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Zarifa Ghafari: «Wir wollen dieselben Rechte, wie sie Frauen in anderen muslimischen Ländern haben»
Aus Echo der Zeit vom 22.09.2021.
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Flucht aus Afghanistan Das Exil wird Zarifa Ghafari nicht zum Schweigen bringen

Sie war eine der wenigen Bürgermeisterinnen in Afghanistan. Nach der Machtübernahme der Taliban flüchtete sie nach Deutschland und kämpft weiter. Am liebsten will sie aber zurück.

Vor einem Monat flüchtete Zarifa Ghafari vor den Taliban. Via Islamabad, Istanbul und Köln landete Afghanistans jüngste Bürgermeisterin im deutschen Hilden. Doch in Gedanken sei sie noch immer in Afghanistan, erzählt die 29-Jährige in einem Strassencafé. «Ich kann keinen Moment an etwas anderes denken als an mein Land, meine Landsleute, besonders an die Frauen.»

Ich kann keinen Moment an etwas anderes denken als an mein Land, meine Landsleute, besonders an die Frauen.
Autor: Zarifa Ghafari Ehemalige Bürgermeisterin, Maidan Shar

Sie kämpfte dafür, dass sich Frauen beruflich entfalten können, als Bürgermeisterin in Maidan Shar, der Hauptstadt der konservativen Provinz Wardak. Zuvor hatte sie einen Radiosender für junge Frauen gegründet. Ihr Engagement gefiel nicht allen.

Am ersten Arbeitstag im Juli 2018 verbarrikadierten Männer ihren Amtssitz. Ein Mob, bewaffnet mit Steinen und Stöcken, bedrohte sie. Aus Sicherheitsgründen musste Zarifa Ghafari nach Kabul eskortiert werden. Doch sie kehrte immer wieder nach Maidan Shar zurück. Nur in den letzten Monaten vor der Machtübernahme der Taliban wurde das zu gefährlich.

Ich weiss nicht, wo sie sind. Wir sorgen uns um diese Frauen.
Autor: Zarifa Ghafari Ehemalige Bürgermeistern, Maidan Shar

Im Stadthaus zurückgeblieben sind einige Frauen, die sie als Bürgermeisterin eingestellt hatte. Allerdings ist der Kontakt zu den Mitarbeiterinnen abgebrochen. «Sie nutzen nicht mehr dieselben Telefonnummern. Ich weiss nicht, wo sie sind. Wir sorgen uns um diese Frauen.»

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Aus dem Archiv: In Afghanistan kennt man keinen Frieden mehr
28:37 min, aus International vom 19.06.2021.
abspielen. Laufzeit 28:37 Minuten.

Ghafari orientiere sich nicht an einem westlichen Geschlechterbild. Den bärtigen Mullahs in Kabul möchte sie folgendes zu verstehen geben:  «Wir – die afghanischen muslimischen Frauen – wollen dieselben Rechte, wie sie Frauen in der pakistanischen Regierung haben. Wir wollen dieselben Rechte, wie sie Frauen in anderen muslimischen Ländern haben. Oder seid ihr etwa die besseren Muslime?»

Legende: Am liebsten würde Ghafari nach Afghanistan fliegen und mit den Taliban verhandeln. Aber wieso sollten die neuen Machthaber mit einer ihnen verhassten Frauenrechtlerin verhandeln? SRF

Dreimal versuchten die Taliban die studierte Ökonomin umzubringen. Stattdessen hätten die Extremisten ihren Vater getötet, einen Offizier in der afghanischen Armee, erzählt Ghafari. Das Exil wird die Politikerin nicht zum Schweigen bringen. Im Gegenteil. Hier im Westen findet sie gerade eine Riesenöffentlichkeit.

Legende: An einem Tag tritt Ghafari als Gastrednerin auf einer Anti-Taliban-Demonstration in Paris auf. An einem anderen trifft sie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder sie debattiert bei Denkfabriken mit. Keystone

Was sie damit konkret bewirken kann, ist ungewiss. Immerhin lenkt die Hektik vom Schmerz ab, den sie empfindet. «Stellen Sie sich vor, ein Mensch setzt eine Pflanze und pflegt sie 20 Jahre lang. Daraus wird ein grosser, schöner Baum. Dann passiert diesem Baum innerhalb eines Tages was.» Wie sich das anfühlt, was das bedeutet, könne sich nur vorstellen, wer das schon erlebt habe.

War diese Pflanze tatsächlich so prächtig? Wurde sie nicht zunehmend auch vom Unkraut der Korruption umschlungen? Ghafari stellt nicht in Abrede, dass der afghanische Staat, wie er bis zum Einmarsch der Taliban existierte, an vielem krankte.

Keine Kritik mehr möglich

Die Bevölkerung lebte ständig in Angst vor Anschlägen. «Aber immerhin stand es uns zu, Mächtige korrupt zu nennen und ihnen zurufen: ‹Hört auf›». Nun könne niemand in Afghanistan Mullah Baradar fragen, wieso er dies oder das getan hat. «Die Taliban würden gleich auf die Kritiker schiessen.»

Echo der Zeit, 22.09.2021, 18:00 Uhr

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Weltmächte einigen sich. Gemeinsame Linie gegenüber Taliban. Sie fordern eine repräsentative Regierung, Frieden und Stabilität in Afghanistan: Mit einem gemeinsamen Aufruf haben sich fünf Weltmächte an die Taliban gewandt. Alle fünf Weltmächte wollen "ein friedliches und stabiles Afghanistan, in dem humanitäre Hilfe ohne Probleme und ohne Diskriminierung verteilt werden kann". In dem die Rechte von Frauen und Mädchen respektiert werden,kein Zufluchtsort für den Terrorismus.
  • Kommentar von Charles Morgenthaler  (ChM)
    Sicher ist in AFG in den vergangenen 20 Jahren eine Generation herangewachsen, welche bereit ist den Frauen die selben Rechte einzuräumen wie den Männern. Doch in der Mehrheit sind sie (leider) noch lange nicht. Das Gros der Bevölkerung bleibt ihren archaischen Traditionen verhaftet und wird es noch länger bleiben. Das hat den Taliban auch zum raschen Sieg verholfen. Darum habe ich auch nicht die geringste Hoffnung, dass sich die Situaton dort bald ändert.
    1. Antwort von Monika Mitulla  (momi)
      In Afghanistan herrschte 30 Jahre lang Krieg. Ob da eine Humanität nach unseren Vorstellungen herangereift sei? M.E. wäre das ein Wunder.