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Gefährliche Eskalation Am Horn von Afrika droht ein regionaler Flächenbrand

Die Konflikte in Äthiopien, Eritrea und dem Sudan beginnen sich zunehmend zu überlagern.

In der nordäthiopischen Region Tigray wächst erneut die Gefahr eines Krieges. Gleichzeitig verschärfen sich die Spannungen zwischen Äthiopien, Eritrea und dem Sudan. Die Konflikte greifen immer stärker ineinander und drohen, zu einem regionalen Konfliktsystem zu verschmelzen.

Sarah Fluck

Afrika-Korrespondentin

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Sarah Fluck ist seit 2024 Afrika-Korrespondentin von Radio SRF und lebt in der ugandischen Hauptstadt Kampala. Vor ihrem Engagement bei SRF war Fluck als freie Journalistin in Ostafrika tätig. Sie hat Afrikapolitik an der «School of Oriental and African Studies» (SOAS) in London studiert.

Warum droht in Tigray wieder Krieg?

Zwischen 2020 und 2022 tobte in der Region Tigray einer der brutalsten Kriege Afrikas. Zwar beendete das Pretoria-Abkommen die Kämpfe zwischen der äthiopischen Regierung und den Tigray-Rebellen der TPLF, doch zentrale Konflikte blieben ungelöst. Anfang Mai erklärte die TPLF nun, sie setze die alte Regionalregierung wieder ein. Damit stellt sie das Friedensabkommen offen infrage. Gleichzeitig verlegt Äthiopien erneut Truppen Richtung Tigray.

Warum ist Eritrea dabei so wichtig?

Tigray grenzt direkt an Eritrea. Eritrea kämpfte im letzten Tigray-Krieg noch gemeinsam mit Äthiopien gegen die TPLF. Heute sind die Beziehungen zwischen Eritrea und Äthiopien jedoch stark angespannt. Äthiopien wirft Eritrea inzwischen vor, TPLF-nahe Kräfte und andere Gegner der äthiopischen Regierung zu unterstützen.

Warum sind Eritrea und Äthiopien heute Gegner?

Ein zentraler Streitpunkt ist der Zugang zum Roten Meer. Seit der Unabhängigkeit Eritreas 1993 hat Äthiopien keinen direkten Meerzugang mehr und muss seinen Handel über fremde Häfen abwickeln. Lange galt der Konflikt als eingefroren. Doch seit drei Jahren sagt Premierminister Abiy Ahmed immer offener, Äthiopien brauche wieder direkten Zugang zum Meer. Eritrea befürchtet deshalb, Äthiopien könnte sich den Zugang militärisch sichern.

Warum verschärft auch der Sudan die Krise?

Äthiopien und der Sudan teilen eine lange Grenze. Der Krieg im Sudan schwappt deshalb seit Längerem über. Die sudanesische Armee wirft Äthiopien vor, die Rapid Support Forces (RSF) zu unterstützen, die seit zwei Jahren gegen die sudanesische Armee kämpft. Medienberichte sprechen von RSF-Ausbildungslagern in Äthiopien. Anfang Monat beschuldigte die sudanesische Armee Äthiopien zudem, Drohnenangriffe der RSF auf die Hauptstadt Khartum von äthiopischem Gebiet aus unterstützt zu haben. Äthiopien weist die Vorwürfe zurück. Gleichzeitig rücken der Sudan und Eritrea politisch und militärisch näher zusammen.

Ägypten gegen Äthiopien: der Streit um Wasser und Macht

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GERD-Staudamm im Hintergrund. Äthiopienflagge im Vordergrund.
Legende: Der Grand Ethiopian Renaissance Dam (Gerd) am Blauen Nil gilt als Prestigeprojekt Äthiopiens. Ägypten befürchtet jedoch, dass der Mega-Staudamm langfristig seine Wasserversorgung gefährden könnte. Reuters / Tiksa Negeri

Ägypten spielt vor allem im Hintergrund eine wichtige Rolle. Kairo sieht Äthiopien seit Jahren als Rivalen, insbesondere wegen des gigantischen Nil-Staudamms Gerd (Grand Ethiopian Renaissance Dam) am Blauen Nil. Der Damm ist zwar inzwischen eröffnet und produziert Strom, doch der Streit um die langfristige Nutzung des Nilwassers bleibt ungelöst. Ägypten befürchtet, dass Äthiopien in Dürrezeiten zu viel Wasser zurückhalten könnte.

Deshalb versucht Kairo seit Jahren, den Einfluss Äthiopiens am Horn von Afrika einzudämmen. Im Sudan unterstützt Ägypten politisch und militärisch die sudanesische Armee (SAF). Gleichzeitig hat Ägypten die militärische Zusammenarbeit mit Eritrea ausgebaut. Sollte der Konflikt zwischen Äthiopien, Eritrea und Tigray erneut eskalieren, könnte Ägypten dadurch indirekt stärker hineingezogen werden. Auch genau deshalb warnen Expertinnen und Experten vor einem regionalen Konfliktsystem.

Droht nun ein regionaler Krieg?

Noch nicht. Aber die Konflikte greifen immer stärker ineinander. Staaten unterstützen bewaffnete Gruppen über Grenzen hinweg. Eine lokale Eskalation könnte deshalb schnell eine Kettenreaktion auslösen. Noch scheint keine Seite einen grossen Krieg zu wollen. Gleichzeitig bereiten sich aber fast alle militärisch darauf vor.

Was könnte einen Krieg verhindern?

Diplomatie: Zuerst müssten TPLF und die äthiopische Regierung wieder zum Pretoria-Abkommen zurückkehren. Gleichzeitig braucht es Druck der Afrikanischen Union, der Golfstaaten und westlicher Länder, damit Staaten der Region aufhören, bewaffnete Gruppen gegenseitig zu unterstützen.

Echo der Zeit, 10.5.2026, 18 Uhr ; 

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