Zhang Huoqing hat keine Zeit. Keine Zeit für Interviews, keine Zeit, um ihren Profit auszurechnen, und auch keine Zeit, Pause zu machen. Sie ist vom ganzen Rummel völlig überrascht worden.
In ihrem Laden in der Stadt Yiwu stehen tausende rote Plüschpferde, die weinen. Sie will vor Neujahr noch so viel verkaufen, wie möglich. Ihr Modell ist der Star des diesjährigen Neujahrsgeschäfts.
Hallo. Dieses Pferd ist unglücklich.
Die Fabrik «Happy Sister» hatte zunächst nur das lachende Modell produziert. Dann nähte eine Mitarbeiterin einem Exemplar das Maul falschherum auf den Kopf – ohne es zu merken.
Das Plüschtier landete bei einer Kundin. Sie wollte es umtauschen: «Hallo. Dieses Pferd ist unglücklich», schrieb sie dem Händler. Man entschuldigte sich und lachte darüber.
Die Gefühlslage voll getroffen
Am 4. Januar publiziert die Kundin den Chatverlauf auf der Onlineplattform Rednote mit dem Kommentar «Dieses Pferd ist ein bisschen traurig!!». Es geht viral. Das «weinende Pferd» ist geboren. In Yiwu stellt Chef Zhang Huoqing auf Grossproduktion um.
«Es hat so eingeschlagen, weil es die Gefühlslage der Büroangestellten zeigt», sagt die Unternehmerin. Es sei unabsichtlich ein Niuma, ein Arbeitstier, geworden. Niuma bedeutet übersetzt «Ochsen und Pferde».
So nennen sich in China sarkastisch Angestellte, die ohne Ende schuften. Schuften bedeutet heute im Tech-Sektor oft 996: arbeiten von 9 bis 9 Uhr, sechs Tage die Woche.
Hohe Jugendarbeitslosigkeit
Die Tage rund ums Neujahr in China sind Feiertage. Eine Woche lang liegt das Land still. Die Kinder fahren zu ihren Eltern nach Hause, um gemeinsam das neue Jahr zu begrüssen.
Doch bei den Jungen ist die Stimmung dieses Jahr eher gedrückt. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch und viele junge Menschen blicken mit Sorge in die Zukunft. Man stellt sich die Frage, ob der Lebensstandard der Eltern noch erreichbar ist.
Das traurige Pferd erlaubt es, sich anders zu fühlen und Emotionen auszudrücken, die man sonst glaubt, nicht ausdrücken zu können.
Psychologe Georg Hu betreut die Studierenden an der Duke-Kunshan-Universität in Shanghai. Er beobachtet einen riesigen Druck, stets positiv, hoffnungsvoll und zufrieden sein zu müssen. Man wolle nicht als depressiv oder als ängstlich gelten.
Da helfe das Pferd. «Es erlaubt es, sich anders zu fühlen und Emotionen auszudrücken, die man sonst glaubt, nicht ausdrücken zu können», sagt Hu. In China gebe es nur wenige Orte, wo man gesellschaftlich akzeptierte Hilfe erhalten könne.
Hauptsache, das Geschäft läuft
Wie schwierig es in China heute ist, Negatives auszudrücken, zeigt auch ein Blick in die Berichterstattung in den Staatsmedien über das weinende Pferd. Der «schöne Fehler» zeige den Unternehmergeist und die Produktionskapazität von Yiwu. Warum die Pferdetränen für so viel Anklang sorgen, bleibt sekundär.
Unternehmergeist hat jedoch Zhang Huoqing allemal. Ihr neuestes Modell, das Pferd 2.0, hat eine drehbare Schnauze. Es kann lachen und weinen. «Manchmal ist das Leben süss und manchmal bitter», sagt sie.
Sie habe schon viele Hindernisse überwunden. Das Pferd sei eine der Freuden ihres Lebens und eine angenehme Überraschung. «Meine Neujahrsprodukte haben sich noch nie so schnell und gut verkauft.»