff auf die Kurden in Nordsyrien überhaupt gestartet hat. Die Türken leiden unter hoher Inflation, die Lira ist immer weniger wert, Gas und Strom werden immer teurer. Viele Leute werden sich manche Dinge schon bald nicht mehr leisten können. Derzeit wird die schlechte Stimmung durch den Patriotismus wegen der Militäraktion überdeckt. Doch mittelfristig könnte der Schuss für Erdogan nach hinten losgehen.

Das Gespräch führte Claudia Weber.

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

30 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Hans Haller  (panasawan)
    Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Türkei gegen die Interessen der Nato bzw. Europäer sowie die USA stellt. Und es geht nicht um Grenzsicherungen, sondern um die Kurden. - Die USA alleine können da nicht viel erreichen. Es bedurfte der UNO, die den Kurden einen eigenen souveränen Staat endlich zubilligt auf allen vier betroffenen Gebieten, Türkei, Syrien, Irak und eben auch Iran. Es ist nicht Trump, der die Kurden fallen lässt, es ist die UN-Weltgemeinschaft, die das immer wieder tut.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Charles Morgenthaler  (ChM)
      Ihr Vorschlag ist ja gut gemeint, aber wie stellen Sie sich das in der Praxis vor? Kein einziger der vier Staaten wäre bereit auf "Befehl" der UN einige quadrat-Km für die Kurden abzugeben, damit sie einen eigenständigen Staat bilden könnten. Ein Landgebiet herbeizaubern kann auch die UN nicht. Das müsste selbst Herr DT wissen, dass er unter diesen Umständen seine Truppen abzieht, ist darum nichts als fieses Fallenlassen von ehemaligen Verbündeten.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Drago Stanic  (drago stanic)
    In Syrien blockieren US Truppe syrische Armee bei ihren Vormarsch nach Norden. SAA ist noch nicht in Kobane gekommen weil US Truppe eine Brücke gespert haben. Auch ihre Konvois reisen von Links nach Rechts und am nächste Tag von Rechts nach Links. Es gibt kein Plan. oel felder haben sie noch nicht gereumt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Drago Stanic  (drago stanic)
    Erdogan werden jede Art von Sanktionen passen. Kann Publikum überzeugen von feindlichen Westen und sich ruhig Märkten in Osten wenden. Nach dem Putsch zieht Erdogan an Nerven von EUSA und NATO jeden Tag mehr. Türkei geht in andere Richtung als EUSA.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen