Zum Inhalt springen

Header

Audio
Leere Strassen: Die Argentinier halten sich an den Lockdown
Aus SRF 4 News aktuell vom 25.05.2021.
abspielen. Laufzeit 06:08 Minuten.
Inhalt

Explodierende Covid-19-Zahlen «In Argentinien wird es noch weitere Lockdowns brauchen»

In Argentinien steigen die Corona-Infektionszahlen derart stark an, dass in dem Land seit letztem Wochenende ein neuntägiger Lockdown gilt. Und es werde nicht der letzte Lockdown der Pandemie bleiben, ist SRF-Korrespondent David Karasek überzeugt.

David Karasek

David Karasek

Südamerika-Korrespondent, SRF

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

David Karasek ist seit Anfang 2021 Südamerika-Korrespondent von SRF. Von 2015 bis 2018 lebte und arbeitete er als freier Journalist in Kolumbien und berichtete aus verschiedenen Ländern wie Ecuador, Venezuela oder Kuba für mehrere Medienunternehmen – unter anderem für SRF, die «Neue Zürcher Zeitung» und den «Tages-Anzeiger». Danach war er als Produzent und Redaktor bei SRF 4 News tätig. Karasek studierte in Bogotá an der Universität Javeriana Politologie.

SRF News: Hält sich die argentinische Bevölkerung an die strengen Vorgaben des von der Regierung verordneten Lockdowns?

David Karasek: Die Argentinierinnen und Argentinier machen grösstenteils mit. Die Massnahmen werden kontrolliert, ausserdem sind während des neuntägigen Lockdowns wegen diverser Feiertage nur drei Arbeitstage betroffen. Das scheint für viele machbar zu sein. Auch war allen klar, dass etwas passieren musste: Letzte Woche wurden täglich 30'000 Neuansteckungen und 500 Tote gemeldet. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl gehören diese weltweit derzeit zu den höchsten Zahlen.

Wie konnte es so weit kommen?

Da spielen mehrere Faktoren mit: Die brasilianische Virusvariante breitet sich in ganz Südamerika stark aus, auch im Nachbarland Argentinien. Ausserdem arbeiten 40 Prozent der argentinischen Bevölkerung im informellen Sektor – also unregistriert und ohne Sozialleistungen etwa im Krankheitsfall. Sie müssen also jeden Tag arbeiten, sonst gibt es abends nichts auf den Teller.

Der Winter steht vor der Tür. Man trifft sich wieder vermehrt in geschlossenen Räumen.

Zudem steht in Argentinien der Winter vor der Tür, man trifft sich wieder vermehrt in geschlossenen Räumen. Und: Die Impfungen kommen nicht voran.

Corona: Glückskette verstärkt Sammlung

Box aufklappenBox zuklappen
Corona: Glückskette verstärkt Sammlung
Legende: Dank Spendengeldern kann die Helvetas zum Beispiel in Pakistan aktiv sein. Glückskette

Die Coronavirus-Krise hört nicht an den Landesgrenzen auf: Die humanitären Bedürfnisse in Südasien und Lateinamerika sind enorm und es sind dringend mehr Mittel nötig. Deshalb verstärkt die Glückskette ihren Spendenaufruf für die Sammlung Coronavirus International.

Spenden auf das Postkonto 10-15’000-6 mit Vermerk «Coronavirus International» oder direkt über die Webseite www.glueckskette.ch, Link öffnet in einem neuen Fenster sind sehr willkommen.

Was sind die Probleme beim Impfen?

Wie in vielen weniger reichen Ländern gibt es zu wenig Impfstoff. Derzeit sind offiziellen Angaben zufolge erst knapp fünf Prozent der Menschen vollständig geimpft (zum Vergleich: In der Schweiz sind es derzeit gut 16 Prozent).

Russland hat zu wenig Impfstoff geliefert.

Das Problem: Argentinien ist einmal mehr pleite, deshalb wollten manche Impfstoffhersteller mit dem Land keine Lieferverträge abschliessen. Impfstoff geliefert hat Russland, aber viel weniger als bestellt. Die Impfkrise geht also auf zu wenig Geld und schlechtes Management zurück.

Personen in gelben Voillköperanzügen mit einem Sarg.
Legende: Letzte Wochen starben jeden Tag rund 500 Menschen in Argentinien mit oder an Corona. Reuters

Vor einem Jahr galt in Argentinien einer der strengsten und längsten Lockdowns der Welt. Welche Spuren hat er hinterlassen?

Das Land war schon vor der Pandemie pleite, dann kam der erste Lockdown. Fast die Hälfte der Argentinierinnen und Argentinier leben inzwischen unterhalb der Armutsgrenze, die Zahl der Bedürftigen ist massiv angestiegen. Für viele Menschen ist die Ernährungssituation prekär.

Fast die Hälfte der Argentinierinnen und Argentinier lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Laut Staatspräsident Alberto Fernandez soll jetzt ein Rettungspaket für Unternehmen und Haushalte im Umfang von fünf Milliarden Dollar Linderung bringen.

Gibt es Zeichen für eine Entspannung?

Nein. Die neun Tage werden nicht reichen, um die Situation nachhaltig zu verbessern. Es werden weitere Lockdowns nötig sein. Inzwischen sind die Betten in den Spitälern landesweit im Durchschnitt zu 73 Prozent belegt, die höchste Rate seit Beginn der Pandemie. Die peronistische Regierung will allen Erkrankten, die darauf angewiesen sind, ein Spitalbett zur Verfügung stellen, was für Südamerika sehr aussergewöhnlich ist.

Die neun Tage Lockdown werden nicht reichen.

In Ecuador starben Covid-19-Patienten auf der Strasse, in Brasilien manche beim Anstehen vor dem Spital. In Argentinien soll es nie so weit kommen, das hat die Regierung der Bevölkerung versprochen. Sie hat dabei auch die Parlamentswahlen vom November im Blick, bei denen sie die Regierungsmehrheit behalten will.

Das Gespräch führte Claudia Weber.

SRF 4 News, 25.05.2021, 07:50 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

11 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Norbert Zeiner  (ZeN)
    Man schaue sich zeitliche Verläufe von Europa/Nordamerika und Südamerika genauer an, da müsste was auffallen. So wie im letzten Spätherbst die Zahlen in Europa/Südamerika explodiert sind, tun sie das nun im Spätherbst in Süd-Amerika. Da ist Ursache zu suchen, und nicht in irgendwelchen politisch herbeigeredeten Gründen, die man grad dazu passend hinzudichtet.
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Haben Sie den Artikel nicht gelesen? Die brasilianische Virus-Variante breitet sich in Südamerika rasch aus und mit dem nahen Winter hält sich die Bevölkerung vermehrt in geschlossenen Räumen auf.
    2. Antwort von Sven Peter  (Nothingman)
      Ja Herr Planta, offensichtlich ist ihnen nicht bekannt, dass respiratorische Erkrankungen zunehmen, wenn es kälter wird… egal wie aufmerksam sie den Artikel lesen. Und das wird für alle Ewigkeit so bleiben… aber sie dürfen sich natürlich weiterhin darüber wundern…
  • Kommentar von Max Weiss  (Zitadelle)
    Auch wenn ich Bolsonaro verabscheue. Ich konne seine Coronapolitik besser nachvollziehen, als die vom Nachbarland.
    1. Antwort von Koni Herzog  (Koni H.)
      Bolsonaro und Coronapolitik, er hatte keine Ideen, absolut nichts und liess seine Landsleute zu tausend sterben. Ich kann da gar nichts nachvollziehen.
  • Kommentar von Christian Weber  (CWeb)
    "Fast die Hälfte der Argentinierinnen und Argentinier leben inzwischen unterhalb der Armutsgrenze, die Zahl der Bedürftigen ist massiv angestiegen. Für viele Menschen ist die Ernährungssituation prekär."
    Steht dann so mal nebenbei in der unteren Hälfte des Berichts, als ob es nicht das Schlimmste wäre, was in dem Land passiert.
    1. Antwort von Daniel Flückiger  (Daniel Flückiger)
      Es steht dort, wo es gefragt wurde. Was ist genau das Problem?
    2. Antwort von Thomas Steiner  (Thomas Steiner)
      Herr Weber, es ist auch nicht das Schlimmste: Covid ist es, es sterben aktuell in Argentinien 500 Menschen jeden Tag daran.
    3. Antwort von Christian Weber  (CWeb)
      Daniel Flückiger: Ich interessiere mich sehr für das Weltgeschehen. Dass es mit der Armut in Argentinien derart schlimm aussieht, ist mir jedoch neu. Wichtig scheinen nur die Corona-Zahlen zu sein. Dass die Leute verhungern, ist eine Randnotiz...?
    4. Antwort von Christian Weber  (CWeb)
      Thomas Steiner: Die Zahlen in Argentinien entsprechen runtergerechnet etwas dem, was wir im Herbst hatten. Unterschied: Bei uns ist niemand verhungert, wir können mal einfach so zurück in die Normalität, wenn es vorbei ist. Dort wird das Elend noch Jahre weitergehen.
    5. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      Das ist in der Tat schlimm, Herr Weber. Nur: Bei einem ohne Massnahmen grassierenden Virus geht es der Wirtschaft auch nicht besser. Gemäss Volkswirtschaftlern.